Hicksli

DSC02741

Die Kinder bauen im Keller eine Playmobilstadt. Ich bügle und schaue zu, wie sie spielen. Da ruft Katharina: „Mama, schau, da ist ein Hicksli.“

„Hicksli?“, frage ich und weiß gar nicht, was sie meint. Hicksli-Schächtli kenne ich, das ist eine Schachtel, in die man die Sorgen (Hickslis, von Schluckauf) legen kann.

Sie hält eine kleines rotes Plastikteil hoch. Vor der Ferne sieht es aus wie Playmobil-Kleinteile eben aussehen. Sie bringt es zu mir ans Bügelbrett.

Es ist ein kleiner roter Plastikverschluss, wirklich kaum zu unterscheiden von irgendwelchen Playmobil-Verbindungsteilen. Aber ich erkenne ihn sofort.

„Weißt du noch, Mama“, sagt Katharina, „Ich habe da einmal einen Stab gehabt von denen. Einen ganz langen.“ Sie lacht dabei, streckt die Arme weit auseinander, um zu zeigen, wie lang der Stab war, und freut sich, den Verschluss zu sehen.

Als Katharina Leukämie hatte, sammelte sie die Verschlüsse und schraubte sie zu einem Stab zusammen. Diese roten Plastikverschlüsse verschlossen ihren Hickmankatheter. Deshalb nennt sie den Verschluss „Hicksli“. Obwohl wir das damals nicht gemacht haben.

Der Hickmankatheter ist ein Schlauch, der direkt im Herzen befestigt ist. Er ragt aus der Brust heraus (die Austrittsstelle ist mit einem Pflaster geschützt), sein Ende ist mit einem dicken Verband geschützt. Maus nannten wir den, weil er aussah wie eine weiße Maus. Der Katheter wird eingesetzt, damit Patientinnen nicht jedes Mal gestochen werden müssen, wenn sie zur Chemotherapie müssen.

Der Hickman ist gut, sagte man uns, und ich sah das auch ein. Trotzdem fürchtete ich mich. Davor, dass der Schlauch reißen könnte und Katharina verbluten (das wäre nicht passiert, aber Ängste sind oft irrational). Davor, dass eine Infektion sich einschleichen könnte. Davor, dass er verstopfte und unbrauchbar wurde.

Katharina durfte nicht baden oder duschen mit dem Katheter. Ich musste sie mit dem Waschlappen waschen. Sie wollte nicht nackt sein und den Schlauch sehen. Am schlimmsten war für sie der Pflasterwechsel. Da schrie sie und ich musste sie festhalten. Sie verstand nicht, warum wir sie jede Woche so quälen mussten, obwohl ich ihr jede Woche zu erklären versuchte, wie notwendig das war.

In Pausen zwischen Chemotherapieblöcken kam ein mobiler Pflegedienst, um das Pflaster zu wechseln und Blut abzunehmen. Dann musste ich assistieren und alles herrichten. Zehnmal überprüfte ich, ob alles vorhanden war.

Alpträume hatte ich von diesem roten Verschluss. Ich träumte, ich hätte den Verschluss vergessen und zu Hause war keiner mehr. Ich träumte, wie die Blutabnahme ohne Zwischenfälle ablief, wie wir am Schluss dastanden mit einem offenen Hickman, in den ungehindert Keime eindrangen, wie wir nichts dagegen tun konnten. Ich wachte schweißgebadet auf. Es ging immer alles gut. Die mobile Krankenpflegerin passte auf und ich auch.

Ich stehe hinter dem Bügelbrett, schaudere ein bisschen, halte das keine rote Plastikding in der Hand und wundere mich, wie viele Erinnerungen es hervorruft, wie viele Emotionen. Sie stürmen alle gleichzeitig auf mich ein. Mir wird schwindlig. Ich halte den Verschluss in der Hand, erschrocken, schaue zu Katharina. Die wühlt in der Playmobilkiste.

„Vielleicht finde ich noch ein paar Hickslis und dann machen wir einen Stab“, sagt sie.

Sie findet aber keine Hickslis mehr. Ich beruhige mich langsam wieder und schaue ihr weiter zu. Ich bin froh, dass bei ihr eine freudige Erinnerung wach wird, wenn sie ein Hicksli sieht. Manchmal wenn sie an diese Zeit denkt, können wir ganz normal darüber plaudern, manchmal beginnt sie zu weinen. Besonders wenn sie sich vorstellt, dass sie damals keine Haare hatte.

Wir sprechen noch ein bisschen über den Hickslistab und darüber wie es damals war. Es scheint schon wieder weit weg. Es ist weit weg. Es ist fünf Jahre her.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Tag für Tag abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Hicksli

  1. dasmanuel schreibt:

    Immer wieder beeindruckend, wie Kinder solche Erlebnisse verarbeiten. Manchmal wünscht man sich, in solchen Situationen wie ein Kind denken zu können.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s