Heimkehr

Andreas Latzko

Aus: Menschen im Krieg (1917)

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Mit einem wütenden Fluch riß er den Hut vom Kopfe und warf ihn neben sich auf die Bank.

War das ein menschliches Gesicht? War es erlaubt, einen Menschen so herzurichten? Die Nase wie aus kleinen, verschiedenfarbigen Würfeln zusammengestückelt, der Mund verzogen, die ganze linke Wange aufgedunsen, wie rohes Fleisch, so rot, und kreuz und quer mit Narben durchzogen. Abscheulich! Dazu an Stelle des Backenknochens eine langgestreckte Höhle, so tief, daß ein Finger drin verschwand. Und dafür hatte er sich so quälen lassen? Dafür hatte er sich siebzehnmal, wie ein geduldiges Schaf, in das verfluchte Zimmer mit den Glaswänden, und den vielen, blitzenden Messern hineinlocken lassen. Ein heißer Schauer lief ihm heute noch über den Rücken bei der Erinnerung an die Qualen, die er zähneknirschend ertragen hatte, nur um wieder ein menschliches Aussehen zu kriegen, und heimkehren zu können zu seiner Braut.

Und nun war er da! Der Zug fuhr pfeifend aus dem Tunnel, die Kugelakazien vor dem Häuschen des Stationsvorstehers grüßten zum Fenster herein. Grimmig zerrte Johann Bogdán seinen schwerbepackten Rucksack durch den Korridor, stieg zögernd die Treppen hinunter, und stand ratlos, hilfesuchend da, als der Zug, der ihn gebracht hatte, hinter seinem Rücken davonfuhr.

Er zog sein großes, geblümtes Taschentuch hervor und trocknete den Schweiß, der in dicken Perlen auf seiner Stirne stand. Was sollte er nun anfangen? Warum war er überhaupt hergekommen…? Nun, da er endlich den Fuß auf den heißersehnten Heimatboden gesetzt, überfiel ihn mit einemmal rasendes Heimweh nach dem Spital, das er am gleichen Morgen, vor wenigen Stunden erst, jubelnd verlassen hatte. Er dachte an den langen Korridor mit den vielen, in Verbände gewickelten Menschen, die alle humpelten, hinkten, lahm, blind oder entstellt waren. Dort stieß sich längst niemand mehr an seinem zerschundenen Gesicht. Im Gegenteil! Die meisten waren ihm neidisch, weil er doch wenigstens arbeitsfähig geblieben war, seine gesunden Arme und Beine behalten hatte, und das rechte Auge. Gar viele wären bereit gewesen mit ihm zu tauschen. So mancher hatte mißgönnische Bemerkungen gemacht und es für ein Unrecht erklärt, daß der Staat ihm eine Invalidenrente bewilligt, für das verlorene Auge. Ein Auge und ein bissl ein zerkratztes Gesicht, das war doch nichts gegen ein Holzbein, einen lahmen Arm, oder eine durchschossene Lunge, die wie eine schlechte Maschine pfiff und rasselte, bei jeder geringsten Anstrengung. Ein Glückspilz war er im Kreise der vielen Krüppel gewesen. Eine Berühmtheit! Alle Welt kannte dort seine Geschichte. Wer ins Spital kam, wollte vor allem den Johann Bogdán sehen, der sich siebzehnmal operieren, die Haut sich in Streifen hatte aus Rücken, Brust und Schenkeln schneiden lassen. Nach jeder neuen Operation stand – wenn der Verband entfernt wurde – die Türe seines Schlafsaales keinen Augenblick still, hundert Meinungen wurden abgegeben, jedem Neuhinzugekommenen ausführlich erklärt, wie arg das Gesicht vorher gewesen. Die wenigen, die von Anfang an mit Bogdán das Zimmer geteilt, schilderten den früheren, grausigen Zustand mit einer Art Stolz, als hätten sie Anteil an den wohlgelungenen Operationen. So war Johann Bogdán allmählich fast eitel geworden auf seine fürchterliche Verwundung, auf die Fortschritte, die seine Verschönerung macht, und hatte das Spital in der Erwartung verlassen, in seinem Dorf wie eine Sensation bewundert zu werden. Und jetzt…?

[…]

Zur Marcsa gehen? Er…? Mit diesem Gesicht, vor dem die Bahnwärters Juli sich bekreuzigt…? War die Marcsa nicht im ganzen Komitat berüchtigt wegen ihrer spitzen Zunge und ihrer Hochnäsigkeit? Schockweise hatte sie die Männer abblitzen lassen, alle ausgelacht, alle zum Narren gehalten, ehe sie sich endlich in ihn vergaffte.

Johann Bogdán stopfte die Faust in den Mund und bohrte sich die Zähne tief ins Fleisch hinein, bis der heftige Schmerz ihm endlich das Schluchzen überwinden half. Dann vergrub er den Kopf in den Händen und versuchte nachzudenken.

Nie war ihm in seinem Leben irgend etwas schief gegangen, überall hatte man ihn gut leiden können, in der Schule, bei der Herrschaft im Schloß, und auch beim Militär. Als hübscher, aufgeweckter Junge, ausgezeichneter Reiter, schneidiger Kutscher, den seine Pferde liebten, wie er sie, war er, vergnügt vor sich hinpfeifend durchs Leben gegangen, gewöhnt, die Weiber geschmeichelt lächeln zu sehen, wenn er ihnen im Vorbeisausen großmütig eine Kußhand zuwarf. Nur bei der Marcsa hatte es etwas länger gedauert; aber die war ja auch weit und breit als das schönste Mädel berühmt, und selbst der gnädige Herr hatte ihm fast neidisch auf die Schulter geklopft, als sie sich verlobten.

„Ein schönes Paar!“ hatte der Herr Pfarrer gesagt.

Tastend fischte Johann Bogdán seinen kleinen Spiegel wieder aus der Tasche und sank zusammen, erdrückt von einer tiefen wehmütigen Traurigkeit. Das sollte nun der Bräutigam der schönen Marcsa sein? Was hatte dieses Affengesicht, dieses geflickte, scheckige Gefries, das ihm der verdammte Gauner, der Betrüger, der sich einen berühmten Professor schimpfen ließ, da zusammengeschustert hatte, mit Johann Bogdán zu tun, mit dem Johann Bogdán, dem die Marcsa die Ehe versprochen und weinend das Geleit gegeben hatte, als es losging.

[…]

Keinen Blick warf er mehr auf den buckligen Mihály, wandte sich kein einzigesmal um, zog ruhig weiter, und fühlte noch lange die warme Kehle in seiner Hand.

Was war ihm denn ein Mensch, der röchelnd auf der Straße lag? Ein Mensch mehr oder weniger! – An Tausenden war er so vorbeigezogen, in der schaukelnden Gleichmäßigkeit der marschierenden Kolonne, stumpfsinnig vor Müdigkeit, ohne daran zu denken, daß die dichtgesäten grauen Flecke in den Wiesen, die Klumpen, die, wie Dunghaufen im Frühjahr, auf Schritt und Tritt die Straße säumten, Menschen waren, die der Tod hingelegt. Gewatet waren sie in Toten, dort bei Kielce, als es über das Feld ging, wo aus jeder Furche erdgraue Hände in die Luft krallten, blutgetränkte Hosenbeine und verzerrte Gesichter aus dem Boden wuchsen, als krabbelten alle Toten aus den Gräbern zum jüngsten Gericht. Gestolpert waren sie damals über Leichen; dem dicken, kleinen Reserveleutnant war es sogar totenübel geworden, zur großen Belustigung seines Zuges, weil ein schon halbverfaulter Russe, dem er versehentlich auf die Brust getreten, unter ihm einbrach, so daß er den Fuß kaum wieder frei bekam aus dem verpesteten Loch. Lächelnd erinnerte sich Johann Bogdán an die boshaften Scherze der Kompagnie über den leichenblassen Offizier, der, an einen Baum gelehnt, den heiligen Ulrich anrief, wie einer, der tüchtig über den Durst getrunken hat.

[…]

„Marcsa! Marcsa!“ klang es schmetternd hell über den weiten Hof.

Das Mädel wandte sich um und ließ ihn herankommen, neugierig, mit zusammengekniffenen Augen. Drei Schritt weit blieb Bogdán stehen.

„Marcsa!“ wiederholte er flüsternd, den Blick angstvoll auf ihr Gesicht geheftet. Er sah sie blaß werden, kreideweiß; sah ihre Augen unruhig hin und her hüpfen, von seiner linken Wange zur rechten hinüber und wieder zurück. Dann kam ein Grauen in ihre Augen, sie schlug die Hände vors Gesicht und lief davon, so schnell sie die Füße trugen.

Tief traurig starrte ihr Bogdán nach. Genau so hatte er sich das Wiedersehen vorgestellt; so, und nicht anders, seit die Bahnwärtersfrau, das Nachbarskind, ihn nicht erkannt. Nur daß sie davonlief, wurmte ihn! Das hatte sie nicht nötig. Johann Bogdán war nicht der Mann, der einem Frauenzimmer Gewalt antat. Gefiel er ihr nicht mehr, so wie er geworden war, nun dann konnte sie sich einen Anderen suchen, und er würde schon auch noch Eine finden, darum war ihm nicht bange. Das wollte er ihr auch sagen.

In großen Sätzen sprang er ihr nach, erwischte sie bei der Hand, als sie nur wenige Schritte vom Maschinenhaus trennten.

„Warum laufst du davon?“ knurrte er sie an, atemlos. „Brauchst nur zu sagen, wenn du mich nicht mehr willst. Meinst ich freß‘ dich auf…?“

Sie starrte ihn an, forschend – unsicher. Fast tat sie ihm leid, so arg zitterte ihr ganzer Körper.

„Wie siehst du aus?“ hörte er sie stammeln, und wurde rot vor Zorn.

„Hab’s dir ja schreiben lassen, daß mich eine Granate erwischt hat, hast gemeint, ich bin schöner geworden? Sag’s nur grad heraus, wenn du mich nicht mehr willst. Reinen Wein will ich haben! Ja, oder nein? Ich werde dich nicht zwingen zum Heiraten. Sag’s nur gleich: ja oder nein!“

Marcsa schwieg.

[…]

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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