Pensées: Telefon

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  1. Meine Oma bekam ihren ersten Telefonanschluss, als ich ungefähr 13 war. Zu der Zeit war das Telefon in Österreich eine Selbstverständlichkeit. Für meine Oma blieb es noch jahrelang Teufelszeug.
  2. Meine ersten drei Lebensjahre verbrachte ich bei meiner Oma in Kärnten. Meine Mutter arbeitete drei Wochen im Monat in Wien, eine Woche im Monat war sie bei mir. Sie war Haushälterin und ein so kleines Kind hätte sie nicht mitnehmen können.
  3. Mit meiner Oma kommunizierte sie per Brief. Wenn dann kurz nach ihrer Abreise nach Wien ein Brief ankam, in dem stand, das Baby habe Fieber, geriet meine Mutter in Panik. Sie konnte nicht nachfragen, was den los sei, und meine Oma gab sich in den Briefen eher wortkarg. Für sie war ein fieberndes Baby etwas Erwähnenswertes, aber die genaueren Umstände oder gar die Maßnahmen, die zu treffen gedachte, beschrieb sie nicht.
  4. Meine Mutter konnte nichts anderes tun, als sofort einen Brief mit ihren Fragen abzuschicken und dann tagelang auf einen Brief meiner Oma zu warten. In banger Sorge. Nicht wissend, ob sich die Situation in den letzen Stunden verschlechtert hatte oder ob es ihrem Kind gutging.
  5. 1987 verbrachte ich den Sommer in Florenz. Vom Hauptbahnhof aus telefonierte ich nach Hause. Bei den öffentlichen Telefonzellen standen Männer und winkten mich heran. Zuerst fürchtete ich mich ein bisschen, aber dann wurde ich neugierig. Einer der Männer fragte mich, ob ich telefonieren wollte, als ich bejahte, drückte er in einem ganz bestimmten Rhythmus auf der Telefongabel herum und nach einer Weile war die Leitung frei. Ich musste nichts bezahlen. Jedes Mal, wenn ich telefonieren wollte, machte ein Mann das so für mich. Alleine schaffte ich es nicht. Ob dieser Trick bei allen italienischen Telefonzellen funktionierte oder nur in Florenz am Bahnhof weiß ich nicht.
  6. Als ich 1989 in Wien in meine Studentenwohnung einzog, gab es in der Wohnung nur einen Viertelanschluss. Wenn einer der anderen drei Teilnehmer telefonierte, war das Telefon blockiert. Dann gab das Telefon – es war noch so eines mit einer Wählscheibe, das damals schon fast eine Rarität war – einen lauten Schnackellaut von sich. Da wusste ich schon immer vorher, ob ich telefonieren konnte oder nicht.
  7. 1992 fuhr ich mit meinem damaligen Freund für vier Wochen nach Kenia. Einmal pro Woche telefonierten wir nach Hause, um den Eltern zu sagen, dass wir noch lebten. Dafür mussten wir uns in Nairobi beim Hauptpostamt anstellen, am Schalter die Telefonnummer angeben, Vorauskasse bezahlen und dann wurden wir aufgerufen, wenn die Verbindung zustande gekommen war. Das konnte eine weitere halbe Stunde dauern.
  8. Ein Jahr lang – 1997 – führten mein Mann und ich eine Fernbeziehung, weil er in Vorarlberg arbeitete und ich noch in Wien studierte. Da war das Mobilfunknetz gerade so gut ausgebaut, dass es sinnvoll war, uns Handys zu kaufen. Die waren groß wie Fernbedienungen, hatten Antennen und konnten nichts. Aber wir telefonierten viel miteinander.
  9. Heute hat fast jeder ein Smartphone (ich nicht). Bei uns bekamen Anna und Lukas eines, als sie ins Gymnasium kamen, weil sie jetzt täglich in die Stadt fahren müssen und ich gerne habe, wenn sie erreichbar sind.
  10. Anna gefällt das nicht so. Also das Smartphone schon. Aber sie lässt es ganz gerne absichtlich zu Hause liegen, damit sie nicht erreichbar ist. Für sie scheint das ein Stück Selbstständigkeit zu sein. Lukas scheint es eher Sicherheit zu geben, wenn er alleine unterwegs ist.
  11. Ich versuche, beide Kinder so selten wie möglich anzurufen, nur in Notfällen. Eltern, die jede Viertelstunde anrufen müssen, finde ich enervierend.
  12. Aber ganz ohne Handy zu leben, so wie meine Mutter damals, als ich klein war, das kann ich mir nicht mehr vorstellen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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