Milchfrau in Ottakring

Von Alja Rachmanowa

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15. Februar 1927

Die deutsche Sprache hat einen Ausdruck, der mich geradezu packt. So gerne möchte ich in sein Geheimnis eindringen und mir seine Philosophie zu eigen machen. Philosophie sage ich, denn er enthält die Weisheit des Lebens; hundertmal im Tage höre ich ihn und beneide alle diejenigen, die ihn aussprechen. Ich weiß nicht, ist er nur für den Winkel typisch, in dem wir leben, spricht man ihn in ganz Wien, in ganz Österreich oder vielleicht gar in ganz Deutschland, aber ich bin begeistert von ihm und vor allem von der Art, wie er ausgesprochen wird.

Das kommt zum Beispiel die hübsche Frau Bergmann zu mir. Jeden Tag beobachte ich sie mit einem Gefühl der Freude und des Wohlbehagens. Mich bezaubern die Wienerinnen, ihre wunderbare Grazie, ihr Geschick, sich zu kleiden, und ihr fröhliches, ungezwungenes und doch bescheidenes Wesen. Und dazu sind hier die meisten einfachen Frauen beinahe so elegant  und fein in ihrem Benehmen wie irgendwelche Damen aus der Gesellschaft. Nun da ist die Frau Bergmann, gekleidet in ein ganz einfaches, dunkelblaues Kleidchen, die Füße stecken in zierlichen Spangenschuhen, die enganliegenden Strümpfe zeigen ein hübsches Bein. An der Hand führt sie einen kleinen blondhaarigen Knaben, der auch sehr einfach, aber doch herzig, wie eine Puppe, angezogen ist.

Es gibt gerade nichts zu tun und so setzt sie sich nieder, um mit mir zu plaudern.

„Nun, hat Ihr Mann noch immer keine Arbeit?“ frage ich.

„Nein“, antwortet sie, „aber das macht nichts. Er wird sich schon etwas finden!“

Ich vernehme das magische „das macht nichts“ und blicke ihr aufmerksamer ins Gesicht. Si eist ziemlich abgemagert und blässer geworden in den letzten Wochen, seitdem ihr Mann abgebaut ist.

„Mein Mann läuft den ganzen Tag herum und sucht. Irgend etwas wird er ja schon finden!“ sagt sie mit einem Tone, als ob sie mich trösten müsste und nicht ich sie. Statt wie früher eineinhalb Liter Milch nimmt sie neu ein Viertelliter für das Kind, zwei Semmeln und fünf Dekagramm Butter.

„Sehr schwer ist es halt wegen der Raten!“ plaudert sie weiter. „Für meine Spangenschuhe muss ich jede Woche zwei Schilling zahlen, und für die neuen Halbschuhe meines Mannes drei Schilling. Aber das macht nichts. Wir werden halt drei Tage nicht Mittagessen, dann werden wir uns schon herauswursteln!“

Sie lächelt. Aufmerksam studiere ich ihr Gesicht. Kein Schatten von Trauer oder gar Verzweiflung, nichts, was darauf hindeuten würde, daß diese Unbekümmertheit vielleicht nur eine heroische Pose wäre. Sie nimmt das Leben, wie es ist, und ist überzeugt, daß es wieder besser werden wird.

„Im Krieg war es noch schlimmer“, sagt sie.

„Schlange sind wir da gestanden, gehungert haben wir, und dann ist’s doch wieder besser geworden. Wenn man denken würde, daß alles schlecht ist, dann würde einen das Leben ohnehin nicht freuen. Meine Mutter hat auch immer gesagt: „Es macht nichts“, und es ist auch wirklich immer wieder besser geworden!“

In ihren Worten spürt man nichts von Leichtsinn; es ist eben eine eigene Art von Philosophie. Sie will den Kopf nicht hängen lassen, und sie tut es auch nicht. Sie lebt einfach so weiter, als ob nichts geschehen wäre, brennt jeden Morgen sorgfältig ihre Locken, zieht sich an, wäscht und kämmt ihren Kleinen, reinigt ihre ganz kleine Wohnung, wischt sorgfältig jedes Stäubchen weg und geht dann einkaufen. Dann bereitet sie das Mittagessen, und nach dem Essen geht sie mit dem Knäblein ein wenig spazieren, sieht sich alle Auslagen an und kommt dann zu mir, um mir mit Entzücken zu erzählen, welch wunderschöne Sachen in der Mariahilferstraße ausgestellt sind. An jedes einzelne Kleid kann sie sich erinnern, und sie erzählt mir so, wie man von einem Märchen erzählt, von dem man nur träumt, nach dem man aber nicht verlangt. Dann teilt sie mir mit, daß sie sich für den Sommer selbst ein Kleidchen nähen wird, den Schnitt hat sie schon gekauft. Auch für das Kind verfertigt sie immer alles selbst, und vielleicht deshalb, weil sie immer alle Auslagen studiert, sieht auch jedes Kleidungsstück so aus, als ob es in einem guten Geschäfte gekauft wäre.

„Brauchen Sie für heute Abend Milch?“ frage ich, da sie sonst immer Milch zum Abend bestellte.

„Heute einen Viertelliter für den Buben. Wir werden ein wenig fasten. Aber das macht nichts, schlanke Linie ist ja modern.“

Sie steht auf und nimmt ihr Kind bei der Hand.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Milchfrau in Ottakring

  1. Ilse Stahr schreibt:

    Dank für die Werbung.
    Tipp zu Weiterlesen: Das Geheimnis der Milchfrau in Ottakring (Ilse Stahr)

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