Songs: Pink Floyd, Wish you were here

Das ist ein Beitrag für *.txt von Dominik Leitner.

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Ich war nie Fan von Pink Floyd. Ich gebe aber zu, damals, als ich noch zur Schule ging, Musicals nicht ungern hatte und am liebsten die Schule niederreißen wollte, weil ich das Gefühl hatte, von den konservativen Spießern gäbe es nichts zu lernen, damals hörte ich mit Inbrunst The Wall.

Wish you were here kannte ich nicht, bevor ich studierte. Ein Studienkollege (in den ich für kurze Zeit heimlich verliebt war, aber alles abstritt, als er einmal danach fragte) spielte mir den Song vor. Der kam mir damals schon tranig vor, und übertrieben. Aber jetzt fällt er mir manchmal ein. Ich summe dann immer nur den Schluss vor mich hin: „Swimming in a fish bowl, year after year, running over the same old ground, what have we found, the same old fears, wish you were here.“

So weit, es mir tatsächlich anzuhören, gehe ich nicht, wenn ich es summe, klingt es unprätentiöser. Ich denke dabei an meine Studienzeit. Wie ich damals Angst hatte, später einmal in einer mittelständischen Spießigkeit selbstzufrieden mein Dasein fristen zu müssen. Wie ich mir vornahm, alles dagegen zu tun. Wie ich viel später zu der Erkenntnis kam, dass es weniger schlecht ist, als ich befürchtete.

Ich denke auch an den Studienkollegen. Wie ich ihm nach Jahren auf Facebook zufällig begegnete. Wie anders sein Leben verlaufen ist als meines. Gerne würde ich ihn und einige andere Kollegen von damals treffen und hören, wie es ihnen jetzt im mittleren Alter mit ihrem Job, ihrer Familie, ihrem Leben geht. Ich möchte wissen, ob sie, die damals sich genauso wie ich vor der Verspießerung gefürchtet hatten, sich jetzt genauso wie ich damit abgefunden haben. Ob sie auch manchmal das Gefühl haben, im Kreis zu laufen und immer und immer wieder auf die gleichen Ängste zu stoßen, obwohl sich das Leben meilenweit weiterentwickelt hat.

Seltsamerweise wünsche ich mir da die Kollegen eher als die Kolleginnen herbei. Vielleicht weil ich mich vor den unvermeidbaren Frauengesprächen fürchte, in denen alle so tun, als fiele ihnen alles im Leben halbwegs leicht, obwohl es doch so schwer ist. In denen es nur um die Kinder geht und um uns selbst und unser Selbstmitleid, in denen niemand eine Schwäche zugibt. Gespräche, die ich mit x Müttern im Dorf geführt habe. Die unvermeidlich und unabänderbar scheinen.

Dabei würde ich gerne mit Frauen über Politik sprechen und über Kunst, aber das ergibt sich nicht, weil sie und ich durch die Kinder/Alltagsgespräche eine gewisse Bestätigung brauchen.

Über Sex würde ich auch gerne sprechen, ganz offen und ehrlich, über meine Vorlieben und die der anderen. Einander Anregungen geben. Aber das geht schon gar nicht. Wie könnte ich nach hunderten Windel/Schul/Haushaltsgesprächen plötzlich mit so etwas daherkommen, ohne zu schockieren oder zumindest betretenes Schweigen auszulösen. Früher, als alles viel unbeschwerter war, wäre das gegangen, wenn ich es damals gewollt hätte.

Und wenn ich mich dann in meinem mittelalterlichen, mittelständischen Mutterfischglas gefangen fühle, fällt mir auf einmal auf, dass es nicht andere Menschen sind, die ich mir herbeisehne, sondern ich selbst. Dass ich unzufrieden mit mir bin, und dass diesen Zustand niemand anders als ich selbst ändern kann. Dass ich mich nach meinem jungen Selbst sehne, das abenteuerlich und mutig war und glaubte, die Zukunft wäre für alles offen.

Obwohl dieses Selbst auch nur in meiner nostalgisch verklärten Erinnerung existiert (ich erinnere mich dunkel an Ängste und Lethargie, Desinteresse und Verzagung).

Wenn ich Wish you were here summe, weiß ich, dass ich so werden möchte, wie ich als junge Frau gerne gewesen sein wollte. Ich versuche mich zu bemühen, ein bisschen so zu werden, und dann fühle ich mich besser. Oder wie Italo Svevo in Zeno Cosini schreibt: „Und um aufrichtig zu sein, wollte ich wirklich so werden, wie ich mich bemüht hatte zu scheinen.“

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Songs: Pink Floyd, Wish you were here

  1. dasmanuel schreibt:

    Wunderbar geschrieben. Vielen Dank dafür!

  2. la-mamma schreibt:

    das schönste an der *.txt-aktion ist, dass ich auf ganz neue blogs, mit sehr lesenswerten beiträgen stoße. z.b. diesen!

    PS: ich hab nach 30 jahren für die studienkollegen, die mit mir gleichzeitig begonnen haben und die ich noch gefunden hab, ein treffen organisiert. geschlechterverhätlnis war ausgewogen, wir haben kaum über windeln geredet … es war ganz eigen. und recht ehrlich. allerdings schon ohne gespräche über sex;-)

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