Outer Conch

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Das Piercingstudio, in das ich jahrelang ging (dessen Piercer mir eines seiner ersten Piercing nach seiner Lehrzeit machte), hat geschlossen. Es ist eine mittlere Katastrophe, den Piercer des Vertrauens zu verlieren.

Lange Zeit ließ ich mich überhaupt nicht piercen. Aus Protest. Aus Angst, an jemanden Unfähigen zu geraten. Aus Trägheit, mir ein neues Studio zu suchen.

Seit ich in Vorarlberg lebe, haben sicher schon fünf Piercingstudios, in denen ich mich piercen ließ, geschlossen. Obwohl man auf der Straße eigentlich viele Menschen mit Piercings sieht. Ich hoffe, ich bin da kein Totenvogel.

Jetzt hatte ich aber Lust auf ein Piercing, und um eines zu bekommen, musste ich mir eben ein neues Studio finden. Ich wollte am liebsten eines in der Nähe. Da fiel mir ein, dass ich in einem der Nachbardörfer vor einem biederen Haus ein rosarot-hellblaues Schild, das auf ein Piercingstudio hindeutet, gesehen hatte. Ich schaute auf die Website des Studios und war enttäuscht, nicht das erwartete Girlie-Piercingstudio vorzufinden, sondern eines wie eben die meisten anderen auch sind, mit tätowierten Totenschädeln und allem Drum und Dran.

Ich suchte weiter. In einem Ort in der Nähe betrieben drei Frauen ein Piercingstudio. Eines, das explizit den Schwerpunkt auf Piercings setzte. Der Internetauftritt war katastrophal unprofessionell, die Adresse kaum lesbar, das Studio sah auf den Fotos eher schmuddelig aus.

Aber, dachte ich mir, das sind drei Frauen, die etwas ausprobieren wollen und vielleicht ist PR ja nicht ihre Stärke. Ich rief also an und machte einen Termin aus. Das Studio lag in einem Einfamilienhaus in einer abgelegenen Gegend. In der Garage stand ein Sportschlitten, über und über mit Stickern und Werbung beklebt. An der Garage war ein Schild mit Instruktionen angebracht. Die Klingel neben dem Garagentor hatte ich zu betätigen, dann durch das Gartentor („unbedingt immer schließen!“) und um das Haus herumzugehen.

Im Souterrain befand sich der Eingang zum Studio. Die Tür stand offen. Durch eine muffige Waschküche, an einem riesigen Böhse Onkelz-Transparent vorbei, gelangte ich in den Piercingraum. Die Piercerin – eine Frau, die etwas älter als ich war – begrüßte mich. Sie trug einen schwarzen Jogginganzug (vorne fleckig, hinten voller Katzenhaare).

Aber ich wollte mein Piercing unbedingt. Ich wusste, ein outer Conch-Piercing war schmerzhaft, aber sicher auch für eine nicht ganze so erfahrene Piercerin zu schaffen.

Die Piercerin war sehr freundlich und sagte, meine Ohren sehen toll aus (was mir immer gefällt), sie maß die Position für das Piercing genau aus. Als sie stach, dachte ich mir: das ist eh alles sehr professionell. Dann sah ich auf einem Kästchen den  Aufkleber von Freiwild und dachte mir: wo bin ich hier bloß hingeraten? Aber jetzt war alles im Gange und viel konnte nicht passieren, dachte ich auch.

Da riss sie an meinem Ohr herum und als ich fragte, ob der Schmuck schon durchgefädelt sei, sagte sie, sie würde gleich anfangen, und fummelte noch mehr an dem Schlauch herum. Dann drückte sie den Schmuck durch, dass ich fürchtete, mein Ohr könnte zerstört worden sein. So hat das noch niemand gemacht. Das Stechen hat fast gar nicht geschmerzt, das Durchfädeln höllisch. Sie traktierte den Schmuck noch mit einer Zange, aber irgendwie wurde sie dann doch fertig.

Und ich hatte mein Piercing. Und ein seltsames Abenteuer in der Vorstadteinöde.

Aber noch einmal hingehen werde ich nicht.

Jetzt muss ich mir wieder ein neues Piercingstudio suchen. Ich würde mir ein helles, freundliches Studio ohne Totenköpfe wünschen, mit professionellen Piercerinnen. Ein Studio, das nicht von männlichen Tätowierern dominiert wird und in dem Piercing nicht nur die lästige Nebensache ist. In Vorarlberg scheint es so etwas nicht zu geben (außer das Studio, in dem ich gerade war, das aber auch nicht so war, wie ich mir das vorstelle).

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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36 Antworten zu Outer Conch

  1. P.A. Brandon schreibt:

    Weisst Du, weshalb die alle geschlossen haben? Mindestens vom Piercer deines Vertrauens dürftest du das wissen.

    • Karin Koller schreibt:

      Er war zwar Piercer meines Vertrauens, aber ich war eben nur alle paar Monate dort und eines Tages stand ich vor verschlossener Tür. Es wäre interessant zu wissen, ob sich Piercingstudios nicht lohnen, oder ob viele Piercerinnen (und Tätowiererinnen) nach einiger Zeit einfach etwas anderes machen wollen. Ich weiß es aber nicht.

  2. marion schreibt:

    ich kenne das problem, so bin ich zu insgesamt acht bauchnabelpiercings gekommen, weil ich mir probehalber immer ein umkompliziertes piercing machen ließ 🙂

  3. AL schreibt:

    Ich würde mich ja auch schon seit einiger Zeit gerne piercen lassen, aber ich habe noch keinen Weg gefunden, zu checken woran ich ein kompetentes Piercingstudio erkenne. Es scheint auch keine Zertifikate oder ähnliches zu geben, an denen eine Orientierung möglich ist. Komische Branche.

    • Karin Koller schreibt:

      Lustigerweise hingen in der komischen Bude, von der ich erzähle, drei Zertifikate. Die sahen aber nicht unbedingt vertrauenserweckend aus. Wie gesagt hätte ich gerne ein Studio ohne Totenschädel und was sonst dazu´gehört, muss aber sagen, dass ich in solchen Studios nie Probleme hatte. Die Piercer (seltsamerweise lauter Männer) waren kompetent und freundlich und gaben mir nie das Gefühl, dort nicht hinzugehören.
      Wie Marion sagt, der beste Weg, ein Studio auszutesten, ist sich ein einfaches Piercing machen zu lassen. Du könntest auch nach einem komplizierteren Piercing fragen und dann sehen, ob die Beratung kompetent ist.

    • manu schreibt:

      Hallo AL, ich und mein Freund hatten das gleiche Problem und das dann endgültig dadurch behoben, dass wir selber stechen gelernt haben

  4. Irene Droop schreibt:

    Hallo Karin,

    ich wollte Ihnen mitteilen, dass Sie mir Inspiration waren, meinen 50. Geburtstag und einen beruflichen Neuanfang im Februar dieses Jahres dazu zu nützen, nach Jahren der stillen Bewunderung für gepiercte und tätowierte Frauen mich endlich selbst auch körperschmücken zu lassen. Gestern habe ich nun auch die Ohren in Ihrem Stil – bis auf die geweiteten Ohrlöcher – vollendet und werde mich in den nächsten Tagen wohl an mein erstes Tattoo und mein erstes Intimpiercing wagen.

    Danke fürs Mutmachen,

    Ihre Irene

    • Irene Droop schreibt:

      Was würden Sie mir empfehlen?

      • Karin Koller schreibt:

        Klitorisvorhautpiercings (horizontal oder vertikal) sind für mich die erfreulichsten. Wenn sie aber mit den schmerzfreisten Piercings beginnen möchten, dann sind äußere Schamlippenpiercings empfehlenswert.

  5. Irene Droop schreibt:

    Danke sehr. Ich werde das versuchen.

    • Mrs N schreibt:

      @Irene: Ich finde toll was du dich getraut hast, Irene. Ich bin selbst 46 und wünsche mir schon seit Jahren diverse BodMods, habe mich aber aus Angst vor dem, was die Leute zu einem so kompletten Make-Over sagen würden, nie getraut. Was sind denn deine Erfahrungen, wie deine Style-Änderung aufgenommen wurde? Und welche Piercings und Tattoos hast du denn genau?
      @Karin: ich bewundere deinen Stil. Hast du noch weitere Pläne (und wenn ja, welche)?

      • Irene Droop schreibt:

        Danke sehr. Die Reaktionen waren unterschiedlich. Es gab Bekannte, die sehr befremdet schienen, andere, die mich begeistert lobten. Auffällig war, dass ch auf die Ohrpiercings (14 auf jeder Seite) auch von Fremden oft bewundernd angesprochen wurde, gerade auch von deutlich Jüngeren. Die gedehnten Ohrlöcher und das Tattoo habe ich noch zu kurz, um eine sinnvolle Aussage treffen zu können.

  6. Mrs N schreibt:

    Wie fühlen sich gedehnte Ohrlöcher denn an? Und was sagt dein Partner zu alldem?

  7. Irene Droop schreibt:

    Ich kann das noch nicht sagen, wegen zu kurzen Beobachtungszeitraumes. Im Moment: angespannt. Und ich habe keinen Partner im Moment.

  8. Manu schreibt:

    @Irene
    Mittlerweile ist ja ein halbes Jahr vergangen und vielleicht liest du diesen Kommentar hier. Wie sind deine Erfahrungen? Hast du dir mittlerweile noch mehr machen lassen und wenn ja was? Ich finde es immer interessant die Entwicklung zu sehen; insbesondere wenn die Veränderung so schnell von statten geht.

    LG Manu

  9. Irene Droop schreibt:

    Hallo Manu, meine Erfahrungen sind gut, weil ich mich selbst mit meinem Look sehr mag, mehr als früher. Es gab wohl neben positiven auch einige negative Reaktionen, was mich nicht großartig behelligt hat. Seit Sommer sind bei mir Brustwarzenpiercings, ein Zungenpiercing und 6 Schamlippenpiercings dazugekommen.

    • Manu schreibt:

      Hallo Irene,
      da hat sich doch schon einiges verändert. Wie groß hast du dir die Ohren mittlerweile gedehnt? Wirst du sie noch weiterdehnen?
      Hast du sonst noch weitere Pläne für die Zukunft was Piercings und Tattoos angeht?

      Ich freue mich auf deine Rückmeldung.

      LG

      • Irene Droop schreibt:

        Hallo Manu, meine Ohren sind im Moment 16mm. Vielleicht gehe ich noch bis 20. Intimpiercings werden jedenfalls noch hinzukommen. Und gestern hatte ich mir ein Medusa machen lassen.

  10. Emily D schreibt:

    This is an astonishingly beautiful picture. I myself had a triple outer conch piercing on saturday.
    I am SO HAPPY with it (and am planning to double up next weekend). Have you by chance ever thought of complimenting your beautiful helix row with an outer conch row? It would make your ear ABSOLUTELY PERFECT!

  11. judy schreibt:

    das ist ein besonders schönes ohrpiercing, das man leider nur sehr selten sieht. planen sie das fortzusetzen? (verzeihen sie mir meine schlechte deutsche sprache bitte)

  12. biggie schreibt:

    sieht sehr klasse aus, hätte ich auch gerne….. wie schmerzhaft ist das piercing denn….? wie inner conch? (das war mir schon ziemlich heavy :()

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