Pensées: In der Oper – Carmen

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  1. Als die jüngsten Menschen der Weltgeschichte (oder so scheint es beim Konzertbesuch) haben wir ein Konzertabo.
  2. Diesmal wird Carmen gegeben.
  3. Wir sitzen in der ersten Reihe im Landestheater Bregenz. Obwohl ich schon oft dort war, sehe ich zum ersten Mal den Orchestergraben.
  4. Die Musikerinnen sitzen schon auf ihren Plätzen. Es scheint alles sehr beengt. Einige sitzen unter der Bühne, sie könnten nicht aufrecht stehen.
  5. Der Dirigent betritt den Orchestergraben, er stellt sich direkt vor mir auf. Hätte ich die Hand ausgestreckt, ich hätte ihn berühren können.
  6. Aber ich weiß ja, was sich gehört.
  7. Obwohl der Impuls schon sehr stark ist.
  8. Der Vorhang geht auf. Das Bühnenbild besteht aus L-förmigen fahrbaren Betonklötzen, auf die Stacheldraht gemalt oder projiziert ist, genau erkenne ich das nicht.
  9. In der Beschreibung lese ich, die Oper spiele an der mexikanischen Grenze zu den USA. Dem Regisseur sei es anscheinend wichtig gewesen, die Oper in einen aktuellen Kontext zu setzen. Auch die Grenzmetapher scheint eine Bedeutung zu haben.
  10. Hätte ich nicht gewusst, dass die Oper an der mexikanischen Grenze spielt, ich hätte es nicht gemerkt, ich hätte mich nur gewundert, warum die Sprechparts auf Englisch, der Gesang auf Französisch ist.
  11. Oberhalb der Bühne ist die Übersetzung des Textes. Obwohl bei der Inszenierung auf zeitgemäße Themen (inklusive Schlepperei, laut Beschreibung) geachtet wird, kommt sehr häufig das Wort „Zigeuner“ vor.
  12. Auch die Darstellung von organisierter Bettelei unter Vortäuschung von Behinderungen, ist ungut und löst wohl eher klischeehaftes Denken aus, als dieses zu verhindern.
  13. Carmen und ihre Freundinnen sind in Latex und Glitter gekleidet. Sie haben auch Tattoos. Einem Sänger im Chor schält sich das Tattoo am Hals ab und wirft Wellen.
  14. Nach einer halben Stunde kommt der Dirigent ins Schwitzen. Glänzende Schweißperlen stehen ihm auf der Glatze.
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  16. Die Beckenspielerin (Beckenistin?) schaut gelangweilt drein, als wäre sie lieber an einem anderen Ort. Sie öffnet ihre Tasche, zieht ein Buch, einen Block und einen Stift heraus und lernt. Erst kurz vor ihrem nächsten Einsatz packt sie alles wieder ein, konzentriert sich und schlägt im richtigen Augenblick die Becken zusammen.
  17. Das Bühnenbild wechselt. Nun hängen Plastikfolien von der Decke und ein Sprühregen rieselt auf die Bühne. Menschen sind in Folien eingewickelt und liegen da wie tot. Frauen kommen und packen sie aus und tanzen mit ihnen.
  18. Später tritt der Stierkämpfer auf. Er trägt eine Mütze am Kopf, auf der ein Metallgestell brennt. Dieses Gestell wird einem fahrbaren tischartigen Betongestell aufgesetzt. Das stellt nun den Stier dar. Auch dessen Rücken wird angezündet.
  19. Im nächsten Akt stellt das Bühnenbild ein Gebirge vor. Schmuggler, Menschenhändler werden dargestellt. Micaela versucht José zu retten. Sie singt sehr gefühlvoll. Überhaupt gefallen mir einige Arien besser als die „greatest Hits“.
  20. In einer Kritik lese ich, Carmen sei nicht erotisch genug, es wäre nicht überzeugend, dass sie die Männer verführt. Ich lese nichts darüber, dass José einen unerfahrenen jungen Mann darstellt, in Wirklichkeit aber älter ist als ich. Ich habe das Empfinden, dass eher Frauen für ihre vermeintlichen Unzulänglichkeiten kritisiert werden als Männer.
  21. Fast unvermutet – die drei Stunden, die die Oper dauerte vergingen sehr schnell – kommt es zum Showdown. Vorher gab es ein bisschen Hin- und Hergeplänkel von Liebesschwüren und Eifersüchteleien und plötzlich sagt Carmen, sie wäre lieber tot als die Freundin Josés.
  22. Und er ersticht sie auch prompt.
  23. Als hätte Bizet auf die Uhr geschaut und gemerkt, dass die Oper ohnehin schon lange dauert und noch niemand zu Tode gekommen ist.
  24. Was ja in einer Oper unbedingt der Fall sein muss.
  25. Carmen ist eine schöne Oper, in Bregenz wurde sie schön gesungen. Das Bühnenbild war auch interessant. Ich verstehe aber trotzdem nicht, warum man aus einer Eifersuchtsgeschichte unbedingt eine Geschichte von brandaktueller gesellschaftlicher Relevanz, die ich noch dazu nicht durchschaut habe, machen will.
  26. Aber ich gehe ja nicht wegen der Handlung in die Oper.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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