Sex at Dawn

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Ich gebe es zu, ich habe nicht genau gelesen und mir eine Kulturgeschichte der Sexualität erwartet. Und dann war ich etwas enttäuscht. Es wäre ja aus dem Untertitel „How we mate, why we stray, and what it means for modern relationships“ herauszulesen gewesen (oder gleich aus dem Titel), aber soweit dachte ich nicht, als ich es bestellte.

Das Buch Sex at Dawn von Christopher Ryan und Cacilda Jethá ist zum Teil sehr interessant. Man erfährt von der Biologie der Spermien. Von sexuellen Gewohnheiten von Affen und von Menschen aus verschiedenen Epochen und Regionen. Von jenen, die man bei Jägern und Sammlern vermutet. Von Orgasmustherapien gegen Hysterie. Von „Therapien“ gegen Onanie, von vom Verätzen der Klitoris bis zum Zunähen der Vorhaut (beides Maßnahmen, die der Cornflakes-Erfinder Kellogg für notwendig erachtete). Davon, wie im 16. Jahrhundert ein Mann an einer Frau die Klitoris entdeckte, sie Devil’s teat nannte und meinte, die Frau müsse vom Teufel besessen sein. Wie der Vibrator in den USA 1902 erst das fünfte elektrische Gerät war, das an Haushalte verkauft werden durfte und wie es 1917 in amerikanischen Haushalten mehr Vibratoren gab als Toaster.

Wegen solcher Kleinigkeiten (leider gibt es davon nicht sehr viele) habe ich das Buch gekauft und an diesen Stellen auch sehr gerne gelesen.

Aber in seiner Grundprämisse finde ich das Buch sehr problematisch. Ryan und Jethá versuchen, die Natur der menschlichen Sexualität zu ergründen. Sie sagen, dass Jäger und Sammler vor 200.000 und auch noch vor 20.000 Jahren diese ursprüngliche Sexualität hatten und dass diese verlorenging.

Nachdem soziale Interaktionen kaum an fossilen Funden ablesbar sind, gibt es verschiedene Theorien über die Sexualität der Jäger und Sammler. Diese stützen sich auf das Verhalten der Primaten (Schimpansen und Bonobos) und auf jenes von modernen Menschen, die abseits der großen Ansiedlungen zum Teil noch wie Jäger und Sammler leben.

Ryan und Jethá nehmen sehr nachvollziehbar einige dieser Theorien (die sich auf das Konzept der Monogamie stützen) auseinander und zeigen auf, dass hier Mutmaßungen basierend auf den Vorurteilen der jeweiligen WissenschaftlerInnen oder schlichtweg unzulässigen Annahmen getroffen wurden. Gleichzeitig sehen sie in jedem noch so kleinen Hinweis, in jeder noch so seltsamen (und bei anderen als groben wissenschaftlichen Fehler angezeigten) Analogie eine Bestätigung ihrer eigenen Theorie (dass der Mensch von Natur aus promisk ist, Männer und Frauen freundschaftlich miteinander Sex haben, allen egal ist, wer der Vater eines Kindes ist, und die Kinder gemeinschaftlich versorgt werden).

Bei Lesen kam ich mir vor wie damals bei The God Delusion von Richard Dawkins, der Gottesbeweise (zu Recht) als unwissenschaftlich entlarvt, dann aber so tut, als wäre es wissenschaftlich, zu beweisen, dass es KEINEN Gott gibt.

Was mich aber am meisten störte – und das scheint ein grundsätzlicher Fehler der Anthropologie und der Evolutionsbiologie/psychologie zu sein – war der Begriff „Natur“.

Was ist „Die Natur“ eines menschlichen Verhaltens? Warum wird jedes Verhalten von Tieren als „natürlich“ eingestuft und viele Verhaltensweisen von Menschen als „unnatürlich“ oder „sozialisiert“? Ist nicht gerade die Sozialisation, das Erfinden von kollektiven Mythen, das Handeln gemäß dieser nicht genau die „Natur“ des Menschen? Oder wenn nicht: Wann hat der Mensch seine „Natur“ verloren? Diese Frage beantworten Ryan und Jethá ziemlich eindeutig: Mit dem Beginn des Ackerbaus. Das scheint für sie so etwas wie ein biblischer Sündenfall, die Vertreibung aus dem Paradies zu sein. Die anderen Fragen beantworten sie nicht (sie erklären nicht einmal, wie die vermeintliche Abkehr von der Natur sich entwickelte).

Auch die Methodik, diese verlorene „Natur“ wiederzufinden, ist seltsam. Man orientiert sich an Menschen, die weit weg von Städten abgeschieden ein Leben führen, das sich vom Durchschnittsleben in Mitteleuropa unterscheidet. Und dort, ist man überzeugt, findet man die „Natur“. Ich weiß nicht warum. Als hätten diese Menschen nicht genauso wie alle anderen 200.000 Jahre Evolution und Sozialisation hinter sich. Als wären alle, die nicht Krawatten und unbequeme Schuhe tragen, die nicht autofahren und fernsehen, „natürlich“. Als hätten nicht alle Gesellschaften mehr oder weniger absurde Mythen aufgebaut, nach denen sie leben, und die rein gar nichts mit den Jägern und Sammlern der Steinzeit zu tun haben.

Die größte Frage ist aber: Wie kann der Mensch außerhalb der Natur leben? Ich meine, da ist nichts außerhalb der Natur.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Sex at Dawn

  1. eva.eh schreibt:

    Vielleicht wär „Kultur der Begierde“ von Franz X Eder was für dich (falls du es nicht eh schon kennst). LG

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