Pensées: Ein Ausflug nach Salzburg

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  1. Auf der Fahrt aus den Sommerferien nach Hause fahren die Kinder und ich nach Salzburg. Es ist ein trüber Tag, manchmal nieselt es.
  2. Am Vortag frage ich die Kinder, ob sie die Festung sehen wollen, oder das moderne Museum oder das Haus der Natur. Sie einigten sich auf das Haus der Natur. Ich rufe auch in der Petersbäckerei an und bestellte zwei Laibe Brot.
  3. Ich bin recht gespannt, weil ich mich daran erinnere, als Kind – in den späten Siebzigerjahren – nicht gerne in das Haus der Natur gegangen zu sein. Genau erinnere ich mich nicht, warum das so war, ein bisschen habe ich das Gefühl, ich habe mich als Kind allgemein nicht für Museen interessiert.
  4. Aber ganz dunkel erinnere ich mich an ein düsteres, bedrückendes Museum.
  5. Und an menschliche Föten in Gläsern. (Ich habe später nachgegoogelt und wenn ich „Haus der Natur Salzburg“ eingebe, schlägt Google automatisch „Missgeburten“ vor – das ist eines der hässlichsten Wörter überhaupt und sollte nirgends automatisch aufscheinen)
  6. Wir kommen in Salzburg an, ich parke in Nonntal. Um zum Haus der Natur zu kommen, müssen wir die Stadt durchqueren. Es nieselt und die Kinder werden unwillig.
  7. Aber so weit ist es ja nicht. Beim Eingang vom Haus der Natur merke ich, dass bei diesem Wetter viele Familien mit Kindern die gleiche Idee hatten wie wir.
  8. Zuerst schauen wir uns das Aquarium an. Ich liebe Aquarien und dieses hier ist sehr schön. Auch die Kinder sind begeistert.
  9. Dann sehen wir ein Diorama mit einem Zelt und lebensgroßen Puppen in tibetischer Tracht. An die meine ich mich erinnern zu können. Mich beschleicht ein mulmiges Gefühl.
  10. Tatsächlich entstammt das Diorama einer Expedition unter der Schirmherrschaft von Heinrich Himmler und der SS. Der Gestalter des Dioramas wurde 1970 wegen vielfachen Mordes verurteilt. Aber – so das Schild sinngemäß – eh wurscht, was Nazizusammenhang ist, bestimmen wir Museumsbetreiber.
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  12. Eine Sonderausstellung zeigt „Die Ära Tratz 1924-1976“. Die Kinder interessiert das leider nicht so sehr, also laufe ich so schnell ich kann durch.  Tratz gründete das Haus der Natur, leitete es, in der Nazizeit brachte er das Museum ideologisch auf Nazikurs (mit Ausstellung „minderwertiger Menschenrassen“). Nach dem Krieg war er für 2 Jahre interniert. Aber schon 1949 beschloss man, dass seine Nazivergangenheit so arg dann doch nicht war, und machte ihn wieder zum Leiter des Museums. Auch hier galt wohl das Motto eh wurscht, was Nazizusammenhang ist, bestimmen wir Museumsbetreiber. Aber nicht nur die: 1963 wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Salzburg und erhielt 1973 das Ehrendoktorat der Universität Salzburg (das ihm erst 2014 aberkannt wurde).
  13. Ein Raum zeigt alten Aberglauben, der auf halbnaturwissenschaftlicher Basis fußt. Ein Teufel mit Arschgesicht ist ausgestellt. Bibergeil wird erklärt. Ich finde das ganz lustig, die Kinder auch.
  14. Es folgen lange Gänge mit ausgestopften Tieren. Und mit Bildern von Menschen aus den jeweiligen Regionen. Natürlich nur „Naturvölker“ aus Australien, Südamerika, Asien und Afrika. Ein Mensch im T-Shirt oder Anzug kommt nicht vor.
  15.  Zwischen den Ausgestopften Tieren sehen die Menschen auf den Fotos auch ausgestopft aus. Und vorgeführt. Einem Publikum, das sich demgegenüber überlegen fühlen soll. Ich halte das für sehr problematisch. Nicht nur im Lichte der Museumsgeschichte.
  16. In der Südamerikaabteilung sind echte Schrumpfköpfe ausgestellt. Anthropologie sollte sehr sensibel vorgehen, kommt aber mancherorts nicht aus einer grauslichen Tradition heraus.
  17. Wir gehen weiter in die Reptilienabteilung. Die Viecher liegen meist nur hinter Steinen und bewegen sich nicht. Eher langweilig ist das.
  18. In den wissenschaftlichen Abteilungen können die Kinder ein bisschen herumdrücken und schrauben. Aber nicht sehr viel. Trotzdem gefällt ihnen das.
  19. In der Abteilung, die sich mit dem Körper befasst, hängen zwei Tafeln: „Sie sind eine Frau!… wählen Sie Ihren attraktivsten Mann!“ und „Sie sind ein Mann!…Wählen Sie Ihre attraktivste Frau!“
  20. Das ist kein Relikt aus „der Ära Tratz“. Das ist einfach nur modern heteronormativ unsensibel und den Besuchern suggerierend, Aussehen sei das Hauptkriterium bei der Partnerwahl.
  21. Den Kindern gefällt es im Museum, mir bleibt ein schaler Nachgeschmack. Und ich nehme mir vor, in anderen Museen darauf zu achten, ob ich dort auch eine Ideologie so deutlich erkennen kann.
  22. Auf dem Weg zur Parkgarage gehen wir bei der Petersbäckerei vorbei. Ich hole das bestellte Brot ab. Die Bäckerei sieht noch genauso aus wie damals in den Siebzigerjahren, als mich meine Mutter vom Nonnberg herunterschickte, um ein Brot zu holen. Mit dem Rucksack.
  23. Es ist ein dunkler Souterrain-Raum, in dem das Brot verkauft wird. Der Bäcker arbeitet auch in dem Raum und knetet den Teig. Es gibt nur Brote, Fintschgerl und Hefegebäck. Ich packe das Brot ein und wir fahren nach Vorarlberg.
  24. Zu Hause koste ich das Brot. Es ist viel saurer, als ich es in Erinnerung habe. Den Kindern schmeckt es nicht. Mir eigentlich auch nicht.
  25. Aber irgendetwas bringt mir meine Kindheitserinnerungen wieder. Wie das warme Brot im Rucksack meinen Rücken wärmte. Wie stolz ich war, alleine Brot kaufen zu dürfen. Wie meine Mutter, sofort nachdem ich nach Hause kam, eine Scheibe – das Scherzerl – abschnitt und mit Butter bestrich. Wie herrlich das Brot schmeckte nach dem langen Weg.
  26. Die Madeleines von Proust waren auch eher trocken. Es war nicht der Geschmack, der an ihnen schön war. Genau wie bei meinem Brot. Und dennoch ist es so schön, dieses Brot zu essen.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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