„Da war eine Scham“

Milka K. (Jahrgang 1942) hat im Sommer von ihren Erinnerungen erzählt. Ich habe das aufgenommen und niedergeschrieben, wie sie es erzählte.

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Den Slowenen hat man das übel genommen. Die Nazis sind geblieben nach dem Krieg. In politischen Ämtern. Als Lehrer.

Wir haben es schon zu spüren gekriegt, immer wieder. Das war auch in der Hauptschule so. Damals hat es im Radio die Slowenische Wunschsendung gegeben. Ich kann mich erinnern, meine Familie hat meinem Vater zum Geburtstag und Namenstag, am 5. Dezember, Nikolaus, Glückwünsche ins Radio gegeben. Wir haben gerade Pause gehabt in der Hauptschule und da wollte ich diese Sendung hören, ich habe ein Transistorradio mitgehabt. Da sagt ein Mädchen: „Hör auf mit dem Windischen, immer du mit deinem Windischen.“

Jetzt war ich eigentlich geduldig und Geduld gewohnt diesbezüglich. Aber da ist mir der Faden gerissen und ich habe ihr zwei solche Tetschn gegeben. Auf beide Wangen. Das hat wirklich gepfiffen. Da war sie wirklich ganz fertig. Ich selber aber auch, ich wollte das gar nicht. Das war automatisch. Eine Reaktion. Der Topf ist übergelaufen. Dann waren wir beide sprachlos.

Aber so wurden wir halt immer wieder konfrontiert damit: „Ihr seid die Windischen.“

Oder im Autobus mit Bekannten, mit denen ich sonst immer Slowenisch geredet habe. Im Autobus redeten sie nur Deutsch mit mir. Oder wenn wir uns in Villach begegnet sind, da wollten sie auch immer Deutsch reden. Da war eine bestimmte Scham. Da war ein Minderwertigkeitskomplex. Ein Nichtdazugehören zur Mehrheit.

Zu meiner Zeit haben alle Kinder in der Volksschule Slowenisch gehabt und in der Hauptschule auch noch. Da war es für alle normal Slowenisch zu lernen. In der Volksschule haben wir es nicht so zu spüren bekommen. Aber in der Handelsschule in Villach, da haben wir einen Professor gehabt, da hat man schon genau gewusst, aus welcher Ecke der kommt. Ich habe damals das Gefühl gehabt, der stellt mir extra so Fragen, die ich nicht wissen konnte.

Stefan Zweig, Heine – jüdische Literatur wurde nicht unterrichtet. Auch vom Krieg war nie die Rede im Geschichtsunterricht. Vor dem zweiten Weltkrieg sind wir stehengeblieben, den Zweiten Weltkrieg hat es nie gegeben.

Aber zur Ortschaft: Mein Vater und seine Geschwister haben erzählt, es hat in Achomitz einen sehr aktiven Slowenischen Kulturverein gegeben. Mein Vater, sein Vater, die Geschwister meines Vaters waren da sehr aktiv. Sehr viele Feistritzer, Dreulacher, Daschitzer und Göriacher waren da dabei. Die haben miteinander Theater gespielt und waren kulturell sehr bewandert.

Und plötzlich haben sie mit dem Slowenischen nichts mehr zu tun haben wollen. Und plötzlich über Nacht waren sie dann totale Gegner. Vor dem Krieg schon. Die wurden aktive Gegner. Zum Beispiel hat jemand heute noch Theater im Slowenischen Kulturverein gespielt und morgen schon war er jemand, der dich „aussiedeln“ wollte.

Bei der Machtübernahme 1938 haben die Hohenthurner eine Prozession nach Nötsch gemacht. Sie haben Armbinden getragen und Fahnen. Sie hatten alles dabei. Es war schon lange vorbereitet gewesen. In Achomitz war ein Gasthaus, da stand groß Gostilna drauf. Sie haben verlangt, dass dieser Schriftzug entfernt wird, bis sie zurückkommen.

Die Vereine sind verboten worden. Alles Slowenische ist verboten worden. In der Kirche hat man keine Slowenische Messe mehr lesen dürfen, Slowenisch beten und singen hat man nicht mehr dürfen. Die Slowenischen Bücher haben wir abgeben müssen. Wir haben sie zur Linde tragen müssen, die sind dann weggefahren und verbrannt worden.

Mein Vater war beim Tamburica-Verein. Tamburica ist ein Instrument, ähnlich wie eine Mandoline. Mein Vater war damals Obmann des Vereins, er hat seine Tamburica eingegraben.

Ich würde nicht sagen, dass die Tamburica ein Symbol für Slowenen ist, aber Deutsche spielten einfach keine Tamburica. Heute ist die Jugend ja anders. Da spielen auch Leute, die mit dem Slowenischen nichts zu tun haben, oder dem Slowenischen ganz normal gegenüberstehen, die Tamburica.

Also die Tamburica hat er eingegraben und viele Slowenische Bücher hat er eingegraben und als er nach dem Krieg zurückgekommen ist, hat er alles wieder ausgegraben. Das Instrument war nicht mehr zum Brauchen. Aber die Bücher hat er so gerettet.

Dann ist jemand gekommen, den Viehbestand aufnehmen und die Getreidemenge bestimmen, man hat selber nur einen Teil für sich selbst haben dürfen, zum Beispiel ein Schwein schlachten, den Rest hat man abgeben müssen, damit die Soldaten zu essen haben.

Da war ein französischer Kriegsgefangener bei uns, der war Fleischhauer. Es hat gefehlt an allem und wir haben heimlich im Stall ein Tier geschlachtet. Natürlich das Tier war nicht so leise, es hat nicht gewusst, dass es nicht schreien darf. Der Ortsgruppenleiter hat das gehört und ist gekommen. An sich war er ein sehr angenehmer Mensch, das haben meine Eltern immer wieder betont. Da hat meine Tante, die war sehr couragiert, gesagt: „Damit du wast, wir haben nix geschlachtet. Merk dir das.“

Das war sicher eine menschliche Seite vom Ortsgruppenleiter, er hätte das ja auch weiterleiten können, das hätte schwere Konsequenzen gehabt, meine Tante hätten sie dann gleich abgeliefert.

In Draschitz war ein Lager, da waren Mädchen aus der Stadt, die sind dann zu den Bauern gekommen und haben den Bauern geholfen. Mein Bruder war damals acht Monate alt und meine Eltern sind aufs Feld heuen gegangen. Das Mädchen hat auf den Buben aufgepasst. Es hat ein Mordsgewitter gegeben und meine Eltern haben auf der Hrast in einer Heuschupfe gewartet, bis das Gewitter vorbei ist. Dann sind sie heimgekommen und der Bub lag im Wagen im Garten fast total unter Wasser. Von dem Mädchen keine Spur. Und der Bub hat geweint und immer geweint. Wir wissen nicht, ob er schon vor diesem Vorfall taub war.

Die französischen Kriegsgefangenen haben ein Lager in Feistritz gehabt. Beim P. waren ein paar, aber dann sind sie hinuntergekommen nach Feistritz zum N., ein Gasthaus mit einem sehr großen Saal, da waren die französischen Kriegsgefangenen untergebracht. Andere Kriegsgefangene gab es in der Gegend nicht.

Die französischen Kriegsgefangenen haben sehr kooperiert. Mit einem habe ich immer noch Kontakt. Der war zwar nicht bei uns, aber im Dorf und er kam nach Feistritz zu einer Familie. Der ist dann, nachdem er geheiratet hat, zu uns zweimal auf Besuch gekommen, hat sich hier alles angeschaut. Ich selbst war auch ein paar Mal in Frankreich und habe ihn besucht. Der hat alles minutiös aufgezeichnet. Der hat dann gesagt: „So ein Glück. Vier Jahre meiner Jugend habe ich in Kriegsgefangenschaft verbracht. Ich habe ein Glück gehabt, dass ich in Achomitz war, weil bei den Slowenen ist es uns gutgegangen.“ Er war vorher in Heiligenblut, dort ist es ihm schlecht gegangen. Dort wurde er als Kriegsgefangener behandelt, bei uns in Achomitz aber als Mensch.

Ohne Einwilligung oder Zutun des Bürgermeisters sind „Aussiedelungen“ nicht abgelaufen. Wie genau das war, weiß ich nicht. Es waren wahrscheinlich die Ortsgruppenleiter, die haben damals das Sagen gehabt.

Die Deportation (1942) ist so abgelaufen: Etwa 14 Tage, bevor das losgegangen ist, ist meines Vaters Onkel (das heißt, seine Tante hat einen Witwer geheiratet) – der war ein sehr gläubiger Mensch – zu uns gekommen und hat meinem Vater gesagt: „Also, Nick, weißt du was, wir gehen spazieren. Wir müssen etwas besprechen.“ Dann sind sie nach Dreulach gegangen und er hat zu meinem Vater gesagt: „Tu Abbitte leisten.“

„Abbitte wofür und wo?“ hat mein Vater gefragt.

„Bei der Gemeinde.“

„Aber wofür? Ich habe doch nichts angestellt.“

Da sagte der Onkel: „Du stehst auf der Liste. Deine Familie wird ausgesiedelt.“

Der Vater hat das nicht glauben können. Ich bin im März geboren. Ich war ein paar Tage alt. Der Vater hat gesagt: „Nein, das mache ich nicht. Warum Abbitte leisten. Ich habe nichts gemacht, ich habe nichts verbrochen.“

Dann sind sie wirklich gekommen, haben angeklopft in der Nacht und haben gesagt: „In einer halben Stunde müsst ihr fertig sein. Nehmt das Wichtigste mit.“

Und mein Bruder, obwohl er taub ist und gar nicht mitkriegte, was da passiert, der hat sofort Durchfall bekommen. Also er hat gemerkt, da passiert etwas. Dann haben meine Eltern angefangen, Sachen zusammenzuklauben. Ich weiß es ja nicht, aber auch mein Bruder hat es erzählt. Der hat nie davon gesprochen, erst jetzt hat er angefangen, seit im Fernsehen so viel berichtet wird darüber.

Dann sind sie allerdings gekommen und haben gesagt: „Na, ihr könnt doch bleiben.“

Die Nachbarn hat man abgeholt und noch eine Familie im Ort, die M. Wo sie hingekommen sind, weiß ich nicht. Ich glaube, die Mi. sind nur in Klagenfurt geblieben, drei Tage oder so. Dann sind sie zurückgekommen.

Und jetzt, warum bleiben wir da und warum kommen die zurück? Dieser besagte Onkel hat bei einem Vermittler oder bei einer Stelle in Villach für uns interveniert.

Auch ein Cousin des Vaters war ein lieber, guter Mensch und danach war er genau das Gegenteil. Auch eine Cousine. Ich glaube nicht, dass es Angst war. Vor dem Krieg haben die Leute nicht gewusst, was das alles bringen wird. Vielleicht war einfach die wirtschaftliche Lage so.

Die M. sind gleich nach drei Tagen zurückgekommen. Die haben große Hengste gehabt. Die Slowenen, die deportiert wurden, deren Höfe sollten dann die Kanaltaler, die „Heim ins Reich“ – so hat man damals gesagt – kommen sollten, übernehmen. Die sind gekommen, haben den Bauernhof angeschaut, haben die Pferde gesehen und sind geflüchtet. Die haben noch nie so große Hengste gesehen, nie. Die haben immer nur mit Ochsen umgebaut. Da hat man die M. wieder zurückgeholt.

Den Hof vom Z. haben sich aber Nazis aufgeteilt. Geplündert. Auch Leute aus dem Dorf. Ich weiß nicht, wie viele es aus dem Dorf waren, aber aus der Gemeinde auf jeden Fall. Das Vieh hat man sich aufgeteilt, das Getreide genommen, die Felder bewirtschaftet.

Kanaltaler haben da nicht gewohnt, sind nicht hergekommen.

Und dann sind die  Nachbarn gekommen, als der Krieg aus war, mit dem Leiterwagen und mit einem schwarzen Kriegsross, also einem zarten Ross. Mehr hatten sie nicht. Dann haben sie sich wieder alles erwirtschaften müssen. Ein bisschen haben wir ihnen gegeben. Die Felder haben sie wiederbekommen.

Die Frau F. ist, nachdem sie zurückgekommen ist, zur Gemeinde gegangen und hat dem Bürgermeister gesagt, sie verlangt alles zurück und hat ihm sogar Ohrfeigen gegeben.

„Wo sind unsere Pferde? Wo sind unsere Kühe? Wo ist unser Getreide?“ Pentsch, pentsch ist es gegangen. Das hat mir mein Vater erzählt, der hat auf der Gemeinde gearbeitet.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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6 Antworten zu „Da war eine Scham“

  1. silvia schreibt:

    danke fürs aufschreiben und teilen

  2. latenightlibrarian schreibt:

    Die Nachbar_innen, die sich vorher freundlich verhalten und nach dem 12. März die Naziuniformen & -gesinnungen auspacken, erinnern mich stark an die Erzählungen von vilma Neuwirth in ihrer Autobiografie „Glockengasse 29. Eine jüdische Arbeiterfamilie in Wien“. Was für ein Schock das gewesen sein muss und was für ein verrat.

    Danke fürs Aufzeichnen & Aufschreiben.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich schreibe gerade ein Gespräch mit einem bosnischen Ehepaar auf. Auch hier wurden Nachbarn und Arbeitskollegen Feinde.
      In Kärnten vielleicht besonders interessant/unverständlich: Dort im Gailtal sprachen alle Slowenisch. Es gab welche, die sagten auf Slowenisch: „Ich bin Deutsch.“
      Ich habe noch mehr Gespräche in Kärnten geführt, die werde ich wahrscheinlich auch noch hier veröffentlichen.

  3. Pingback: „Viele Leute können Slowenisch. Wenn sie ein bisschen rauschig sind.“ | Karin Koller

  4. Pingback: “Wir sind immer als minderwertig behandelt worden” | Karin Koller

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