„Viele Leute können Slowenisch. Wenn sie ein bisschen rauschig sind.“

Ein Gespräch mit Milka K. Der erste Teil des Gesprächs kann hier nachgelesen werden.

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Beim Z., da war jemand Knecht, der hat dann das Ruder übernommen. Und beigetragen, dass der Hof geplündert wurde. Da kann es schon vorkommen, wenn wir heute über diese Zeit sprechen, dass sie sagen: „Ma, der, was uns der angetan hat.“

Die Kriegsgefangenen haben heimlich Radio gehört und die haben mehr gewusst als wir. Und sie haben gesagt, die Alliierten marschieren jetzt ein und sie werden mit der französischen Fahne hinuntergehen zur Straße. Meine Tante hat ihnen Stoff gegeben, weißen und roten Stoff hat sie gehabt. Ich weiß nicht, wo sie blauen Stoff gefunden haben, jedenfalls haben sie dann die Fahne genäht.

Die Nazis sind dann in ein Lager nach Wolfsberg gekommen. Auch ein Mann aus dem Dorf.

Mein Vater ist in einen Steinbruch gekommen. „Politisch unzuverlässig“ war er. In eine Strafkompanie ist er gekommen. Einmal ist er auf Urlaub gekommen, wenn ich mich richtig erinnere, bin mir aber nicht sicher. Er wollte nichts erzählen. Seine Cousins waren beide als Soldaten in der Normandie, der Nachbar war in Griechenland. Nach dem Mittagessen sind sie gekommen. Diese drei haben immer vom Krieg erzählt. Mein Vater hat immer die Hände an den Kopf gelegt, als würde er sehr darunter leiden. Ich habe gewusst, dass ihm das wehtut. Deshalb habe ich nicht gefragt.

Ob es auch ein „normales“ Zusammenleben zwischen Nazisympathisanten und Kärntner Slowenen gab? Ich würde sagen, in der Nazizeit waren die Nazis schon in erster Linie Nazis.

Man hat schon eher Angst gehabt. Aber nicht nur als Slowene, sondern auch als Nicht-Nazisympathisant.

Meine Mutter kommt aus Hermagor und die Leute, die dort Slowenisch reden, sagen immer Windisch dazu und meinen das überhaupt nicht abwertend. Aber eine Zeitlang, wenn jemand sagte, dass ich windisch bin, war das eine totale Abwertung. Dabei ist das der Dialekt und die wollen sagen, das Windische sei eine eigene Sprache. Oder es sei keine Sprache. Und das Slowenische redet man nur im – damals noch – Jugoslawien.

Früher war es für mich auch so, dass wenn jemand Windisch gesagt hat, war das für mich einen Beleidigung, eine Erniedrigung. Heute denke ich mir, vielleicht meint er es nicht so bös, vielleicht meint er nur den Dialekt. Oder wenn einer sagt: „Ich kann nichts, ich kann nur ein bissl Windisch.“

Na ja, dann meint er vielleicht, er kann ein bisschen Dialekt. Ich möchte dann nicht streiten und sagen, das ist ja Slowenisch.

Es gibt bis heute bekennende Slowenen und Leute, die sich nicht bekennen dazu. Das sind zwei verschiedene Sachen. Es gibt auch welche, die sind da aufgewachsen, die können Slowenisch, weil das ihre Muttersprache ist, aber ein bekennender Slowene ist etwas anderes. Ob er dann Deutscher ist, weiß ich nicht.

Ich war einmal bei einer Familie und wir wollten singen. Die Frau sagte: „ich kann das nicht, ich verstehe nicht windisch.“ Aber als wir dann gesungen haben, hat sie plötzlich mitgesungen und schön auch noch. Viele Leute können Slowenisch. Wenn sie ein bisschen rauschig sind.

Was heißt es, sich zum Slowenentum bekennen? Dass die Muttersprache Slowenisch ist. Warum sagen die einen, sie sind Deutsch, und die anderen, sie  sind Slowenisch, obwohl ihre Muttersprache Slowenisch ist? Was die denken, ist mir auch ein Rätsel, ich weiß nur, was ich denke und ich bin eine geborene Kärntner Slowenin, nicht nur eine Slowenisch Sprechende, eine Zweisprachige, sondern ich bekenne mich auch dazu.

1975 war ich in Paris für eine Weile und dann bin ich wieder heimgekommen, unterwegs habe ich bei meiner Tante in Klagenfurt zugekehrt. Das war Winter, vor Weihnachten. Ich war bei der Nachmittagsmesse in der Kapuzinerkirche. Ich hatte einen schönen Mantel, den hat man bei uns noch nicht so gesehen und ich habe langes Haar gehabt. Also ich habe recht gut ausgesehen. Da war eine kleine Gruppe von Leuten, vielleicht 9 Personen, und ich merke, die diskutieren. Dann habe ich mich dazugestellt und wollte wissen, was das ist, ich habe gemerkt, das ist hitzig zugegangen. Es hat sich herausgestellt, da war eine junge Frau, die hat für die Kommunisten agitiert. Es waren Wahlen. Da war ein älterer Herr (ca. 55), der hat sie beflegelt und gesagt: „Geh obe, glei üba die Karawanken mit dir. Dort gehörst hin.“

Dann hat sie Partei ergriffen für die Kärntner Slowenen. Da ist er wild geworden. Und ich habe gesagt, sinngemäß – was stört euch denn so, dass sich Kärntner Slowenen zu ihrer Sprache bekennen? Und ich bin auch eine.

Dann hat er geschrien: „Ja, was machst denn noch da? Und ihr wollt immer noch mehr, Schulen wollt‘s haben.“ Also auf diese alte Tour, ich kann das schon nicht mehr hören.

Da ist das dort auseinandergegangen. Am Tag drauf, es war Samstag, gehe ich zu Mittag wieder durch die Stadt. Es war schon fast kein Mensch mehr in der Stadt, weil schon Geschäftsschluss war. Dann sehe ich jemanden kommen und als wir auf der gleichen Höhe sind, gibt mir der so eine Tetschen, eine links, eine rechts und sagt: „Du gehörst obe.“

Da habe ich gemerkt, das ist der Mann von gestern gewesen. Der Tante habe ich grad am Vortag gesagt, in Paris stört es keinen Menschen, ob du Arabisch sprichst oder Slowenisch oder was auch immer.

Ich bin dann zur Tante gekommen und ich war so rot und ich habe so geweint, also erst bei der Tante, vorher nicht. So ist das passiert, die Tante hat eh gewusst, wie das ist.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu „Viele Leute können Slowenisch. Wenn sie ein bisschen rauschig sind.“

  1. Pingback: “Wir sind immer als minderwertig behandelt worden” | Karin Koller

  2. Alex schreibt:

    Das sind sehr interessante Geschichten. Ich wusste nicht einmal, dass Österreich eine slowenische Sprachminderheit hat.

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