„Wir sind immer als minderwertig behandelt worden“

Dritter Teil eines Gesprächs mit Milka K. Zu Teil 1 und Teil 2.

SDC11160

Wollten Kärntner Slowenen hier zu Jugoslawien? Manche sicher. Wir haben uns nicht wohlgefühlt, man hat uns keine Schulen gegeben, keine zweisprachigen Ortstafeln, das Schild Gostilna (Gasthaus) musste entfernt werden, überall ist man verspottet worden. Natürlich reden manche Kärntner Slowenen nicht so fließend Deutsch, als wäre das ihre Muttersprache, oder sie haben einen Akzent. Sie werden nicht für voll genommen.

Ich weiß gar nicht, ob meine Familie damals zu Jugoslawien wollte. Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch bei uns Menschen gab, die sagten, in Slowenien fühlen wir uns zu Hause, da gehören wir dazu, da können wir unsere Slowenischen Lieder singen ohne dass uns jemand böse anschaut, ohne dass uns jemand auspfeift.

Ich kann mich erinnern, da haben wir einmal Slowenisch gesungen und da haben sogar Leute, von denen man weiß, dass sie nicht gerne Slowenisch reden oder hören, die davon nichts wissen wollen, sich nicht zugehörig fühlen, die haben so mitgesungen und die haben so geweint und gesagt, das war so schön. Also irgendwo ist das noch vorhanden.

Wir sind immer als minderwertig behandelt worden, in jeder Hinsicht zum Beispiel auch die, die in Gailitz in der BBU arbeiten wollten, die haben dort nicht Slowenisch reden dürfen, sonst wären sie nicht aufgenommen worden, das war bei der Bundesbahn, das war bei der Gendarmerie so.

Größtenteils sehen die Leute, die von auswärts kommen, von weiter weg, die Sprache unproblematisch. Vielleicht sogar als Bereicherung. Da ist nicht so ein Minderwertigkeitsgefühl.

In Achomitz fing es ungefähr 1933 an, dass Menschen deutschgesinnt waren. Zur Zeit der Volksabstimmung 1920 wüsste ich von keinen Reibereien im Dorf. Mein Vater hat aber erzählt, dass mein Großvater und sein Nachbar Probleme mit Slowenisch oft besprochen haben, die waren beide kulturell sehr beflissen, die haben großen Wert darauf gelegt.

Zweck des Kulturvereins war auch, den jungen Leuten Wissen zu vermitteln. Sie haben ihnen gezeigt, wie man mit dem Vieh umgeht. Auch Hygiene, das war ja damals auch nicht so, das Klo war ein Plumpsklo, wenn es überhaupt vorhanden war. Dann sind Gendarmen gekommen und haben beide Männer verhört, ob sie Geld nach Serbien geschickt haben, ob sie wohl nicht die Serben unterstützen. Ich weiß nicht genau wann das war. Mein Großvater hat gesagt, wenn er Geld hätte, würde er das liebend gerne in seine Familie investieren, aber er habe keines.

Bevor diese Ortstafel jetzt aufgestellt wurde, sind wir eingeladen worden, dass wir zusammensitzen, da hat jemand aus dem Dorf gesagt, er kommt nicht, man weiß ja nicht, was da passiert.

Im Klagenfurter Landhaus ist ein Denkmal für die Kärntner Einheit, da ist kein Wort Slowenisch drauf. Wir Kärntner Slowenen wollten da wenigstens ganz kurz präsent sein in einem Satz, dass wir hier ansässig sind, dass es uns gibt. Das war nicht möglich. Das war unter Haiders Zeit.

Am heimischen Gemeindeamt, bin ich zu einem Angestellten hingekommen, bei dem ich genau wusste, dass der Slowenisch kann. Wenn ich den auf Slowenisch angesprochen habe, hat der immer deutsche Antworten gegeben.

Ich habe Bekannte, wenn ich die in Villach treffe und Slowenisch anspreche, antworten sie dort immer Deutsch, obwohl sie zu Hause Slowenisch sprechen. Das ist irgendwie eine Urangst.

Es gab eine Zeit, das glaubten die Leute, wenn sie eine Slowenische Partei wählen, wählen sie die Kommunisten. Da ist auch die Wahlpropaganda aus Jugoslawien schuld daran.

Die Gebildeten waren die Pfarrer. Viele Lehrer Slowenischer Herkunft gab es nicht. In der ersten Klasse war der Unterricht zweisprachig, halb-halb. Wir haben immer einen Satz Slowenisch und den gleichen auf Deutsch geschrieben. Auch gerechnet haben wir auf Slowenisch. In der zweiten und dritten Klasse haben wir nur wenige Stunden Slowenischunterricht gehabt. In der 2. hatten wir eine Lehrerin aus Klagenfurt, die konnte nicht Slowenisch, da hat der andere Lehrer uns unterrichtet. In der 4. war es auch so. Auch in der Hauptschule etwa 2 Stunden pro Woche, wie eine Fremdsprache.

Ich habe keine Ahnung, wo oder wann ich Deutsch gelernt habe. Hier haben alle Slowenisch gesprochen. Wir haben Verwandte in Villach gehabt, vielleicht habe ich das nebenbei bei denen aufgeschnappt. Ich glaube, ich konnte Deutsch, als ich in die Schule kam. Ich erinnere mich, dass ich schon ein bisschen rechnen konnte auf Deutsch.

Ich kann mich in der Volksschule nicht erinnern, dass mir ein deutscher Ausdruck neu gewesen wäre. In der Handelsschule kann ich mich erinnern bei einer Prüfung kam in einer Frage der Ausdruck „üppig“ vor, den kannte ich nicht. Das ist kein  Wort, das bei uns gebräuchlich war. Weil ich das nicht kannte, beantwortete ich die Frage falsch, weil ich raten musste. Das ist eigentlich das einzige Mal, wo ich etwas nicht verstanden habe.

Jetzt kann ich nicht sagen, dass Deutsch mir schwerfällt. Slowenisch ist schon meine Muttersprache, ich fühle Slowenisch und wenn ich mich ausrücken möchte, werde ich mich Slowenisch ausdrücken. Aber bei Deutsch muss ich nicht nachdenken. Ich übersetze nicht.

Wenn Wagner und Haider diese Propaganda gegen die Kärntner Slowenen ins Positive gekehrt hätten, wäre das ganz anders geworden. Die Leute lassen sich wirklich manipulieren. Wenn sie schon nicht selber denken können.

Als ich Kind war, war in Achomitz nur eine Familie, die mit den Kindern Deutsch geredet hat. Die Mutter war BDM-Führerin, die war damals auch ein junges Mädchen. Die ist halt so erzogen worden in diesem Sinne. Die ist ja indoktriniert worden, die haben das ja können, mit Sport und so, die haben das ja perfekt beherrscht. Ihrem Mann dann war es vermutlich egal, vielleicht hat er gedacht, die Kinder haben mehr Chancen, wenn die Kinder Deutsch können.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Old Glory abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s