„Die haben Maschinenpistolen gehabt, aber sie hat nichts verraten“

Ein Gespräch mit Josef Schnabl (Jahrgang 1936)

SDC11132

Im Gailtal gab es im 2. Weltkrieg eine Gruppe von Partisanenkämpfern. Sie bestand vorwiegend aus in Arnoldstein tätigen Arbeitern. Die Partisanen wurden „Schüttpatisanen“ genannt. Über ihre Aktivitäten gibt es nicht viel Literatur. Drei dieser Partisanen mussten sich 1944 auf einem Hof verstecken und dann fliehen. Josef Schnabl erinnert sich.

Mit dem Bruder haben wir nicht reden können über die Geschichte mit den Partisanen. Und mit der Schwester auch nicht. Die Schwester war ganz meiner Meinung, aber der Bruder hat das nicht gelten lassen.

Mit diesen Geschichten kommen wir mit dem Bruder zum Streiten.

Ein Partisan war Bankknecht (Knecht eines Fleischhauers), der hat bei uns Viecher gekauft, den hat der Vater gekannt. Winko hat er geheißen, der war Bankknecht beim Z. in Arnoldstein. Die Frau, die der Vicki geheiratet hat, die war angestellt beim Z., als Kellnerin oder Putzfrau, ich weiß es nicht mehr genau. So hat der Vicki Kontakt gehabt mit ihr und auch mit dem Bankknecht. Und die Partisanen haben damals gesagt, wenn es gegen Ende und schlecht geht, wollten sie, dass er zu den Partisanen wechselt.

1944 sind drei Partisanen von Hohenthurn zum Vicki gekommen und dort war alles zugesperrt. Dann sind sie zu uns gekommen und gingen auf den Stadel. Sie haben meinen Vater gebeten, dass er hinaufgeht, er hat ja dann Kontakt gehabt mit den Partisanen. Der Vicki war jetzt in der Zwickmühle, was sollte er jetzt machen? Der Vater hat uns Kinder nach Maglern geschickt, dass wir nicht da spielen, dass wir nicht auf den Stadel kommen zu den Partisanen.

Der Vicki ist zu meinem Vater gekommen und hat gesagt, er soll früher im Stall die Viecher füttern und dann zusperren, weil er die Partisanen anzeigen wird. Mein Vater wollte die Gendarmerie anrufen, den Postenkommandanten. Der Vicki hat das nicht wollen, der hat die Zoll angerufen. Dann ist der Chef von der Zoll gekommen. Das war ein gewisser K., ein Briefträger, der hat nur eine Hand gehabt. Dann wollten sie dem zeigen, wo die Partisanen liegen. Es hat ja der Vicky selbst hinaufgehen wollen, aber der Postenkommandant hat gesagt, nein, es wird er gehen und noch einer, der wird ihnen den Weg zeigen, weil es da von einem Stadel in noch einen gegangen ist, und der hat sich ausgekannt bei uns. Der hat sie angeführt.

Der Zöllner ist vorausgegangen. Vorher haben sie noch einen Hund hinaufgeschickt. Dann sind sie durch die Verbindung von einem Stadel in den anderen gegangen und sie leuchteten mit der Batterie (Taschenlampe) auf den Heustock hinauf, wo die Partisanen waren. Zwei sind gelegen, haben geschlafen und einer hat ein Maschinengewehr gehabt, der hat Wache gehalten. Und wie sie hinten hinaufgeleuchtet haben, da hat der eine gesehen, dass sie in Uniform sind. Und er hat das Maschinengewehr genommen und hat gezogen. Der Postenkommandant war gleich tot und der andere hat das Schüsselbein durchschossen gehabt. Der hat noch den einen hergezogen. Einer war hinter einer Planke und dann ist er noch bei einer Luke schnell hinausgesprungen.

Dann sind die anderen zwei Partisanen wach geworden durch die Schüsse und haben zusammengepackt. Sie haben sich nicht einmal angezogen. Draußen hat es schon zu schneien angefangen, es war ja schon fast ein halber Meter Schnee. Der Partisan, der oben geschossen hat beim Heustock, ist hinuntergesprungen und dann bei der Luke hat er noch einmal gezogen. Die anderen sind auch hinuntergesprungen. Einer oder zwei haben nicht einmal Schuhe gehabt, die sind bloßfüßig bis nach Dreulach. Die sind hinauf auf den Acker und dort hat er noch einmal gezogen. Er hat dreimal geschossen. Der Volkssturm hatte den Hof umzingelt, aber als das erste Mal die Schüsse gefallen sind, haben sich die anderen alle versteckt.

Dann sind die drei Partisanen von Draschitz nach Dreulach zum Enzi gegangen. Der Vater hat ja Angst gehabt, weil wir Kinder waren. Aber mit der alten Frau Enzi, die allein zu Hause war, weil der Enzi mit dem französischen Knecht am Berg gearbeitet hat, hat er schon etwas ausgemacht. Dort haben sie gerufen und die Frau Enzi hat auch nicht mehr aufmachen wollen, weil sie schon in der ganzen Ortschaft gewusst haben, dass Partisanen in Draschitz sind und alarmiert worden ist auch schon. Aber es hat ja geschneit und einer war noch ohne Schuhe. Und da hat sie sie hineingelassen. Dort haben sie etwas zu Essen bekommen und dass sie sich angezogen haben. Da sind sie von Dreulach in die Dert hinunter gegangen und über die Gailbrücke.

Es hat so geschneit. Der, der verletzt war, ist zum Wirt und hat die Wehrmacht angerufen. Die sind dann gekommen mit Soldaten. Die sind ins Zimmer gekommen, wo wir gelegen sind. Die haben sich abgewechselt. Die Laube (Vorzimmer) war voll Schnee wie sie hineingekommen sind. Die Soldaten sind um den Ofen gesessen und ich und die Schwester sind bei den Eltern gelegen. Das habe ich alles mitgekriegt.

Die Partisanen sind über die Gailbrücke nach Förk. Dort waren sie auf einem Stadl versteckt. Die Partisanen haben ja mit dem Vicki geredet. Der hat alles gewusst, wohin sie gehen werden. Dass sie nach Dreulach gehen werden. Er hat sie verraten. Mein Vater hat da nichts dafür können.

Am nächsten Tag ist die Gestapo gekommen. Der Vater und der Vicki mussten nach Thörl zum Verhör. Der Vicki hat alles gewusst, wohin sie gegangen sind. Der Vicki hat die Wahrheit gesprochen. Mein Vater ist zum Enzi gegangen. Der Enzi und der Franzose waren am Berg, wie der Vater beim Enzi war und um ein Zimmer gebeten hat und dass sie dorthin können. Der Vater hat gesagt, er war nicht beim Enzi und die Frau Enzi war auch so viel, dass sie auch nicht gesagt hat, dass der Vater dort war. Er hat ja ausgemacht mit ihr, dass sie das sagen soll.

Bei der Einvernahme ist die Gestapo nicht mehr zurechtgekommen. Beim Enzi wurde dann der Besitzer befragt, der hat von nichts gewusst, der Franzose auch nicht, keiner hat etwas davon gewusst. Dann haben sie dem Vater geglaubt und dem Vicki nicht. Der Vater hat gesagt, er war nicht dort und die Alte hat auch gesagt, sie weiß von nichts. Die haben Maschinenpistolen gehabt, aber sie hat nichts verraten. Dann hat der Vicki einrücken müssen zur Wehrmacht. Wo er früher befreit war, weil bei ihm am Hof waren ja drei oder vier im Krieg, und einer hat die Wirtschaft bestellen können.

Mein Vater hat das Glück gehabt, dass die Enzi so fest war und gesagt hat, dass mein Vater nicht dort war. Und keiner konnte etwas bezeugen, weil wie mein Vater dort war, war sie allein und die Gestapo hat dann den Vicki verdächtigt gehabt, dass etwas nicht stimmt und hat ihn einberufen.

Mein Vater hat nichts dafür können, dass sie zu uns gekommen sind. In der Früh, als sie gerufen haben, da hat der Vater gedacht, der Winko kommt ein Kalbl holen. Sonst hat der Vater keinen Kontakt mit Partisanen gehabt. Aber der Postenkommandant der Gendarmerie in Arnoldstein hat schon gesagt, wenn wer kommt, dann soll er den Posten anrufen. Das hat der Vicki nicht wollen.

Der Postenkommandant von der Zoll hat das Leben lassen müssen, obwohl es nicht notwendig war. Mit dem von der Gendarmerie war es so ausgemacht:  Wenn der Vater gesagt hätte, die Partisanen sind da, hätte er gesagt, verschwindet schnell und dann hätte er angerufen und dann hätten sie sie gesucht. Aber der Vicki hat sie lebend fangen wollen.

Das ist die Variante, ich war ja ein Kind. Wie das stimmt, ist eine andere Frage. Weil der Bruder behauptet es anders. So ist es, wie ich es vom Vater gehört habe. Ich kann ja auch nicht sagen, wie es genau war, ich war ein Kind. 7-8 Jahre alt.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu „Die haben Maschinenpistolen gehabt, aber sie hat nichts verraten“

  1. dasmanuel schreibt:

    Beeindruckendes Zeitdokument!

  2. Pingback: „Einer hat gesagt, wenn ein Denkmal kommt, nimmt er das Gewehr und erschießt mich gleich.“ | Karin Koller

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