Pensées: Ein Ausflug nach Triest 1

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  1. Triest liegt zwischen dem Meer und einer Hochebene, dem Karst. Über diese Hochebene fährt man in die Stadt. Für zwei Tage fahren mein Mann und ich nach Triest. Die Kinder lassen wir bei meiner Mutter in Kärnten.
  2. Sobald wir das Meer sehen, bleiben wir stehen, steigen aus und schauen auf das Meer. Die Sonne scheint, trotzdem fühlt sich die Winterjacke jetzt, Ende Oktober, angenehm an.
  3. Das Meer ist dunkelblau, am Horizont ankern große Schiffe, ich kann nicht erkennen, ob es Frachtschiffe oder Öltanker sind.
  4. Wir fahren den Hügel hinunter. Direkt am Meer steigen wir noch einmal aus und vertreten uns die Beine. Wir sind irgendwo zwischen Miramare und der Stadt. Bis zum Schloss gehen wir nicht. Der Weg am Meer entlang ist mit Bäumen bepflanzt, in deren Stämme Nummerntafeln genagelt sind.
  5. Mein erster Eindruck von der Stadt, als ich vom Meer aus in die Berge schaue, ist: Eine Ringstraße direkt am Meer.
  6. In der Stadt checken wir zuerst in unser Hotel ein. Es ist ein sehr vornehmes Hotel mit Balkon zum Meer hinaus. In der Minibar gibt es Nutella. Beim Bidet ein Fläschchen mit „Initmate Wash“. Ein bisschen würde es mich schon interessieren, inwieweit sich das von Flüssigseife unterscheidet.
  7. Auf der Piazza Unità d’Italia stehen zwei unbeflaggte Fahnenmasten, an deren Füßen Soldaten stehen, die 1953 bei dem Aufstand teilgenommen haben, der dazu führte, dass Triest unter Italienische Verwaltung kam.
  8. Auf der anderen Seite des Platzes ist der Brunnen der Kontinente. Europa und Asien sind Frauen und vollständig bekleidet, Afrika und Amerika Männer und halb nackt. Eine Analyse der vorurteilsbehafteten Ikonographie von Denkmälern würde mich interessieren.
  9. Wir schlendern durch die Stadt. Auf den Straßenschildern ist nicht nur erklärt, wer namensgebend war, sondern auch wie die Straße früher hieß. Richtig interessant wäre in allen Städten für jedes Straßenschild eine Liste mit allen rekonstruierbaren Straßennamen der Vergangenheit. Mit Jahreszahl. Auch mit den Nazifunktionären, die bei uns und möglicherweise auch in Triest gewürdigt wurden.
  10. Es wäre ein Stückchen Geschichte, das temporäre Prioritäten und Stimmungen zeigte.
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  12. Neben den Straßenschildern hängen Tafeln mit Gedichtzeilen. In der Via del Monte: „A Trieste ove son tristezze molte, e belezze di cielo e di contrarda, c’è un’erta che si chiama via del monte.“
  13. Die Via del Monte führt zur Altstadt, der Burg und der Kathedrale. Ein Soldatenfriedhof befindet sich auf dem Hügel. Zerbrochene Steine mit den Namen der Gefallenen, dem Todesdatum und dem Todesort liegen verstreut herum. Manche sind mit Blumen geschmückt, neben anderen liegt Müll. Im Gegensatz zu den vielen Heldendenkmälern gibt dieser Friedhof ein Gefühl der Zufälligkeit, der Sinnlosigkeit des Krieges. Menschen sterben dort nicht als Helden.
  14. Die Kirche ist geschlossen. Aber in der Burg ist ein Museum. Wir gehen hinein. Einige Bilder und Waffen sind ausgestellt. Der Ausblick ist sehr schön. Auf das Meer. Auf die Berge. Wir kommen auf eine Terrasse und sitzen in der Sonne.
  15. In der Ferne sehe ich einen riesigen Wohnblock, größer als alle, die ich kenne. Ich wundere mich, was das sein kann und nehme mir vor, es herauszufinden.
  16. Nach der Burg gehen wir in die Stadt zurück und sehen uns das Museo Revoltella an. Ein Museum für moderne Kunst. Ausgestellt sind aber hauptsächlich Kunstwerke aus dem 19. Jahrhundert.
  17. Landschaftsbilder – Schiffe, die Fässer transportieren – Malereien von Alltagsszenen – Bilder vom Suezkanal, weil Revoltella einer der Inverstoren des Suezkanals war.
  18. Einige Räume sind mit Originalmöbeln eingerichtet. Mit viel Gold. Das erinnert mich ein bisschen an die teuren Wohnräume moderner Oligarchen.
  19. Im Feinkostgeschäft in der Nähe des Museums hängt ein großer, angeschimmelt aussehender Schinken, der mit roten Pfefferkörnern bedeckt ist. Der Schimmel muss sein, lasse ich mir sagen. Und möglicherweise stimmt das auch. Wir kaufen Wein und Bier und Öl aus der Gegend.
  20. „Aus der Gegend“ heißt hier: Dieser kleine Zipfel Italiens, Slowenien und Istrien.
  21. Im Hotel liegt ein Säckchen mit Marzipankugeln. Fave Triestine heißen die. Die Sonne geht langsam unter und ich sitze am Fenster und schaue zu.
  22. Die Sonne geht links von mir unter, dort muss Westen sein. Demgemäß schaue ich nach Norden. Wie das möglich ist, dass das Meer nach Norden zeigt, weiß ich nicht. Ich beginne zu verstehen, warum man so oft sagt, Triest liege im Nirgendwo.
  23. Nach dem Abendessen gehen wir noch einmal in die Stadt. Auf der Piazza Unità sind blaue Lichter.
  24. Dahinter ist der Canale Grande. Nicht so grandios wie in Venedig.
  25. Auf einer Brücke über dem Kanal steht eine lebensgroße Bronzestatue von James Joyce. Er war nicht sehr groß, etwa so groß wie ich.
  26. Ich finde es schön, wenn Dichtern (Umberto Saba lief ich am Nachmittag über den Weg) unprätentiös gedacht wird. Anstatt der sonst so beliebten überlebensgroßen Herrscher- und Heldendenkmäler.
  27. Bevor wir ins Hotel zurückgehen, gehen wir noch einmal zum Meer.
  28. Wie sich die Lichter der Stadt im Meer spiegeln. Wie ich erst jetzt die Signallichter für die Schiffe bemerke. Wie unterschiedlich die Häuser beleuchtet sind. Manche in warmen gelben Licht, andere in grellen weißen Licht. Wie schön es ist, dass ich das sehen kann.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Pensées: Ein Ausflug nach Triest 1

  1. sevgi schreibt:

    du schreibst schöne texte

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