„Im Dorf haben manche auf Slowenisch gesagt: Ich bin Deutscher.“

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Zwei kurze Gespräche zeigen, wie weit sich die Trennung zwischen Deutsch und Slowenisch bis in die heutige Zeit manifestiert. Wie gleichzeitig die slowenische Sprache ganz selbstverständlich ein Teil der gesamten Bevölkerung – egal ob sich Menschen als Deutsch oder Slowenisch definiert – geblieben ist. Mit welch seltsamen Definitionen von „Windisch“ als Abgrenzung zu Slowenisch dieses Phänomen erklärt wird. Wie sich die Probleme der Eltern auf die Kinder und die Enkelkinder übertragen. Wie schwer es war, die eigene Identität zu finden in dieser Atmosphäre. Wie es bis heute Konflikte gibt, weil Slowenisch als minderwertig angesehen wird. Wie Anfeindungen oder zumindest abfällige Bemerkungen nach so vielen Jahren immer noch häufig vorkommen.  

Ich habe mit Ursula S. gesprochen. Sie ist ein bisschen älter als ich. Ihr Vater kommt aus einer kärntner-slowenischen Familie. Der Vater ihrer Mutter war kärntner Abwehrkämpfer (1918 beanspruchte das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen Teile Kärntens. Es kam zu Kamphandlungen) und sah sich dementsprechend als „deutsch“. Die Familie wohnte bei diesem Großvater auf dem Hof.

Das zweite Gespräch führte ich mit Elfriede K. Sie lebte, bis sie 17 Jahre alt war, im Gailtal, arbeitete danach in Oberösterreich, Tirol, Wien und Salzburg. Sie kehrte erst, als sie pensioniert wurde, in ihr Heimatdorf zurück, verbrachte aber ihre Ferien oft dort.

Ursula S. (*1966)

Ich habe nicht gewusst, wo ich hingehöre.

Die Eltern wollten mit allen gut sein, es dem Großvater recht machen, deshalb haben sie mit uns Kindern immer nur Deutsch gesprochen. Slowenisch haben wir nur passiv mitbekommen, weil die Eltern miteinander Slowenisch geredet haben. In der Schule haben wir es gelernt. Im Nachmittagsunterricht, wie Nachsitzen war das. Die anderen, die nicht angemeldet waren, die durften spielen gehen. Uns erschien das wie eine Strafe.

Wenn mich eine Schulkollegin hänseln wollte, sagte sie immer „du Windische“ zu mir. Oft habe ich meinen Bruder aus der anderen Klasse geholt, damit er das regelt.

Der Zwiespalt war ein Trauma für mich.

Auch interessant: Der Großvater war Nazi und hat trotzdem zu Hause Slowenisch gesprochen. Er hat aber verboten, dass wir Slowenisch lernen.

Im Dorf haben manche auf Slowenisch gesagt: Ich bin Deutscher.

Elfriede K. (*1941)

Viele, die früher gerne zu slowenischen Veranstaltungen gegangen sind, wurden schon vor dem Krieg Deutsch. Einige konnten anfangs kein Deutsch und wurden später Deutschtümler.

Eine Frau hat von ihren Kindern Deutsch beten gelernt. Später ist sie Frau F., die aus Slowenien kommt, angegangen, dass nur wegen ihr in der Kirche Slowenisch gebetet wird.

Beten spielt eine große Rolle bei den Frauen im Dorf.

Auch der Kirchenchor. In den 70er Jahren bestand der Chor darauf, dass pro Messe höchstens ein Lied gesungen werde. Wenn die Sängerinnen aber zur Kirche gingen, sprachen sie immer Slowenisch miteinander. Aber nur bis zur letzten Kurve vor der Kirche, danach war alles Deutsch.

Als ich zur Schule ging, hat Pfarrer Kattnig den Religionsunterricht immer nur in Slowenisch abgehalten. Wir haben bei ihm auch Slowenisch gebetet. An Schulunterricht auf Slowenisch kann ich mich nicht erinnern. Der Lehrer konnte kein Slowenisch. Vielleicht ist ein anderer Lehrer für wenige Stunden in der Woche gekommen, der Slowenisch unterrichtete. Ich weiß es nicht mehr.

In der Kirche las Pfarrer Kattnig die Messe auf Lateinisch, die Lieder wurden Slowenisch gesungen. Pro Messe gab es nur eine Strophe Deutsch.

Ich habe nicht gewusst, dass ich Kärntner Slowenin bin. Ich habe als Kind nicht viele Verspottungen erlebt. Später war ich ja nicht mehr im Dorf. Als ich zurückkam, in der Pension, haben immer wieder Leute etwas gesagt. Eine Frau hat gesagt, ich solle lieber zu Hause bleiben, als so laut Slowenisch zu beten.

Mit der Mutter und der Tante habe ich Slowenisch geredet. In der Schule haben wir Deutsch geredet. Auch nach der Schule mit den anderen Kindern, beim Halten der Pferde und am Feld. Einige Slowenische Ausdrücke waren aber für alle selbstverständlich.

Viele haben gesagt: Slowenisch ist die Sprache für den Stall.

In der Nazizeit war überall plakatiert: Kärntner sprich Deutsch.

Später, wenn man das Wort „Windisch“ gehört hat, hat man sich minderwertig gefühlt. Das war eine Beschimpfung.

Eine Frau sagte mir vor kurzem, wenn sie einkaufen ging und jemand sagte: „Ach, die Windische,“ empfand sie das als sehr kränkend. Sie empfand sich nicht als windischsprachig, sondern als slowenischsprachig im Gailtaler Dialekt. Ihr Mann sagte bei einer Veranstaltung, Windisch sei das einzig Wahre.

Die Großeltern einer Frau waren ausgesiedelt. Sie selbst hat ein Tamtam gemacht, als ihre Tochter einen Slowenischkurs besuchen wollte, um bessere Chancen als Lehrerin zu haben.

Es gab viel Neid darüber, dass slowenischsprachige Lehrerinnen leichter Jobs bekamen und „die Mehrheit“ nicht. Über das slowenische Gymnasium wurde gesagt: Denen schmeißt man alles nach, der Dümmste wird dort aufgenommen, einer, der nicht einmal die Hauptschule derpackt.

Ca. 2002 sagte ein Pfarrer zu mir: Ich mache nur das Vaterunser auf Slowenisch. Das reicht. Den Leuten sage ich, im Computer kann ich keinen Háček machen und ohne den kein Slowenisch.

Ein anderer Pfarrer: Manchmal hat man das Gefühl, die Leute wollten einen am liebsten erschießen.

In der Kirche habe ich eine Frau gefragt, ob sie die Lesung am nächsten Sonntag auf Slowenisch macht. Sie sagte, sie würde es gerne machen. Zwei Stunden später rief sie an und sagte, ihr Mann erlaube es nicht.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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