Pensées: Ein Ausflug nach Triest 2

DSC02111

  1. In der Früh wache ich auf und sehe als erstes das Meer. Genauer: Wie die Sonne gerade hinter dem Meer aufgegangen ist. Wie ganz hinten, am Horizont, sich gerade eine rötliche Diesigkeit verzieht. Wie das Licht golden über die Bucht streicht.
  2. Fünf Minuten schaue ich zu, dann lege ich mich wieder hin. Schließlich sind ja Ferien.
  3. Am Vortag habe ich mir bei der städtischen Bibliothek das Prospekt des Italo Svevo Spazierganges geholt. Bevor wir nach Triest fuhren, hatte ich auf Svevo vergessen. Wie gerne hätte ich jetzt Zeno Cosini dabei und würde nachschlagen, welche Orte vorkommen.
  4. Mir ist auch bisher nicht aufgefallen, dass Italo Svevo „italienischer Schwabe“ bedeutet und das seine Herkunft und seine Loyalität bekundet.
  5. Dreizehn Sehenswürdigkeiten sind in dem Prospekt verzeichnet. Manche davon mit Fotos aus Svevos Zeit. Fast jede Sehenswürdigkeit ist mit einem Zitat aus Svevos Werk beschrieben.
  6. Für James Joyce, Umberto Saba und Fulvio Tomizza gibt es auch solche Prospekte mit Spaziergängen.
  7. Die meisten Sehenswürdigkeiten sind Häuser, in denen Svevo zur Schule ging, wohnte, arbeitete, seine Freizeit verbrachte. Damit man sie mit Sicherheit erkennt, sind an den Häusern Plaketten angebracht.
  8. Die Häuser sind eher unspektakulär. Trotzdem finde ich es schön, Straßen zu sehen, in die ich sonst nicht gegangen wäre. Und mich trotz Plan zu verirren.
  9. Und irgendwo, wo ich schon längst nicht mehr weiß, ob ich nun weit entfernt oder nahe am Meer bin, stehen wir vor einem römischen Theater. So gut erhalten, dass ich mir vorstellen könnte, hier eine Aufführung zu sehen.
  10. Wie James Joyce gestern, sehen wir heute Italo Svevo als lebensgroße Bronzestatue auf der Straße stehen. Er ist auch etwa so groß wie ich.
  11. Eine Taube hat ihm auf das linke Auge gekackt.
  12. In der Nähe der Statue befindet sich das Svevo- und Joyce-Museum. Und im gleichen Haus jenes von Petrarca.
  13. DSC02150 DSC02133 DSC02127
  14. Das Museum ist eigentlich eine Verwaltungsstelle, in der Räume für die Ausstellung zur Verfügung gestellt wurden. Der Eintritt ist frei.
  15. Im Flur hängen gerahmte Poster alter Theateraufführungen von Werken Svevos. Claudia Cardinale spielte 1962 in Senilità.
  16. Svevo wird in diesem Zweiraummuseum der größere Raum gegeben. Zeitungen, auf die Svevo seinen Namen schrieb (weil er unter einem Pseudonym schrieb) sind ausgestellt. Einige von Svevos Briefen, einige seiner Bücher. Ein Plakat der Firma, in der er nach seiner Hochzeit arbeitete. Nur eine Erstausgabe von La Coscienza di Zeno, leicht zerfetzt.
  17. Im Joyce-Raum sind vor allem Briefe an Svevo und von Svevo an Joyce ausgestellt. Einige davon groß an die Wand projiziert.
  18. Die Schriftsteller schrieben einander auf Italienisch, obwohl Joyce Svevos Englischlehrer war.
  19. Das Museum scheint keinen roten Faden zu haben, den ich auf Anhieb erkennen könnte.
  20. Einen Stock höher befindet sich das Petrarca-Museum. Auch zwei Räume. Auch hier erfahre ich nicht viel Zusammenhängendes. Vielleicht bemühe ich mich auch zu wenig, die Begleittexte zu lesen.
  21. Ein Globus und alte Bücher sind ausgestellt. Ich möchte schon enttäuscht gehen, da fällt mein Blick auf zwei Tafeln. Jede besteht aus drei Bildern. Auf verschiedenen Wagen werden Triumphzüge veranstaltet. Ein Wagen wird von Elefanten gezogen, einer von Ochsen, einer von Einhörnern. Auf einem Wagen fährt der Tod als Skelett mit Sense. Auf anderen Wagen Heilige.
  22. Das Bild muss etwas mit Boccaccios Decamerone zu tun haben. Ich nehme mir vor, herauszufinden, was dieses Bild genau bedeutet.
  23. Vor dem Museum ist ein Graffito: „Die Zukunft ist noch nicht geschrieben, die Vergangenheit lässt sich nicht umschreiben, nehmen wir uns die Gegenwart!“
  24. Ich kann nicht entscheiden, ob das tiefsinnig ist oder platt. Die gesamte Hauswand entlanggesprüht sieht es jedenfalls gut aus.
  25. In einer Buchhandlung kaufe ich mir ein paar Bücher über Triest. Auf Deutsch. Jede Buchhandlung hier hat auch eine deutschsprachige und eine slowenischsprachige Ecke.
  26. Sehr viele Schaufensterpuppen hier tragen Ohrringe. Mir sind bisher noch nie Schaufensterpuppen mit Ohrringen aufgefallen.
  27. Nach dem Mittagessen (Spaghetti con vongole, im Freien) gehen wir noch einmal zu Meer. Auf die Plattform, die früher wohl eine Anlegestelle für kleine Schiffe war, jetzt aber eher ein Aussichtspunkt für Touristen und Liebhaber ihrer Stadt.
  28. Ich werfe noch einen Blick auf die Stadt und einen aufs Meer.

DSC02160 DSC02163 DSC02175

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Pensées abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s