Schmalzkügelchen

DSC04257

Ein Weinhändler, ein Industrieller und ein Graf von altem Adel fliehen mit ihren Frauen vor dem Feind. Mit ihnen reisen zwei Nonnen, ein bekannter Politaktivist. Und eine Prostituierte.

Die edlen Herrschaften wollen mit ihr nichts zu tun haben. Sie unterhalten sich darüber, wie geschickt sie es angestellt haben, ihr Vermögen zu retten. Nach einigen Stunden Fahrt merken sie, dass sie nichts zu essen mitgenommen haben.

Die Prostituierte hat Proviant dabei, lädt alle ein und erzählt wie sie dem Feind Widerstand geleistet hat (während sich die Herrschaften mit dem Feind arrangiert haben). Das angeregte Gespräch mit der Prostituierten hält in etwa so lange wie ihre Vorräte reichen.

Das Nachtquartier ist vom Feind besetzt. Der Kommandant möchte Sex mit der Prostituierten, die ihn jedoch abweist. Zuerst bewundern ihre Mitreisenden sie wegen ihrer Standhaftigkeit, aber nur, bis sie erfahren, dass sie nicht weiterreisen können, ehe sie den Wunsch des Kommandanten erfüllt hat.

Da kippt die Stimmung bald. Ob diese „Schlampe“ da sie noch lange an einem Ort wie diesem einsperren dürfe, fragt einer von ihnen. Die Damen meinen, es sei sehr anständig von dem Offizier, „nur“ die Prostituierte zu verlangen, wenn er doch die vornehmen Damen vergewaltigen könnte (und im Übrigen sei er eh sehr fesch, meint eine von ihnen). Überhaupt hätte sie sich berufshalber jedem Erstbesten hingegeben. Da könne ihr das nicht so schwer fallen.

Sie bearbeiten die Prostituierte, bis sie sich breitschlagen lässt. Am nächsten Morgen reisen sie weiter. Die Mitreisenden sind voller Verachtung für die Prostituierte. Sie finden, sie hätte sich vom Feind beschmutzen lassen. Sie wollen mit ihr nichts zu tun haben. Als sie essen, bieten sie ihr, die in der Aufregung den Proviant vergessen hat, nichts an. Sie wird darüber so wütend, dass sie die Tränen nicht mehr unterdrücken kann. Eine der Damen triumphiert: „Jetzt weint sie über ihre Schande.“

Das ist die Zusammenfassung der Geschichte Schmalzkügelchen von Guy de Maupassant (Es ist eine der besten Novellen, die ich kenne).

Die Geschichte spielt im Deutsch-Französischen Krieg 1871, vor etwa 140 Jahren, also heute undenkbar. Ich neige, wie andere auch, dazu, anzunehmen, dass der zivilisatorische Fortschritt in den letzten 140 Jahren ein großer war.

Und dennoch bin ich nicht sicher, ob sie sich heute nicht genau gleich abspielen würde.

Wie oft wird betont, dass die heutige Gesellschaft ohne strenge Klasseneinteilung auskommt. Aber wie sehr gibt es immer noch gesellschaftliche Hierarchien, fehlende Aufstiegsmöglichkeiten, und vor allem ein Überlegenheitsgefühl der „Eliten“. Weil sie die bessere Ausbildung genossen haben. Weil sie mehr Geld verdienen.

Zivilcourage und moralisch richtiges Handeln spielen nur eine sehr untergeordnete Rolle, fühlt man sich einmal als „Elite“, ist man allen anderen überlegen. Moralisch auch, selbst wenn das auf keinerlei realen Grundlage basiert.

In der Gier bricht aber dieses Klassensystem auf, man verbündet sich, wie es gerade opportun ist. Sei es in politischen Belangen oder sei es zur Befriedigung der persönlichen Bedürfnisse. Da nimmt man auch von Gruppen oder Personen, mit denen man sonst nichts zu tun haben wollte.

Aber nicht nur in der Gier. Auch in der Verachtung anderer. Wie in Österreich gegenüber Asylwerbern, Migranten, Homosexuellen. Und nach wie vor ist man sich einig bei der Stigmatisierung von Prostituierten (wie auch aktuelle Diskussionen über Gesetze für Sexarbeit deutlich zeigen). Nach wie vor würden viele genauso sagen: „Die ist doch eine Nutte, die braucht sich nicht ihre Sexpartner auszusuchen.“

Nach wie vor würde die Prostituierte, die sich für das Gemeinwohl opferte, nicht gefeiert oder bedankt werden, sondern sehr schnell in die soziale Ausgrenzung zurückgeworfen werden. Weil man sich schämen würde, mit „solchen Leuten“ zu verkehren. Obwohl man sich für ach so „tolerant“ hält.

Es ändert sich nicht so viel, wie man gerne geneigt ist, anzunehmen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Kunst abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Schmalzkügelchen

  1. Elke Standfuss schreibt:

    Hallo Karin,
    toller Artikel, die Story gut gewählt, und ich kann Ihnen bestätigen, in Deutschland ist es nicht viel anders. Übrigens fehlt im Wort „weint“ das „n“.
    Eine schöne Woche wünsche ich,
    Gruß aus Berlin,
    Elke

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s