Sägeblatttunnelschmuck

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Meine Mutter hat eine Holzheizung. Und einen Wald. Fast jedes Jahr gab es einen Windwurf, der Borkenkäfer befiel Bäume oder die Haselstauden trieben aus. Also musste fast jedes Jahr Holz gemacht werden. Das Holz musste monatelang trocknen. Dann wurde die Kreissäge ausgeliehen, meine Oma hatte eigens für sie einen Starkstromanschluss. Jedes Holzscheit musste zur Säge geschleppt werden. Der Nachbar zog jedes Scheit durch die Säge. Das blinkende Sägeblatt mit seinen Zacken. Das Geräusch – surrend, wenn es sich alleine drehte, irgendwie unheimlich, dann der Ton, wenn das Scheit durchgezogen wurde, ein kurzes „Zing“ bei dünnen Scheitern von Rundholz, ein mühsam sich durchfressendes Kreischen bei dickeren Hölzern.

Meine Aufgabe war es, die geschnittenen Hölzer, die der Nachbar in die Schubkarre warf, in die Holzhütte zu transportieren, wo ich sie auf einen Haufen werfen musste. Ich mochte die Härte der Hölzer nicht, obwohl ich dicke Handschuhe trug. Ich mochte den Gedanken nicht, jedes einzelne Holzscheit anfassen zu müssen. Es erschien mir wir eine Arbeit, die niemals enden wollte. Obwohl wir meistens nicht länger als zwei oder drei Tage beschäftigt waren. Obwohl ich die leichteste Arbeit dabei hatte. Obwohl ich wusste, dass die Arbeit notwendig war.

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In dieser Schmuckkolumne stelle ich meine neuen Tunnel von Wildcat vor. Drei Schichten von Stahlplättchen, wie eine Mischung aus Sägeblättern und festgewordenen Wasserstrudeln. Die verschiedenen Ebenen erzeugen sehr nette Lichteffekte. Sie lenken auch etwas vom Ohrloch ab, wirken auf den ersten Blick wie herkömmliche Ohrringe und erst bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass der Schmuck ein Tunnel ist.

Wenn die den Schmuck trage, fallen mir die Sommertage mit der Holzarbeit ein und dann vergesse ich die Mühen und werde ein bisschen nostalgisch.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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9 Antworten zu Sägeblatttunnelschmuck

  1. el schreibt:

    Sehr schön. Toll auch die leeren Löchlein. Ich finde, das sieht besonders reizvoll aus.

  2. janice schreibt:

    loving your fab ears

  3. Sarah schreibt:

    Hallo, entschuldige bitte, wenn ich mich an dich wende, aber du scheinst mir in jeder Hinsicht qualifiziert mir weiterzuhelfen. Unser Sohn (16) ist ein riesiger Linkin Park Fan und nervt uns seit Wochen mit dem Wunsch, dass wir ihm erlauben, gedehnte Ohrlöcher wie der Sänger der Band zu bekommen. http://i2.top.de/468/416468,pd_1/chester-bennington.jpg
    Wir sind ja jedenfalls nicht in der Lage zu verhindern was er tun will sobald er volljährig ist. Dennoch neigen wir dazu ihm das im Moment zu verbieten, weil es ja sein kann dass er seine Meinung noch ändert. Wie würdest du reagieren ihm gegenüber? Danke und LG, Sarah

    • Karin Koller schreibt:

      Mein ältestes Kind ist 13 und ich habe keine Ahnung, was man 16-Jährigen erlauben oder verbieten kann. Grundsätzlich muss man sich beim Ohrendehnen überlegen, wie viel man dehnen möchte, warum man das macht, was man sich davon verspricht. Manche befürchten Nachteile später im Berufsleben. Aber so ein Schmuck ist so häufig geworden, dass ich nicht glaube, dass in irgendeiner Branche tatsächlich nachteile entstehen (Trottel gibt es überall, die könnten auch Nachteile wegen ganz anderer Dinge erzeugen). Wäre es nicht am Besten, ihr setzt euch zusammen und redet? Der Sohn kann euch erklären, warum er das möchte und ihr erklärt, warum ihr Zweifel habt. Vielleicht kommt ihr dann zusammen.

      • Sarah schreibt:

        Danke. Wir hatten doch schon einige mehr oder weniger erhitzte Gespräche, die uns leider einer Entscheidung nicht näher brachte. Er kann das gut erklären, hat sich auch ganz offenbar eingehend damit beschäftigt, spricht von kulturellen Traditionen, einer Homage an sein Vorbild den Sänger, dem Wunsch, seine Individualität zu betonen. Zumindest unterschwellig klingt auch durch, dass ein Mädchen, das er verehrt, gedehnte Ohren toll findet.

  4. Claudia schreibt:

    Mich erstaunt beim Lesen der Kommentare auf diesem Blog immer wieder, wie großes Gewicht auf Befürchtungen einer allfälligen zukünftigen Reue und Angst davor, was irgendjemand denken könnte, gelegt wird. Das sind doch vollkommen bedeutungslose Faktoren. Ich kann aus eigener Erfahrung nach über 30 Jahren durchgepiercter Ohren und 20 Jahren gedehnter Ohrlöcher sagen: a) ich habe nie etwas bereut, warum auch? b) ich hatte keine negativen Folgen zu erdulden (wenn irgendein Spießer über meinen Look den Kopf schüttelte: who gives a shit?) c) wenn mir ein Piercing nicht mehr gefallen hätte/hat, dann habe ich den Schmuck herausgenommen – und Ende. d) selbst bei Tattoos, die nicht einfach zu entfernen sind: was ist das Problem, dass man einem Menschen die Spuren seines Lebens ansieht? (Ich finde das sogar gut und schön)

    Mich würde ehrlich interessieren, ob all die Befürchter jede Handlung und Entscheidung in der Gegenwart unterlassen, die irgendwann in ferner Zukunft theoretisch irgendwelche Nachteile mit sich bringen könnte, ohne dass Art dieser befürchteten möglichen Nachteile überhaupt feststeht. Und wie man sich´s im Zustand ständiger Verängstigung lebt.

    Mein Rat, Sarah: ermutige deine Kinder, vernünftig, aber furchtlos zu sein.

  5. Mr S schreibt:

    Hi Sarah, ich bin deutlich über 40 Jahre alt, in der Finanzdienstleistungsbranche tätig und habe mir im diesjährigen Sommerurlaub, nachdem ich auch lange hin und her überlegt und befürchtet habe, endlich die Ohren gedehnt. In den drei Monaten, die seither vergangen sind, hatte ich beruflich und privat keine einzige ernsthaft negative Reaktion, habe aber nicht selten sogar Komplimente erhalten.
    Ich schätze also, dass dein Sohn keinerlei Nachteile zu befürchten hat, wenn du ihm gestattest, was er sich wünscht.

    • Sarah schreibt:

      Danke für euren Rat. Wir sind nun über unserem Schatten gesprungen und haben es ihm gestattet. Ich begleite ihn dazu heute nachmittag in ein Studio.

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