„Das waren unsere Nachbarn, unsere Schulkollegen, unsere Arbeitskollegen.“

KarteIlhana

Erstes Gespräch mit Ilhana H., die 1972 in der Nähe von Bugojno geboren wurde und 1993 aus Bosnien nach Österreich floh.

Das war ein komischer Krieg. Wir waren zusammen in der Schule. Niemand hat verstanden, was Krieg ist. Wir waren Freunde. Jetzt wird es langsam wieder wie früher. Jetzt gehen sie wieder zusammen in die Schule, studieren, heiraten sogar.

In ganz Bosnien waren Kroaten, Serben und Muslime.

Meine beste Freundin war Serbin. Damals vor dem Krieg hat man nicht gefragt: Wer bist du? Katholisch oder Serbisch?

Man hat schon gewusst, wenn die anderen Weihnachten feiern, laden sie uns ein und wir essen Kuchen. Oder wenn wir einen Feiertag hatten, dann haben wir die Nachbarn eingeladen.

In dem Dorf, in dem ich gewohnt habe, waren Berge. Eines Tags standen wir auf und sahen Soldaten überall. Wir wussten nicht, was los war. Niemand durfte mehr in die Stadt gehen. Niemand durfte mehr zur Schule. Alle mussten in dem kleinen Dorf bleiben. Warum? Krieg.

Viele haben sich gefragt, warum das so ist. Wir waren hier unten und die waren da oben auf den Bergen. Wir kannten diese Leute. Die waren unsere Freunde. Aber jetzt hatten sie Waffen und schossen auf uns.

Ich bin im April 1992 von meinem Dorf bei Bugojno weggegangen. Wir waren zu Hause, da kam ein Telefonanruf. Sie sagten: alle Frauen, alte Leute und Kinder werden morgen mit einem LKW Richtung Kroatien gebracht. Als in Kroatien Krieg war, haben unsere Leute auch Hilfe von Bosnien nach Kroatien geschickt. Aus unserer Gegend waren das 22 LKWs.

Und wir sind dann, als bei uns der Krieg losging, nach Kroatien gebracht worden. Wir hatten nur einen Sack mit den Dingen dabei, die wir wirklich brauchten. Die Männer sind geblieben. Die wollten das Dorf und die Häuser beschützen. Wir sind in Kroatien in ein Hotel für Flüchtlinge gekommen. Zuerst waren wir in Trogir, das ist am Meer. Damals gab es keinen Tourismus, es war alles leer. Ich war mit meiner Mutter und meiner ältesten Schwester in einem Campinghaus. Da war ich zwei oder drei Monate und dann habe ich Heimweh bekommen.

In Bosnien waren noch zwei Schwestern von mir. Die sind geblieben, weil eine hat im Büro einer Ambulanz gearbeitet. Damals hat man ihr gesagt: Wer nicht bleibt, wird den Job verlieren, wenn der Krieg irgendeinmal vorbei ist.

Als wir das Dorf verließen, haben wir gesehen, dass es ruhig war, aber jeder hat gewusst, jede Minute, jede Sekunde kann es anfangen. Es gab nur einen Weg, um mit dem Auto nach Hause zu fahren, sonst war es überall gesperrt.

Am 22. Mai hat es in unseren Dorf richtig angefangen, einen Monat, nachdem ich nach Kroatien gegangen bin. Meine beiden Schwestern waren zu Hause. In der Nacht hat es angefangen. Sie sagten, diese Nacht werden sie nie vergessen, nie. Von überall ging es los. Das waren unsere Nachbarn, unsere Schulkollegen, unsere Arbeitskollegen.

Meine Schwestern sind zu Fuß zwischen den Häusern durch, um sich zu verstecken. Zwei Kinder waren bei ihnen dabei. Zuerst wussten sie nicht, was alles passiert ist. Aber am nächsten Tag fanden sie die Toten. Die lagen auf der Straße. Meine Schwestern wussten genau, von welchen Häusern die waren. Auf einmal haben serbische Männer ihre Häuser verlassen und sind in den Wald gegangen. Dort bekamen sie Waffen. Sie haben sich verteilt. In der Nacht kamen sie ins Dorf und haben geschossen und Sachen geholt. Die Leute haben sich hinter dem Haus versteckt und haben auf die Serben geschossen, wenn sie kamen. Serbische Soldaten haben viele Waffen gehabt.

Unsere Männer hatten kleine Pistolen, manche haben gar nichts gehabt. In der Früh sind sie schauen gegangen, wer tot ist und von den Toten haben sie dann die Waffen genommen, damit sie welche hatten. Das war wirklich schlimm.

Nach zwei Monaten bin ich also wieder nach Bosnien. Nicht in mein Dorf, aber in die Nähe, weil es in unserem Dorf am schlimmsten von dieser Gegend war. Aber in einem Dorf waren Kroaten und Muslims zusammen, und dort war es ruhig, außer wenn die Flugzeuge kamen. Dann mussten sie sich verstecken, aber sonst war es gut, weil es ein bisschen weiter von der Kampflinie entfernt war.

Ich habe immer mein Dorf besucht, wenn wir etwas gebraucht haben. Wir haben ja alles dort gelassen. Bevor wir weggegangen sind, haben wir Schmuck in einem Glas versteckt und im Garten vergraben. Fast jeder hat das gemacht. Wir konnten die Wertsachen nicht mitnehmen. Wenn uns jemand auf der Straße angehalten hätte, hätte der uns alles weggenommen. Wir haben vieles versteckt. Und dann sind wir immer in der Nacht zu unserem Haus, mit meiner Schwester oder mit dem Nachbarn. Wir haben Kleider geholt. Wir haben ja nur eine oder zwei Hosen mitgenommen.

Wir sind ganz langsam hingegangen und haben alles geholt, was wir brauchten. Auch Möbel und so. Wir haben im anderen Dorf in einem Haus gelebt, das verlassen war, die Eigentümer sind nach Deutschland gegangen. Da hat man nicht gefragt. Wer etwas gebraucht hat, hat es genommen. Meine Schwester und eine Freundin haben auch dort gelebt. Sie sind immer zur Arbeit gefahren von dort.

Meine Mutter und eine Schwester sind in Kroatien geblieben. Ich habe gedacht, ich gehe nur die anderen Schwestern besuchen. Aber als ich dann wieder zurückwollte, war ein Gesetz, dass alle über 18 Jahre, egal ob Bub oder Mädchen, Bosnien nicht mehr verlassen dürfen. Dann bin ich geblieben.

Nach einem Monat sind meine Schwester und meine Mutter auch zurückgekommen. Meine Mutter hat gesagt, wenn alle Kinder dort sind, dann kommt sie auch. Dann haben wir ein Haus gefunden, dort mussten wir aber Miete zahlen. 100 Mark im Monat und wir hatten kein Geld. Der Mann meiner Schwester hat uns Geld aus Österreich geschickt. Sein Bruder ist, wenn er frei hatte, zu uns gekommen. Er war Soldat und meine Mutter hat für ihn gekocht und Wäsche gewaschen. Wir haben dort aber nur kurz gewohnt.

Dann sind wir in ein anderes Dorf, dort hat uns eine Frau gratis wohnen lassen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Old Glory abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu „Das waren unsere Nachbarn, unsere Schulkollegen, unsere Arbeitskollegen.“

  1. Xeniana schreibt:

    Schlimm und so verrückt….

  2. Pingback: Wieso machst du das? Du kennst mich doch. | Karin Koller

  3. Pingback: “Das waren so Tagesjobs. Flüchtlinge dürfen ja nicht arbeiten. “ | Karin Koller

  4. Pingback: “Wenn meine Kinder miteinander reden, sprechen sie Deutsch” | Karin Koller

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s