Pensées: Ein Ausflug ins Gailtaler Heimatmuseum

DSC01092

  1. Es ist Sommer. Wanderungen waren geplant. Eine oder zwei sogar mit Übernachtung. Aber es regnet, oder es sieht so aus, als könnte es am Nachmittag regnen, oder in den Wandergebieten ist das Wetter schlecht angesagt.
  2. Ich kann mit den Kindern nicht die ganze Zeit bei meiner Mutter im Haus herumhängen und das Einkaufszentrum hat auch schon seinen Reiz verloren. Wir müssen etwas finden, das leicht mit dem Auto erreichbar (ganz ist die Autoangst nicht überwunden) und nicht zu weit weg ist.
  3. Da sehe ich, dass es in der Nähe von Hermagor ein Gailtaler Heimatmuseum ist. Es befindet sich im Schloss Möderndorf. Das Schloss ist sehr alt, schon im 14. Jahrhundert wird es erwähnt.
  4. Das Museum ist größer, als ich erwartet hatte. Im Eingangsbereich sind alte Kaffeedosen mit Klischeebildern von Männern aus den Regionen, aus denen der Kaffee kommt.
  5. Vom Anbeginn der Welt bis zur Gegenwart gibt es Ausstellungsstücke. Fossile Bäume, alte Werkzeuge, einige Zeitungsausschnitte, Waffen, Landkarten, sakrale Statuen, Trachten – Trachten sowieso.
  6. Einige Spezialthemen werden behandelt: Die Geschichte der Polizeiuniform, die Entwicklung von Schiausrüstungen. Ich weiß nicht genau, warum.
  7. Die alten Werkzeuge und Einrichtungsgegenstände interessieren mich schon. Meine Mutter erzählt uns, welche dieser Geräte sie selbst noch als Kind gesehen hat und wie man die verwendet.
  8. Ein altes Klassenzimmer ist eingerichtet. Eine laminierte Schulordnung von 1898 liegt auf einem Pult. Die Lehrpersonen, steht dort, mussten „nur noch“ Wochentags zwischen 6 Uhr morgens und 6 Uhr abends anwesend sein. Sie dürfen nicht Kleidung in „hellschimmernden“ Farben tragen. Im Winter sollte jede Lehrperson täglich 4 Pfund Kohle mitbringen. „Eine Lehrperson, die Tabak raucht, Alkohol in irgendeiner Form zu sich nimmt, Billardsäle oder politische Lokale aufsucht, gibt Anlass, seine Ehre, Gesinnung, Rechtschaffenheit und Redlichkeit anzuzweifeln.“ Überstunden sind unbezahlt, die Lehrpersonen müssen die Schule nach Dienstschluss selbst reinigen. Im Krankheitsfall gibt es keinen Lohn.
  9. DSC01085 DSC01095 DSC01096
  10. Eine Tafel mit Köpfen aus verschiedenen Kontinenten hängt im Klassenzimmer und eine, die die Hebelwirkung erklärt.
  11. Einige Ausstellungsstücke beschäftigen sich mit der Verfolgung von Protestanten in Hermagor im 18. Jahrhundert.
  12. Eine „Völkertafel“ aus dem 18. Jahrhundert gibt einen Überblick über damalige Klischees, es wird jedoch nicht erklärt, wofür diese Tafel verwendet wurde.
  13. In einem Raum hängt ein großer Wolfspelz. Der Wolf wurde in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts am Dobratsch erschossen. Ein Zeitungsausschnitt beschreibt, wie der „slawische“ Wolf aus Slowenien kam, um das schöne Kärnten zu infiltrieren und dort sein Unwesen zu treiben, sinngemäß zumindest.
  14. Ein Raum des Museums befasst sich mit Kultur aus einigen afrikanischen Ländern. Masken hängen herum, Schmuck und Alltagsgegenstände sind ausgestellt. Ich habe selten einen unmotivierteren Raum gesehen. Was wollen die MuseumsbetreiberInnen damit aussagen? Vor allem im Kontext mit den anderen Ausstellungstücken? Dass sie auch schon den afrikanischen Kontinent besucht haben? Dass es in afrikanischen Ländern Kultur gibt, genauso wie im Gailtal?
  15. Dieser Raum bringt mir aber erst so richtig zu Bewusstsein, was nicht gezeigt wird in dem Museum: Der Nationalsozialismus wird nicht gezeigt, als hätte es ihn nicht gegeben. Die Geschichte der Kärntner Slowenen wird nicht beschrieben, als hätte es sie nie gegeben.
  16. Ich habe immer schon etwas Sorge, wenn das Wort „Heimat“ irgendwo vorkommt. Heimat bedeutet so oft: Folklore, gute Stimmung, Wohlfühldarstellung der Geschichte. Heimat ist etwas, wo die althergebrachten Vorurteile (um es dezent auszudrücken) freudig ausgestellt werden, weil man natürlich weltoffen ist.
  17. Ich übertreibe?
  18. Beim Schreiben dieses Artikels sah ich auf der Website des Museums nach: Ein Workshop befasst sich mit „Hinterfragen von Afrikaklischees und reale Wahrnehmung von Kultur und Lebensweise in Westafrika“, dieser Workshop nennt sich: Schulprojekt „Schwarzer Kontinent“.
  19. Im Museumsshop fand ich allerdings ein Buch über die Geschichte des Gailtales und des Kanaltales. Und die Reisetagebücher des Santonino.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Pensées abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s