Wieso machst du das? Du kennst mich doch.

Zweites Gespräch mit Ilhana H. über den Krieg in Bosnien. Das erste Gespräch ist hier zu finden. 

Als ich in Bosnien lebte, war es wirklich schlimm. Jeden Tag lagen auf den Straßen Tote. Tote Tiere, tote Menschen. Und man konnte nicht helfen. Jeden Tag waren wir im Keller. Meine Schwester lebte in einem Wohnblock und da sind immer alle Leute von dem Block im Keller zusammengekommen. Sie haben Karten gespielt. Auch mit dem Essen gab es ein Problem. Wir hatten alle kein Geld, jede Bank war zu, wir hatten keine Arbeit. Wir gingen zur Caritas und zum Roten Kreuz und dann bekamen wir vielleicht ein bisschen Öl oder Zucker oder Mehl. Zuerst bekamen die Soldaten zu essen. Dann erst die Zivilbevölkerung. Manche haben gar nichts gehabt. Aber wir haben immer geteilt unten im Keller. Zum Beispiel haben wir bei uns eine Spezialität zum Kuchenbacken, da braucht man nur Zucker, Mehl und Wasser. Da haben wir immer einen großen Topf genommen.

Jeden Tag hört man von Toten, im Radio hört man von Toten. Die serbischen Soldaten sind draußen, und im Keller weiß man nicht wo. Wenn jemand klopft, weiß man nicht, ob das unsere Leute sind, oder ob serbische Soldaten kommen und auf uns schießen. Bei uns war es noch gut, aber andere Dörfer, wie Srebrenica, da konnten die Menschen nirgendwo hin. Über 8000 Männer wurden dort getötet.

In meinem Dorf sind sie zweimal mit dem Panzer gekommen. Von zwei Seiten sind sie gekommen und unsere Männer hatten nur kleine Waffen. Sie hatten keine Chance, die Panzer aufzuhalten. Die haben bombardiert und dann haben sie sich wieder zurückgezogen. Aber unsere Leute haben es irgendwie geschafft, dass einer von den Panzern kaputtgegangen ist. Damals gab es einen Schwerverletzten. In der Nacht hat niemand gewusst, von welcher Seite der war. Ein Soldat hat ihn mitgenommen, der hat gedacht, der Verletzte war Serbe. Aber er war einer von uns.

Dann, als unsere Leute ein bisschen Erfahrung gehabt haben mit Waffen und so, da haben sich die serbischen Soldaten langsam zurückgezogen. Aber sie haben alles aus den Häusern mitgenommen und am Ende die Häuser verbrannt. Jedes Haus im Dorf war kaputt. Wie ich in mein Haus gegangen bin, das war traurig. Meine Mutter hat mir gesagt, wo sie den Schmuck vergraben hat. Ich suchte und suchte und fand nichts. Immer in der Nacht. Immer hatte ich Angst, jemand steht hinter mir, aber ich musste auf den Boden schauen. Das war richtig schlimm.

Aber niemand kann richtig beschreiben, was ein Krieg ist. Ich wünsche mir nie, nie, dass unsere Kinder so etwas erleben. Sie verstehen das vielleicht gar nicht. Ich habe damals auch nicht verstanden, was Krieg ist. Ich habe nicht verstanden, dass meine beste Freundin jetzt gegen mich ist. Dass sie gegen mich kämpft. Wir waren immer zusammen, zusammen in der Schule, zu Hause. Niemand hat vom Krieg geredet. Aber das war die Politik.

Was hat bei uns der Krieg gebracht? Alles war kaputt. Viele Tote. Und wir mussten danach wieder zusammenleben. Wir haben hier auch kroatische und serbische Freunde und wir fragen nie: Was bist du?

Meine Kinder wissen das auch nicht. Die wissen schon, wer Muslim ist oder serbisch. Aber die sagen nicht zu anderen Kindern: He, du bist Serbe, mit dir will ich nicht spielen.

Aber damals haben die nie geschaut, ob du eine Freundin bist, die haben einfach geschossen.

Unsere Soldaten haben manchmal gefragt: Wieso machst du das? Du kennst mich doch.

Viele haben dann gesagt: Ja, ich weiß auch nicht.

Meine Schwester, die geblieben ist und die in der Ambulanz gearbeitet hat, sie hat uns erzählt, damals musste sie auch helfen, wenn die Verletzten kamen. Sie hatte keine Ahnung. Sie hat im Büro gearbeitet, sie war für die Löhne und so zuständig. Aber sie musste helfen. Da gab es keine Narkose. Da wurde ein Fuß ganz ohne Narkose abgeschnitten und sie musste helfen. Desinfiziert wurde mit Schnaps. Sie hat gesagt, das war brutal, aber sie musste einfach helfen. Die brachten manchmal 20 Verletzte auf einmal.

Jeden Tag hörte man auch, da kommt eine Granate, und man wusste nicht, ist da noch jemand im Haus, ist da jemand verletzt. Dann kam die Sirene, dass es vorbei ist, vielleicht, weil die ja auch nicht so genau wissen, wann es vorbei ist. Dann kamen die Leute aus den Kellern heraus. Dann kam wieder die Sirene. Aber nachts war es man schlimmsten. Tagsüber sieht man etwas. Jeder macht etwas, für den Winter Holz holen oder so. Da ist man beschäftigt. Aber nachts, da hat man richtig Angst, da weiß man nicht, was passiert. Kommen sie oder kommen sie nicht. Wir hatten keine Ahnung und konnten nicht schlafen. Nur im Keller sitzen und warten, was passiert.

Gott, hilf mir, dass ich nur bis morgen wach bleibe, habe ich mir gedacht, dass ich höre, wenn jemand kommt.

Viele im Keller waren Kinder. Man kann Kinder nicht immer im Keller lassen. Aber wenn sie schnell wegrennen, um auf der Straße zu spielen, dann kommt die Granate.

Wir haben viele Freunde verloren. Einige Kollegen, die mit mir zusammen in die Schule gegangen sind, die sind jetzt tot. Viele Nachbarn auch.

Ich wünsche mir, dass meine Kinder so etwas nie erleben.

Es ist schwer zu erklären. Die Kinder konnten nicht in die Schule gehen, konnten gar nichts machen. Einfach nur im Keller sitzen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Wieso machst du das? Du kennst mich doch.

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