Pensées: Ein Ausflug nach Innsbruck

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  1. Auf der Rückreise aus Kärnten fahren wir diesmal nach Innsbruck. Innsbruck mochte ich noch nie. Von Salzburg aus kam es mir provinziell vor, später von Wien aus sowieso und von Vorarlberg aus wollte ich lieber nach Zürich, das gleich weit entfernt ist. Außerdem bekam ich in Innsbruck immer Kopfschmerzen vom Föhn.
  2. Ich nehme also eine Kopfschmerztablette und erwarte mir nicht viel.
  3. Wir gehen ins Ferdinandeum. Davon habe ich, ich muss es zu meiner Schande gestehen, überhaupt noch nie etwas gehört.
  4. Die verschiedensten Bilder und Kunstwerke sind hier ausgestellt, aus allen Epochen und allen Stilrichtungen.
  5. Es gibt einen „Stammbaum der neu-deutschen Kunst“ von 1823, dessen zentrales Bild der Herrgott ist. Ein Sterbebild aus dem 14. Jahrhundert, bei dem der Sterbenden ein kleiner nackter Heiliger aus dem Mund fährt. Ein Bild, auf dem Dante von einem geringelten Tiger bedroht und von Virgil gerettet wird (1809). Der heilige Hieronymus von Lucas Cranach d. älteren mit einem Monster, das Hundeschlappohren hat, und Vögeln mit Gesichtern. Eine Heilige Ursula aus dem 15. Jahrhundert, die recht zufrieden schaut, während ihr ein Pfeil in der Brust steckt. Ein Reichsadlerhumpen aus 1574.
  6. Ein Kurzifix aus dem 18. Jahrhundert, das die Zeit, den Tod, die Welt und das Alte Testament symbolisiert. Unter dem Kreuz sind ein Bischof mit einem Messer, ein Skelett, das eine Sense verloren hat, ein Engel mit einer Sanduhr und einer Art von Golfschläger und eine Frau, die gestürzt ist und dabei einen Drachen zerquetscht. Neben ihr liegt ein Baby mit verbundenen Augen.  Aus dieser Symbolik werde ich nicht ganz schlau, würde aber gerne eine Geschichte darüber schreiben, allegorisch im Stile der Lüfterlmaler. Oder als Manga.
  7. Kunstwerke aus der Gegend sind auch ausgestellt, wie die Brautbetteinsegnung, bei der beide Brautleute aussehen, als würde ein schlimmes Urteil über sie gesprochen. Oder Bilder von Schützen. Oder die Gefangennahme Andreas Hofers.
  8. Im obersten Stock wird moderne Kunst gezeigt. Ein Kunstwerk aus 14 Tafeln von Anton Christian zeigt die Gesichter des Alterns. Auch hier erfasse ich die Symbolik nicht ganz, würde aber gerne länger bleiben, um darüber nachzudenken. Aus einer der Bronzetafeln ragen Hände, die einen erigierten Penis umfassen. Die Kinder kichern und laufen schnell weiter.
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  10. In einer Ecke des Raumes hängen viele Lampen ohne Glühbirnen. Ich beachte sie zunächst nicht. Lampen halt. Dann lese ich doch das Schild. Meine toten Ahnen heißt die Installation von Martin Gostner. Es sind 98 Lampen, für jedes Jahr des Jahrhunderts bis zur Entstehung des Kunstwerks eine. Leere Hüllen ohne Strom und ohne Birne.
  11. Ich überlege mir, wie ein solches Kunstwerk mit Lampen meiner Ahnen aussehen würde. Welche Geschichten diese Lampen erzählen würden. Ob ich mich überhaupt an Lampen von Menschen, die ich kannte, erinnere.
  12. Weil die Eintrittskarte auch für einige andere Innsbrucker Museen (und das sogar bis Jahresende) gültig ist, beschließen wir, auch noch in die Hofkirche zu gehen. Oder Schwarzmanderkirche, wegen der Statuen.
  13. Im Innenhof des Gebäudekomplexes fällt mir ein Fresko auf, auf dem Jesus in einer Weinpresse steckt und ein Engel damit das Blut aus ihm herauspresst. Eine Symbolik, die ich so noch nie bemerkt habe, das Bild ist von 1936. Zu Hause sehe ich nach und merke, dieses Motiv ist nicht sehr selten, aber meist eher viel älter.
  14. In der Kirche stehen die 28 Statuen aus dem 16. Jahrhundert – 20 Männer und 8 Frauen. Eine Quote, die auch heute noch als ausreichend gilt.
  15. Mir gefallen die unterschiedlichen Gewänder, die Schuhe, der Schmuck. Wie die Muster auf den Gewändern ausgeführt sind. Die Gürtelschnallen, die Frisuren, die Barttracht.
  16. Rudolf I trägt eine Kapsel im Schritt. Die glänzt golden, weil wohl viele Besucher sie angegriffen haben.
  17. In der Mitte des Raumes steht das Kenotaph Kaiser Maximilians I. Begraben ist er dort allerdings nicht. Es ist auf allen Seiten mit Bildern bedeckt, die das Leben Maximilians beschreiben: Schlachten, Hochzeiten, Verträge, Triumphzüge, die Krönung sind dokumentiert in ganz fein gearbeiteten Marmorreliefs.
  18. Die Fülle der Details ist so überwältigend, dass ich mir im Shop eine Beschreibung des Kenotaphs kaufe. Ich kaufe mir auch einige Bücher, in denen alte Zeitungsartikel aus Innsbruck gesammelt wurden.
  19. Ich fand den Ausflug sehr vergnüglich und werde wohl meine überheblichen Ansichten zu „Provinz“ überdenken.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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