„Das waren so Tagesjobs. Flüchtlinge dürfen ja nicht arbeiten. „

Drittes Gespräch mit Ihana H. Zum ersten und zweiten Gespräch.

Der Mann meiner Schwester hat vor dem Krieg in Vorarlberg gelebt. Als der Krieg begann, wurde er Soldat in Kroatien. Zu Weihnachten 92 wollten wir ihn besuchen – meine Schwester, ihr kleines Kind, ihre Schwiegermutter und ich. Wir hatten eine Erlaubnis, dass wir nur für einen Monat zu Besuch kamen, dann mussten wir nach Bosnien zurück.

Als wir dort waren, hat man die Straße gesperrt und ich konnte nicht mehr nach Bosnien zurück. Dann haben Kroaten und Muslime angefangen zu kämpfen. 1993 war ich also in Kroatien und konnte nicht zurück. Neun Monate waren wir, meine Schwester und ich, in Kroatien als Flüchtlinge.

Der Mann meiner Schwester ging nach Vorarlberg zurück. Sein Vater war schon 20 oder 30 Jahre in Österreich. Der Schwiegervater und der Mann meiner Schwester sagten, sie würden uns nach Österreich holen. Mit dem Auto konnten wir nicht einfach fahren. Österreich hat auch langsam die Grenzen zugemacht, weil so viele Leute gekommen sind. Wir sind mit dem Flugzeug von Split nach Wien geflogen. Der Mann meiner Schwester hat die Tickets bezahlt. Wir haben gesagt, wir gehen in Österreich unsere Familie besuchen. Wir mussten Hin- und Retourtickets kaufen, wir wollten aber nicht mehr zurück. Das war im September 1993.

Wir waren schon angemeldet als Flüchtlinge. In Kroatien, wenn uns wer gefragt hat, haben wir gesagt: Wir besuchen die Familie und in einem Monat sind wir wieder da. Wir durften nicht sagen, dass wir nicht wiederkommen.

Als wir in Wien aus dem Flugzeug stiegen, war da gleich die Polizei da. Aber zum Glück hat der Mann meiner Schwester auf uns gewartet und er hatte Garantiepapiere für uns. Dass wir in dem Hotel in Vorarlberg wohnen würden, wo er arbeitet.

Wir sind also nach Vorarlberg gefahren. Meine Schwester wohnte bei ihrem Mann im Hotel. Eine Bekannte hat für mich ein Zimmer gefunden. Ich durfte nicht arbeiten, ich habe von Caritas ein bisschen Geld bekommen, 2000 Schilling, glaube ich, jeden Monat, für Essen und so.

Dann hat meine Schwester für mich im Montafon einen Job gefunden, ich habe angefangen, schwarz zu arbeiten.

1995 war der Krieg vorbei und die Caritas hat gesagt, alle sollen zurückgehen. Meine Schwester hat das geglaubt und ist mit den Kindern zurückgegangen. Sie hatte hier in Österreich einen Sohn bekommen. Ich bin aber geblieben.

Meine Schwester ist in unser Heimatdorf zurückgegangen. Dort war alles kaputt. Sie hatte keinen Job. Die Leute hatten gar nichts. Meine Schwester hat angefangen zu putzen und etwas zu reparieren. Zuerst ein Zimmer, dass sie darin wohnen konnte, und dann später immer mehr. Aber da sind auch so viele Minen gewesen. Nach dem Krieg gab es viele Verletzte durch die Minen. Auch viele Kinder.

Um unser ganzes Dorf herum waren Minen. Heute leben die Leute dort ganz normal, aber sie müssen immer noch auf die Minen aufpassen. Jeden Tag kann etwas passieren.

Aber damals war jeder froh, dass der Krieg vorbei war. Egal, was ist, egal was man hatte, egal wo man wohnte. Meine Mutter  war auch froh. Das Haus war schon kaputt, es hatte Löcher, aber sie hat gesagt, egal, wir brauchen nichts. Das Leben als Flüchtling war auch nicht so leicht.  Die Leute waren froh, egal wie kaputt das war, es war ihr eigenes Haus.

Das Haus meiner Tante ist niedergebrannt und sie war trotzdem froh, wieder zu Hause zu sein. Jeder hat geschaut, wie er ein bisschen Geld verdienen konnte hier oder dort.

Ich konnte meine Ausbildung wegen des Krieges nicht fertig machen. Ich habe so etwas Ähnliches wie hier eine Chemie-HTL gemacht. Es war ein Gymnasium. Bei uns ist das Schulsystem anders. Da gibt es für alle Kinder vier Jahre Volksschule und vier Jahre Hauptschule und dann erst das Gymnasium. Oder wenn man eine Lehre macht, ist bei uns vier Tage Schule und ein Tag Praktikum. Bei uns macht man mehr Theorie.

Hätte ich die Schule beendet, wäre ich so etwas wie Chemielaborantin gewesen.

Bei uns im Dorf hat der Krieg 92 begonnen, aber in anderen Dörfern war die Straße schon lange gesperrt. Bei uns war es vorher ruhig, aber alles war gesperrt, wir konnten nirgends mehr hin. Bei uns im Dorf waren auch welche, die studierten in Sarajevo und konnten nicht mehr nach Hause. Menschen konnten nicht mehr zur Arbeit. Wir haben in unserem Dorf auch noch Glück gehabt, dass die Frauen und die Kinder weggebracht wurden. In anderen Dörfern war das viel schlimmer, da sind Frauen vergewaltigt worden.

Als ich dann in Vorarlberg war, hat die Caritas für jeden Flüchtling einen Job gefunden. Aber man bekam wenig Geld dafür. Das waren so Tagesjobs. Flüchtlinge dürfen ja nicht arbeiten. Das war halt so, wenn jemand sagte, ich brauche für ein paar Tage jemanden im Haushalt, dann ist man eben gegangen. Bekommen hat man ganz wenig, so 4-5€ wären das damals gewesen.

Dann hat meine Schwester für mich einen Job gefunden. Das war in einem Gasthaus, das nur von 11 Uhr bis 14 Uhr offen hatte, wo die Schifahrer zu Mittag kamen. Aber ich habe schon um 8 Uhr angefangen, um alles vorzubereiten, und bin dann bis 17 Uhr geblieben, um aufzuräumen. Da war es gut, da waren noch 5 Leute aus Bosnien. Drei Mädchen und zwei Männer. Die haben mir viel geholfen, ich konnte ja kein Wort Deutsch. Eine Saison habe ich dort gearbeitet. Dann bin ich in ein Hotel im gleichen Ort gekommen, dort habe ich neun Saisonen, Sommer und Winter, gearbeitet. Aber ich habe keine Arbeitsbewilligung bekommen. Die Chefin hat immer gesagt, sie hat den Antrag eingeschickt, aber ich bekomme keine Bewilligung. Ich habe immer schwarz gearbeitet und sie immer gebeten, dass sie den Antrag abgeschickt. Aber viele Chefs haben den Antrag gar nicht abgeschickt. Für die war es billiger, Arbeiter schwarz zu beschäftigen. Einmal habe ich meine Papiere in einem Müllkorb gefunden, die sind nie in die Stadt gekommen.

Aber ich war froh um den Job. Wenn ich gut verdient habe, konnte ich meiner Familie etwas schicken. Meine Mutter und meine drei Schwestern waren ja dort.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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