Hohle Floskel: „Ich übernehme die Verantwortung“

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Am Anfang der Chemotherapie ging es Katharina sehr schlecht. Sie lag den ganzen Tag apathisch herum. Wenn ich sie im Kinderwagen dem Hügel, auf dem wir wohnen, hinunter schob und auf der anderen Seite hinauf, lebte sie für 20 Minuten auf. Sie wollte genau diese Strecke entlangfahren und keine andere.

Auf dem Weg kam uns regelmäßig ein Hund entgegen. Er bellte und lief uns hinterher. Er war klein und sah eigentlich ganz nett aus. Ich fürchtete mich trotzdem. Ein Biss oder auch nur ein Kratzer hätte gefährlich werden können für Katharina. Ihr ging es schlecht und ich war nicht in der Verfassung, auch nur mit der kleinsten Zusatzgefahr umgehen zu können.

Also machte ich die Hundebesitzerin ausfindig, rief sie an und erklärte ihr unsere Situation und bat sie, den Hund nicht mehr unbeaufsichtigt herumlaufen zu lassen. Nachdem die Frau die klassischen Hundebesitzerantworten („Er hat noch nie etwas getan“ und „Er ist es gewohnt, frei herumzulaufen“) von Stapel gelassen hatte, sagte sie: „Machen wir es einfach so, der Hund läuft weiter frei herum, und ich übernehme die Verantwortung.“

Ich konnte nur noch in den Hörer brüllen. Wofür wollte die Dame die Verantwortung übernehmen? Für ihren Hund? Die Schaden wäre geschehen und nicht mehr zu ändern. Katharina hätte die Verantwortung über den Hund nichts genützt.

Die einzig sinnvolle Verantwortung war die für mein Kind. Wollte sie die übernehmen? Hätte sie sich vorgestellt, dass ich ihr nach einem Hundebiss mein schwerkrankes Kind in die Hand drücken und sie dazu auffordern würde, der zugesagten Verantwortung nachzukommen?

Wann und warum sagen Menschen überhaupt, dass sie die Verantwortung übernehmen wollen? Meistens in Situationen, von denen sie wissen, dass sich für sie keine Konsequenzen ergeben. Manager von Firmen, die Geld verspekuliert, oder anderweitig Schaden angerichtet haben, übernehmen dann gerne Verantwortung, wenn sie wissen, dass sie nicht strafrechtlich verfolgt werden und auch persönlich nicht haftbar gemacht werden können. Sonst halten sie sich vornehm zurück. Bei PolitikerInnen ist es ähnlich. Sie sagen, sie übernehmen Verantwortung, und bleiben bei Wahlniederlagen im Amt.

Verantwortung wird zum Synonym für Machterhalt. Jemand hat die Verantwortung übernommen und deshalb muss sich niemand mehr Sorgen machen. Nicht einmal der/die Verantwortliche selbst.

Beim Umgang mit Verantwortung vergisst man sehr leicht, wie schwierig es ist, sie wirklich tragen zu müssen. Ich habe es gemerkt, als ich mich um meine kranke Tochter kümmerte. Dort habe ich auch gemerkt, dass Menschen mit tatsächlicher Verantwortung diese nicht in den Vordergrund stellen.

Menschen, die ständig über Verantwortung reden, benutzen das Wort immer nur als hohle Floskel, um sich wichtig zu machen. So wie die Frau mit dem Hündchen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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