Das Kind schläft in der Schule

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Katharina schläft in der Schule. Seit Wochen ist das eine große Aufregung. Seit Wochen will der Klassenlehrer das Programm nicht verraten. Wochenlang wird überlegt, was mitgenommen werden soll. Welches Stofftier das geeignetste ist. Welche Unterlage, welche Decke, welcher Polster mitgenommen wird. Eine Taschenlampe wird beschafft (notwendig, falls ein Kind nachts aufs Klo muss).

Dann kommt er, der große Tag. Abends um sieben Uhr bringe ich sie zur Schule. Verabschiede mich von ihr. Und verspüre eine Leere. Die kommt immer, wenn eines der Kinder auswärts schläft. So eine Glucke bin ich.

Ich mache mir aber keine Sorgen. Es kann ja nichts sein. Ich sitze also entspannt vor dem Fernseher, nur ein bisschen enttäuscht, dass das Abendritual diesmal ausgefallen ist (ja, ich brauche das auch, nicht nur die Kinder), als kurz nach neun Uhr die Sirene im Dorf losgeht.

Wir wohnen auf einem Hügel und ich kann bis zur Kirche, die neben der Schule liegt, sehen. Die Schule selbst sehe ich durch die Bäume nicht. Ich sehe aber dicke Rauchwolken, die ganz in der Nähe der Kirche aufsteigen.

Sofort kommt die Panik. Die Panik, die schon kommt, wenn Katharina ein bisschen Fieber hat. Die Panik, die ich seit ihrer Leukämieerkrankung nicht mehr ablegen konnte.

Was ist, wenn die Schule brennt?

Ich mache mich gerade fertig, um hinunter ins Dorf zu fahren und zu schauen, ob mit der Schule wenigstens alles in Ordnung ist. Da kommt Anna zu mir, sie hat die Sirene gehört. Ich frage sie, ob sie mit mir kommt. Zuerst ziert sie sich, aber dann lässt sie sich überreden. In der kurzen Pyjamahose. Weil wir ja nur schnell mit dem Auto hinunterfahren und gleich wiederkommen.

Unten angelangt, sehe ich, wie ein eher baufälliges Haus brennt, das eine Straße von der Schule entfernt steht. Ich bin so erleichtert, dass es meinem Kind gut geht, ich denke nicht eine Minute daran, dass hier vielleicht Menschen in höchster Not sind.

Ich fahre noch zum Parkplatz vom Wirtshaus, um meinen Mann und die Mutter einer Freundin anzurufen. Feuerwehrautos sausen an uns vorbei.

Die Mutter der Freundin sagt, ihr Mann habe auch nachgeschaut und das Kind habe ihn gesehen. Deshalb haben sie von der Schule aus angerufen und gesagt, dass alles in Ordnung sei. Das beruhigt mich noch mehr. Ich beschließe, gar nicht zur Schule zu gehen, denn wenn ich dort auftauche, will Katharina sicher nach Hause und vielleicht noch ihre Freundinnen auch.

Also fahre ich in Richtung Hügel. Dort ist aber die Straße gesperrt. Mir fällt noch eine Möglichkeit ein, nach Hause zu kommen, aber auch hier ist die Straße gesperrt. Ich stelle das Auto beim Pfarrhaus ab.

„Ausgerechnet, wenn ich die ganz kurze Hose anhabe“, sagt Anna.

Die Religionslehrerin kommt aus dem Pfarrhaus. Mir fällt der Dorfkrimi ein, den ich mit den Kindern erfunden habe. Anna und ich schauen uns an und wir müssen lachen.

Von allen Seiten, sogar aus den Nachbardörfern strömen Menschen herbei, um der Feuerwehr zuzuschauen. Es herrscht gute Stimmung. Anna und ich sprechen ganz entspannt und lustig miteinander. Das ergibt sich nicht sehr oft. Ich finde es schön. Anna und mir gefällt das Abenteuer, in der Nacht zwischen den Feuerwehrautos durchzulaufen. Ich spüre auch noch die Erleichterung darüber, dass es Katharina gut geht. Im Vorbeigehen plaudern wir mit einigen Leuten. Niemand scheint sich groß Sorgen zu machen um die Leute, die in dem Haus wohnen.

Am nächsten Morgen lese ich, zwei junge Männer haben ein älteres Ehepaar aus dem brennenden Haus gerettet. Eine Person musste mit Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden. In einem Videointerview des Lokalinternetportals sagt einer der jungen Männer auf die Frage, ob er Angst um sein Leben hatte: „Nein, das sollte man eigentlich immer machen.“

Meine Empathie am Vorabend machte bei meiner eigenen Befindlichkeit halt.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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