„Wenn meine Kinder miteinander reden, sprechen sie Deutsch“

Viertes Gespräch mit Ihana H. Zum erstenzweiten und dritten Gespräch.

Nach den 9 Saisonen (vier Jahren) bin ich schwanger geworden und als mein Sohn zur Welt kann, habe ich nicht mehr gearbeitet. Wir sind nach Feldkirch gezogen. Ich habe Hakija geheiratet und nachdem wir eine Zeit zusammengelebt hatten, bekam ich die Aufenthaltsgenehmigung. Zuerst waren da einige Schwierigkeiten, aber dann habe ich sie bekommen, aber wieder nur, dass ich in Österreich wohnen darf, nicht dass ich arbeiten darf.

Mein Sohn ist 1998 auf die Welt gekommen, da habe ich sowieso nicht gearbeitet. Als mein Sohn ein bisschen größer war, 2000, habe ich meine erste Arbeitsbewilligung bei McDonalds bekommen. Ich habe eine Job gesucht, aber keine Firma wollte den ersten Antrag einschicken. Überall habe ich gesucht. Meine Freundin hat bei McDonalds gearbeitet und die hat gesagt, bei McDonalds bekommst du ohne Problem eine Arbeitsbewilligung. Ich konnte auch nicht jeden Vormittag und Nachmittag arbeiten, wegen dem Kind. Sie hat gesagt, das ist kein Problem, ich kann auch am Abend arbeiten. Wenn mein Mann Frühschicht hatte, da haben ich jeden Tag von 18 Uhr bis 1 Uhr gearbeitet. Wenn mein Mann Spätschicht hatte, da hatte ich die ganze Woche frei.

So habe ich einige Jahre gearbeitet, dann bin ich mit meiner Tochter schwanger geworden. Mit meinem Sohn habe ich kein Karenzgeld bekommen, mit meiner Tochter schon. Da war ich eineinhalb Jahre in Karenz. Jetzt bin ich schon seit einigen Jahren bei einem Kindergarten angestellt.

Die Kinder und ich sind österreichische Staatsbürger, mein Mann nicht. Er hat ja das Haus in Bosnien und man kann in Österreich keine Doppelstaatsbürgerschaft haben. Wenn wir alle Österreicher wären, könnten wir das Haus nicht behalten.

Wir wollen auch etwas für uns haben. Hier auch, damals als der Krieg vorbei war, haben sich alle gefreut und alle wollten nach Hause. Aber dann sind doch wenige Leute gegangen. Wir sind geblieben. Als der Krieg war, hatten wir Heimweh. Und dann ist alles doch anders geworden.

Wir fühlen uns jetzt hier wie zu Hause. Meine Kinder freuen sich schon, wenn wir im Urlaub nach Bosnien fahren. „Juhu, wir fahren nach Hause“, sagen sie.

Aber wenn der Urlaub vorbei ist, sagen sie: „Juhu, wir fahren nach Hause“

Die Kinder wissen nicht genau, wo sie hingehören.

Ich habe Bekannte, die immer ohne Kinder in den Urlaub gehen. Die Kinder leben hier, haben ihre Freunde hier und sagen: Was sollen wir dort?

Sie sprechen Deutsch und wollen nicht nach Bosnien.

Wir sprechen mit den Kindern Bosnisch. Die Volksschullehrerin von meinem Sohn hat auch immer gesagt, es ist wichtig, dass die Kinder ihre Muttersprache können. Wenn sie das nicht können, lernen sie viel schwerer Deutsch. Ich spreche auch nicht richtig Deutsch. Mit den Kindern habe ich auch nicht Deutsch geredet, sonst hätte ich ihnen noch alles falsch beigebracht. Es gibt schon Worte, die wir auch auf Deutsch reden.

Ich möchte, dass meine Kinder Bosnisch können, dass sie alles verstehen, wenn wir in Bosnien sind, dass wir dort nicht immer Deutsch reden.

Wir sprechen zu Hause Bosnisch. Mein Sohn hat mehr österreichische Freunde als bosnische. Wenn meine Kinder miteinander reden, sprechen sie Deutsch. Für die Kinder ist das leichter. Die Kinder von unseren Freunden sind auch so. Wenn wir Besuch von bosnischen Freunden bekommen, sprechen deren Kinder mit unseren Kindern nur Deutsch, Vorarlberger Dialekt. Die reden nicht Bosnisch miteinander. Die sind hier aufgewachsen. Unsere Sprache ist auch wichtig, aber Deutsch ist auch wichtig.

Ich möchte, dass meine Kinder gut integriert sind und dass sie gute Schulen besuchen und später vielleicht studieren. Mein Sohn möchte Wirtschaft oder so etwas studieren. Aber er hat ja noch zwei Jahre Zeit, bevor er sich entscheiden muss. Ich habe ihm gesagt: Mach zuerst die Matura, dann kannst du dich entscheiden. Dann ist auch noch das Bundesheer. Das ist auch gut für die Disziplin.

Es gibt schöne und schlechte Erinnerungen. Mit einem jugoslawischen Pass konnten wir vor dem Krieg die ganze Welt sehen. Wir brauchten kein Visum.

Jetzt mit dem Terrorismus schauen viele, wenn sie erfahren, dass wir Muslims sind. Aber wir waren immer schon ganz anders als Muslime in Saudi Arabien. Früher in Bosnien sind wir einfach so, ganz normal angezogen, herumgelaufen. Ich bin schon in die Moschee gegangen und den Ramadan haben wir eingehalten. Aber gelebt haben wir ganz normal. Ohne Kopftuch. Wir konnten alles machen, was wir wollten.

Meine Kinder sind auch gläubig. Ich schicke meine Kinder jeden Sonntag in die Moschee. Mein Sohn macht jetzt den ganzen Koran fertig. Bei uns wird ein Kind belohnt, wenn es liest. Er liest ganz gut. Aber wir beten nicht jeden Tag.

Es ist nicht so einfach, wenn jemand jetzt sagt, alle Moslems sind Terroristen. Das ist nur die Politik. Auch in Bosnien gibt es immer noch Leute, die wollen einfach weg. Wir haben jetzt überall Bekannte, in Amerika, in Australien. Auf der ganzen Welt.

Unser Haus ist jetzt leer. Im Sommer ist das ganze Dorf voll. Wenn der Urlaub vorbei ist, sperrt jeder das Haus zu. Das Dorf ist fast leer. 70% sind weg.

Als wir nach dem Krieg das erste Mal nach Bosnien gefahren sind, war das schrecklich. Alles war verbrannt, alles roch nach Blut. Da habe ich gedacht, ich will nicht hier leben. Jetzt ist es schon gut, wenn wir auf Urlaub nach Bosnien fahren können, aber nach drei oder vier Wochen ist es auch schon genug. Hier haben wir Arbeit und die Kinder gehen zur Schule.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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