Pensées: Ein Ausflug nach Lindau

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  1. Im Stadtmuseum von Lindau gibt es eine Emil Nolde Ausstellung. Wir fahren hin. In der ganzen Stadt wird die Ausstellung beworben.
  2. Das Haus, in dem sich das Museum befindet, ist mit barbusigen Frauen bemalt, die zwar Flügel, aber keine Arme haben. Der Eintritt für die Nolde-Ausstellung kostet 7.50€. Es ist ein Feiertag und viele Menschen schauen sich die Bilder an.
  3. In drei abgedunkelten Räumen hängen sie. Ein Raum für Landschaften, einer für Blumen und einer für Portraits. Mit gefallen die Bilder – die Farben, die Leuchtkraft, der Ausdruck. Fotografieren darf ich nicht.
  4. Über Nolde erfahre ich, dass er mit 81 noch geheiratet hat. Eine 26-jährige Frau. Auf einer Tafel steht, Nolde habe sich von den Nationalsozialisten viel erwartet, da ihn deren Ideologie sehr ansprach. Er wurde von ihnen aber als entarteter Künstler eingestuft und er hatte keine Chance auf eine Karriere. So wurde er, steht auf der Tafel, in der Geschichtsschreibung nicht als der Nazi eingestuft, der er eigentlich war.
  5. Mir gibt diese Geschichte zu denken. Auch Nazi zu sein hat viele Abstufungen. Nolde wollte (oder konnte) seine Kunst nicht seiner Ideologie unterordnen, dennoch war es seine Ideologie. Nazis waren nicht nur jene, die mit und für den Nationalsozialismus arbeiteten, sondern auch die, die das gerne gemacht hätten, oder die, die die Ideologie gut fanden.
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  7. Die Ausstellung ist klein und überlaufen. Die Bilder und die Räume laden nicht wirklich zum Verweilen ein.
  8. Stiegen führen in den ersten Stock zur Dauerausstellung. Auf der Eintrittskarte steht nur „Sonderausstellung“. Wir gehen aber auch in den ersten Stock. Wenn wir keine Berechtigung haben, dort zu sein, wird uns das schon jemand sagen, denke ich.
  9. Bürgerräume sind dort, mit Kästen, die feinste Holzeinlegearbeiten haben. Manche von ihnen stellen Lindau dar. An der Wand hängt ein Waschbecken mit einem Behälter, in dem man etwa 2l Wasser füllen kann. Abfluss hat das Becken nicht, nach dem Waschen musste wohl ein Diener das Wasser wegtragen.
  10. Stick- und Webbilder aus dem Biedermeier sind ausgestellt. In verschiedenen Räumen werden unterschiedliche Themen behandelt: Nobelpreisträgertagung, Uhren, Kinderspielsachen, Musikautomaten (nur mit Führung besichtigbar), Zünfte, etc.
  11. Im Uhrenzimmer sieht man eine astronomische Sonnenuhr aus dem 18. Jahrhundert. Sie hat 25 Flächen und auf jeder Fläche eine Zeitangabe, sie sieht aus wie ein Alien mit Riesenkopf und kleinen Beinchen aus einem Comic. Wie die Uhr funktioniert, wird leider nicht erklärt.
  12. Auf einer Schiffsuhr aus dem 18. Jahrhundert schwingen sich Piraten mit Seilen an Deck herum und eine Sphinx passt auf. Eine Eisenuhr aus 1650 mit Weckfunktion, die der Vergänglichkeit mit Bildern vom Tod und von einer Dame mit Pelz (Konsum und Eitelkeit) gewidmet ist.
  13. Im Gang hängt eine Stadtansicht von Lindau aus 1579. Die Insel sieht genauso urban wie heute aus. Viele Häuser haben zwei oder drei Stockwerke. Am gegenüberliegenden Ufer sind nur wenige Häuser eingezeichnet. Bregenz ist kaum mehr als die Kirche.
  14. Auf der Brücke war ein Stadtturm. Auf einer kleinen Insel vor der Stadt stand ein hölzernes Gestell, das aussieht, als könnte es ein Galgen sein. Soldaten, Händler, Frauen und Kinder sind in den Straßen zu sehen. Sie alle sind unverhältnismäßig groß. Nur ein Reiter ist in der Stadt zu sehen.
  15. In einem Raum sind Totentafeln aus dem 17. Und 18. Jahrhundert ausgestellt. Anstatt von Grabsteinen stellte man Holzaltäre auf die Gräber, auf deren Innenseite die Verstorbenen der Familie porträtiert waren. Nicht viele dieser Totentafeln sind erhalten. Weil die außen sehr verwittert, innen aber besser erhalten waren, nimmt man an, dass sie nur zu besonderen Anlässen geöffnet wurden.
  16. Auf den meisten ist als zentrales Bild die Kreuzigungsszene dargestellt, auf manchen aber auch eine Szene aus dem Alten Testament. Fast alle Totentafeln zeigen die Schrecknisse der Hölle, mit Schlangen und Teufeln, nackten Leidenden und angefressenen Gliedmaßen. Sinnsprüche verzieren diese Szenen, oft auch in Reimform.
  17. Bei allen Totentafeln liegen Wickelkinder neben den knienden erwachsenen Verstorbenen. Auf einer dieser Tafeln sind es so viele, dass sie fast gestapelt sind. 21 Kleinkinder sind dort zu sehen und 12 Erwachsene.
  18. Im Stockwerk darüber sind in einem Raum viele Jesusdarstellungen ausgestellt. Ein Gemälde vom Aufbau der Stiftskirche 1748 hängt an der Wand. Im nächsten Raum hängen Spottbilder auf Luther und den Papst.
  19. Der Papst liegt auf einem Schleifstein. Luther befiehlt, den Papst abzuschleifen. Auf der Inschrift steht, man habe hier „einen ungeschliffenen groben Knollen“.
  20. Auf einem Bild ist eine bärtige Person ans Kreuz gebunden, sie trägt nur einen Schuh. Dargestellt ist die Legende der Hl. Kümmernis, einer portugiesischen Königstochter, die einen Heiden heiraten sollte. Sie wollte dem christlichen Glauben treu bleiben und bat Jesus um einen Bart. Zur Strafe wurde sie ans Kreuz gebunden, wo sie einem Spielmann ihren goldenen Schuh zuwarf, damit er für sie spielte.
  21. Ich denke an Conchita Wurst.
  22. Ein Raum widmet sich dem Damenstift in Lindau. Mich erstaunt, dass die Fürstäbtissinnen mit sehr viel Schmuck und teuren Kleidern dargestellt sind.
  23. Im Kinderspielzimmer ist ein Theater ausgestellt, in das man viele verschiedene Szenen, die auf Pappkarton gemalt sind, einschieben kann. Eine Puppenküche, ein Speicher, ein Hochrad für Kinder und eine Rotkreuz-Nähstube mit Puppen sind hier auch zu finden.
  24. Ein kleiner Raum zeigt Gegenstände aus eine Apotheke – Ludel- und Lutschgläser sind hier ausgestellt. Ein Raum zeigt das Zunftwesen mit den verschiedenen Siegeln vom Perückenmacher bis zum Rotgerber.
  25. Das Museum ist überraschend vielseitig und vergnüglich, obwohl ihm der rote Faden fehlt und ich nicht wirklich einen Überblick über die Stadtgeschichte Lindaus bekomme. Ich bin sehr froh, dass ich die Ausstellung gesehen habe, und denke, die Karte wird bestimmt auch gültig gewesen sein.
  26. Wir schlendern noch ein bisschen durch Lindau. Viele Häuser sind bemalt. Auf dem Zunfthaus ist ein Gemälde von 1939. Es kommt wohl eher selten vor, dass Gemälde aus dieser Zeit so prominent mit Jahreszahl ausgewiesen sind.
  27. Das Rathaus ist über und über bemalt und frisch renoviert. Auf den Balkonen sind die Zehn Gebote dargestellt. Zwischen den Stockwerken spielen und tanzen die Menschen.
  28. Der Hintern eines Dalmatiners ist auch sehr auffällig auf die Fassade gemalt. Auf der Rückseite des Rathauseses hält Veritas den Betrachterinnen einen Spiegel vor und ein Schiff fährt unter der Sonnenuhr vorbei. Auf dem Platz am See spielt eine Blasmusikkapelle Songs von Abba.
  29. Wir gehen noch ein bisschen am See entlang und fahren dann nach Hause.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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