„Zu einer Zeit waren sogar 200 Männer aus meinem Dorf hier“

Gespräch mit Hakija H. aus Bosnien:

Nach der Schule war ich beim Heer, ein Jahr lang. Und als das fertig war (1989), war ich arbeitslos. Mein Vater war schon lange in Vorarlberg. Ich bin ihn besuchen gegangen. Nach einer Woche traf ich einen Bekannten und der fragte, wie lange ich bleiben möchte. Ich sagte, ich weiß es noch nicht. Er fragte, ob ich Arbeit möchte, dann sollte ich um 17 Uhr auf dem Parkplatz warten. Die ganze Woche habe ich jeden Tag vier Stunden Arbeit gehabt. Und in der Woche drauf auch. Der Bekannte war froh, dass ich Interesse hatte und da bin ich halt geblieben.

Damals ist jede Woche ein Bus nach Bosnien gegangen. So viele Leute waren hier aus Bosnien und die sind jedes Wochenende nach Hause gefahren. Freitagnachmittag fuhr der Bus. Damals waren nur Männer hier, die Familie ist in Bosnien geblieben. Ich war aber zuerst sechs Monate gar nicht unten. Aber mein Vater ist jede Woche gefahren. Er hat gesagt, wenn er da bleibt, ist wieder das Geld weg und das Busticket war viel billiger, wenn man jede Woche nach Bosnien gefahren ist.

Ich war ungefähr ein Jahr ohne Aufenthaltsgenehmigung hier. Mein Vater wohnte in einem Haus von der Firma, bei der er gearbeitet hat, da war genug Platz für mich auch.

Wenn viel gebaut wurde, ein Schule zum Beispiel, sind viele aus Bosnien gekommen. Zu einer Zeit waren sogar 200 Männer aus meinem Dorf hier. Lauter junge Männer, so von 18 bis 25 Jahren. Nur für zwei Wochen. Da ging man einfach ins Büro der Baufirma und fragte, was gebraucht wurde. Ein Verputzer oder so.

Einer war zuständig für die Einteilung. Der hat schon kassiert. Am ersten Tag hat er gesagt, er braucht 500 Mark für seine Zeit und seinen Aufwand. Er hat aber auch für alle Arbeit gefunden. Alle haben eine Arbeitsbewilligung bekommen. Nur ich nicht. Ich wollte die 500 Mark nicht hergeben. Der hat genau geschaut, wenn zum Beispiel ein Verputzer gebraucht wurde. Hat jemand die 500 Mark gezahlt, aber kein Zeugnis als Verputzer, dann hat der leere Diplome gehabt, da konnte der dann einfach eines ausfüllen. Die haben aber keine Praxis gehabt. Die Baufirmen haben oft gesagt, besser als nichts, sollen die das halt bei uns lernen. Viele haben das so gemacht. Im Arbeitsamt war ein Mann, jeder kannte den, der hat auch einen Teil von den 500 Mark genommen. Unsere Leute die haben nur mit Mark gelebt, in Bosnien haben nur Mark gezählt.

Ich habe ein Jahr lang schwarz gearbeitet. Dann ist der Bekannte, der mir am Anfang geholfen hat, zu seinem Chef gegangen und hat gesagt, er hat da einen guten Arbeiter. Da hat die Baufirma den Antrag gestellt und ich habe die Arbeitsbewilligung bekommen. Wenn eine Firma gesagt hat, sie brauchen dich, war die Arbeitsbewilligung damals kein Problem.

Als ich schwarz da war, brauchte ich bei einer Kontrolle nur meinen Pass zeigen und sagen, ich bin im Urlaub hier. Der Grenzbeamte oder Polizist sagte dann: „Ah, Jugo, schöne Reise!“ Jetzt aber, wenn ich meinen bosnischen Pass herzeige, fragen sie gleich: „Wo haben Sie Ihre Adresse?“

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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