Pensées: Ein Ausflug nach Turin und ins Museo Risorgimento

DSC03753

  1. Weil das mit dem Juventus-Stadium nicht klappt, fahren wir nach Turin. Zuerst schlendern wir durch die Straßen. Ich schaue wieder in eine Kirche, die einen höchst seltsamen Mix bietet aus Fresken mit Soldaten aus dem 18. Jahrhundert, einem Altar für Don Bosco mit Bildchen von Johannes Paul II und einem Bild einer Salome, die den abgeschnittenen Kopf des Johannes in der Hand hält.
  2. Die Kinder verweigern den Kirchenbesuch (was ich ihnen nicht verdenken kann) und schauen sich die Auslagen der Nobelgeschäfte an.
  3. Am Weg zum Museo Risorgimento kommen wir am Museo Egizio vorbei. Hier ist eine Warteschlage, die noch länger ist als jene vor dem Juve-Museum.
  4. Das Museo Risorgimento scheint zum Glück nicht so gut besucht zu sein. Es befindet sich in einem Backsteinbau mit Backsteinsternen an der Fassade. Auf einem Papierschild steht, der Eintritt sei frei.
  5. Das stimmt aber nicht. Egal, teuer ist er nicht.
  6. Das Museo Risorgimento ist eines dieser Museumsmonster, in die man immer wieder gehen kann. Schön ist das für die Menschen, die in der Stadt leben. Ich, als Touristin, falle in solchen Museen leicht in Panik. Vor lauter Angst, das Wesentliche nicht erfassen zu können, schaue ich mir alles fahrig an und merke mir nichts.
  7. Aber diesmal beschließe ich, das Wesentliche gar nicht ergründen zu wollen, sondern einfach die Ausstellungsstücke anzusehen, die mir vordergründig interessant erscheinen.
  8. In jedem Raum wären laminierte Blätter, die einen Überblick über die im Raum ausgestellten Stücke und die dazugehörige Geschichte geben. Aber dafür ist die Zeit zu kurz, ich schaue lieber eher uninformiert.
  9.  DSC03716DSC03778 DSC03785
  10. Im ersten Raum hängen Bilder der Schlacht von Turin von 1706, sie werden als Ursprung des Risorgimento angesehen. Das finde ich einen seltsamen Ansatz. Die Bilder sind aber schön.
  11. Viele Bilder von Schlachten, sehr detailreich,  hängen herum. Auch viele Karikaturen, beginnend mit der französischen Revolution.
  12. Das Albertinische Statut, die Verfassung Piemonts von 1848 bis zur Einigung Italiens, ist ausgestellt. Alle Seiten sind reich verziert mit Bildern von Politikern, Blumen und Girlanden.
  13. Das piemontesische Parlament tagte in diesem Gebäude von 1848-1860 und danach das italienische Parlament bis 1865. Ein hübscher runder Raum mit roten Plüschsitzen und einer Glaskuppel.
  14. Ein Webstuhl, auf dem die Italienische Fahne hergestellt wurde, steht in einem Raum. Schlachtenbilder hängen an den Wänden.
  15. Ein Armband mit Miniaturen der Orden des Besitzers. Ein Tuch, das Soldaten trugen und auf dem Instruktionen zur ersten Hilfe aufgedruckt sind. Ein Taschentuch mit dem Blut Garibaldis. Einige Alltagsgegenstände. Werbeplakate vom Anfang des 20. Jahrhunderts, dort auch schon mit einer Frau, der durch eine beim Olivenpflücken verrutschten Bluse die Brust entblößt ist. Kuriositäten wie die Abbildung eines Motorfahrrades. Plakate, wie 1903 in Schulen das Alphabet veranschaulicht wurde.
  16. Ein großer Saal hat ein Deckengemälde, auf dem verschiedene Künste – Literatur, Medizin, Mathematik, Musik – allegorisch dargestellt sind. Dort hängen immens große Bilder, die das Risorgimento darstellen.
  17. Ein Poster zeigt die Geschichte Italiens in Form einer knolligen Pflanze, die aber anstatt einer Blüte oder Blätterkrone nur einen nackten Stock hat, den ein Vogel mit der italienischen Fahne bedeckt. Das sieht nicht sehr erhaben aus, wobei ich die Idee, die Geschichte vom römischen Reich über jene der Republiken und Königreiche bis zur italienischen Einheit, so darzustellen, sehr interessant finde.
  18. Im letzten Raum hängen Poster zu verschiedenen Fakten über Italien: So gibt es in 36 Städten große Denkmäler für Vittorio Emanuele II, oder 1895 wurden in ganz Italien, auch im Piemont und im Veneto Fälle von Malaria verzeichnet.
  19. Im Shop kaufe ich mir noch einige Bücher – darunter auch einen Pocketguide des Museums, damit das Wesentliche zumindest nachlesbar ist. Als ich zahlen möchte, sagt die Museumsangestellte, nur Bargeld sei möglich, weil die Bankomatmaschine kaputt ist.
  20. Ich zahle in bar, die Frau schreibt die Buchtitel auf einen Kassenbeleg. Und dann noch die Autoren. Ganz langsam. Dann fragt sie, ob ich eine Tasche möchte. Ich bejahe das, es gibt aber keine.
  21. Sie holt eine Tasche aus einem Nebenraum. Diese Plastiktüte hat keinen Henkel. Die Frau schneidet mit eine Schere, die sie umständlich sucht, Löcher in den Sack, die als Henkel dienen sollten.
  22. Als hätte in diesem Museum noch nie jemand etwas so Verwegenes gewagt, wie ein Buch zu kaufen.
  23. Bevor wir das Auto erreichen, reißt der Sack und die Bücher fallen auf die Straße.

DSC03748 DSC03787 DSC03795

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Pensées abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s