Pensées: Ein Ausflug zur Waldburg

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Es ist der erste Mai. Es regnet in Strömen. Wir sind eher lustlos. Da finden wir das Heftchen, in dem alle Museen rund um den Bodensee beschrieben sind. Am Frühstückstisch einigen wir uns auf das Hutmuseum. Aber als ich auf dessen Website nachschaue, merke ich, dass dieses Museum ausgerechnet am ersten Mai geschlossen hat. Also auf die Schnelle ein neues Museum finden.

Die Waldburg bietet sich an. Ich habe zwar noch nie von dieser Burg gehört, aber sie liegt nur 45 Minuten von uns entfernt. Ich staune überhaupt, wie viele Museen es in unserer Nähe gibt.

Die Kinder bleiben zu Hause. Die lieben es, sich selbst Mittagessen zubereiten zu dürfen und Ruhe von uns zu haben.

Die Waldburger waren im 12. Jahrhundert Ministerialen der Welfen und danach der Stauffer. In einer Chronik steht, sie hätten sich unter die Grafen und Herren gemischt, wie „der Mausedreck in den Pfeffer“.

Dass das ein gängiger Ausdruck war, spricht nicht für den Pfeffer.

Truchsess ist der Adelstitel der Waldburger, das Hofamt Truchsess war jenes der Speisenträgers oder Vorscheiders.

Im Eingangsbereich der Waldburg steht ein großer ausgestopfter zähnefletschender Bär, der hätte den Kindern gefallen.

An der Türe hängt ein Schild: „Beschmierungen der Wände sowie alle Unreinlichkeiten sind streng verboten.“

Eine Ansicht der Burg von 1625 beschreibt die Burg und den Ort. Insgesamt 57 Häuser. Sehr viel größer wirkt der Ort heute auch nicht.

Ein Amman, ein Pfarrer, Ein Metzger, ein Waldknecht, drei Weber, zwei Schreiner, ein Schneider, ein Oberschmied, ein Unterschmied, zwei Schumacher, Ein Schützenmeister, ein Zimmermann, ein „Kieffer“, der wahrscheinlich Fassbinder/Küfer war, zwei, deren Beruf wie „Garnpeisel“ oder Garnfeisel“ geschrieben wird.

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Frauen werden nicht erwähnt, die sieht man im Vordergrund die Wäsche waschen.

Ein Truchsess von Waldburg war dabei, als der letzte Hohenstaufer 1268 in Neapel enthauptet wurde. Ein Gemälde, das dieses Ereignis darstellt, hängt im ersten Stock der Waldburg. Andere aufwändige Gemälde dokumentieren die Familiengeschichte: Verleihung der Truchsesswürde durch Friedrich II 1214, ein Zweikampf eines Waldburgers auf Seiten der Tiroler gegen einen Vertreter Venedigs 1487, die Niederwerfung der Bauernaufstände 1525 durch Georg III Waldburg „Bauernjörg“.

Der selbe „Bauernjörg“ ließ sich ein Votivbild anfertigen, in dem er selbst vor dem Kreuze Jesu kniet.

In einem Raum sind ein Pranger, Folterwerkzeuge, eine Schandmaske mit langer Nase, gebrochene Stäbe, die 1721 zerbrochen wurden, um ein Todesurteil (wegen Diebstahls) zu verkünden. „durch das Schwert vom Leben in den Tode gerichtet“ steht in den Prozessakten.

Im Rittersaal ist eine Ahnengalerie, die aber relativ spät gestaltet wurde. Bei Eberhardus (1292) steht, er sei auch Graf von Montfort gewesen. Über ihm ist das Wappen Vorarlbergs gemalt.

Im Stock darüber ist ein Saal mit Jagdtrophäen. Es sind so viele, dass nicht alle an den Wänden Platz haben. Ein ganzer Haufen liegt am Boden. Er erinnert mich an die Dekoration des Kunstmuseums am Mönchsberg in Salzburg. Nur sieht er hier irgendwie ironischer aus (obwohl er das wahrscheinlich nicht ist.)

Bilder mit Jadeszenen, edlen (aber seltsam gemalten) Pferden und Schießscheiben hängen an den Wänden.

Im Nebenraum zeigen Vitrinen Postkarten, Andenken, Ausweiskarten aus dem 1. Weltkrieg, weil ein Vertreter der Familie als Krankenpfleger diente.

An den Wänden hängen zum Teil seltsame Bilder, eines mit einem nackten, lorbeerbekränzten Mann der mit beturbanten Männern und halbnackten Frauen zu feiern scheint. Leider sind diese Bilder nicht erklärt.

Herrschaftskarten sind ausgestellt. Die sehen so seltsam aus, dass ich auf den ersten Blick nichts erkenne.

1220 wurden die Kleinodien des römischen Reiches in der Waldburg aufbewahrt. Friedrich II reiste nach Rom um sich krönen zu lassen, und wollte die wertvollen Kleinodien nicht mitnehmen. Sie blieben dort bis 1240. Nach Wien kamen sie erst 1806, also nach dem Ende des römischen Reichs.

Nachbildungen der Krone, des Reichsapfel, des Schwerts und der Lanze sind ausgestellt. Die echte Lanze soll Kaiser Konstantin gehört und einen Nagel aus dem Kreuz Christi eingearbeitet haben. Der Legende nach.

Es gibt in der Waldburg ein Zimmer, in dem Kindersachen (Spielzeug, Kinderwägen, eine Schulpult) ausgestellt sind. Dort sind auch die modernen Ahnenportaits – von einer Scheußlichkeit, die ihresgleichen sucht: ein Mann hält vor giftgrünem Hintergrund einen Bergkristall in der Hand. Ich wundere mich, ob alte Portraits, die ich heute schön finde, damals auch so seltsam und deplatziert auf das gemeine Volk wirkten wie dieses Portrait auf mich.

Dort ist auch eine Playmobilszene des Bauernaufstandes ausgestellt. Liebevoll sind auf laminierten Tafeln die einzelnen Begebenheiten beschrieben.

Im nächsten Raum hängt ein Faksimile der Waldseemüllerkarte aus 1507, die namensgebend für Amerika war. Das Original wurde 1901 im nahegelegenen Schloss Wolfsegg gefunden und 2007 der Kongressbibliothek in Washington übergeben.

Amerika ist als Provinz des spanischen Königs gekennzeichnet. Die einzige Verzierung auf dem Kontinent ist ein Vogel, ein Adler vielleicht. Ein großer Teil des Kontinents ist mit „incognita“ gekennzeichnet. Afrika besteht hauptsächlich aus Äthiopien (erstreckt sich bis Südafrika) und Libyen (erstreckt sich bis Westafrika). Die Küstenorte sind sehr dicht beschrieben, im Landesinneren ist Platz für einen Elefanten und eine Gruppe nackter Männer.  In Asien liegen die Inseln des heutigen Indonesien ganz am Rand der Welt, China ganz im Norden und in der Mitte ist ein großer fast unkartographierter Fleck von Scythien. Die Karte wird überschaut von Claudius Ptolemäus und Amerigo Vespucci.

Eine Stiege führt zum Turm, dem Belvedere, hinauf. Hier sind die Wände vollgekritzelt mit Namen und Sprüchen. Die Aussicht auf dem Turm ist sicher schön, heute sieht man aber durch den Nebel kaum etwas. Auf dem Turm ist 1818 ein trigonometrischer Punkt zur Landvermessung eingerichtet.

Vom Turm herab kommen wir zur Vogelsammlung, viele ausgestopfte Vögel sind in Vitrinen ausgestellt.

Bei Hinausgehen möchte ich das dünne Büchlein über die Burg kaufen, die Kasse ist aber unbesetzt.

Die Waldburg ist ein lustiges und abwechslungsreiches Museum, ich bin froh, dass wir an dem trüben Tag dorthingefahren sind. Wahrscheinlich hätte es den Kindern gefallen. Aber selbst schuld.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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