Pensées: Ein Ausflug nach Appenzell

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  1. Wir beschließen, einen Ausflug nach Appenzell zu machen. Als wir das den Kindern sagen, schauen sie uns mitleidig an. Also fahren mein Mann und ich alleine. Die Kinder haben Brot und Würste und Eier daheim, die kommen alleine zurecht.
  2. Mit Appenzell assoziiere ich schöne Landschaften, Lieblichkeit, Rückständigkeit. Kühe.
  3. Das Stimmrecht für Frauen wurde hier erst 1990 eingeführt. Das ist das Jahr, in dem ich wahlberechtigt wurde.
  4. Abgestimmt wurde hier in einer Landsgemeinde. Männer mit Seitengewehr – einem besonderen Degen – waren stimmberechtigt. Sie versammelten sich auf dem Hauptplatz und stimmten ab, indem sie die Hand hochhielten. Ob jemand die Stimmen zählte, oder ob abgeschätzt wurde, weiß ich nicht.
  5. Eine Statue auf dem Landsgemeindeplatz stellt einen abstimmenden Appenzeller dar.
  6. Noch heute versammelt sich die Bevölkerung von Appenzell Innerrhoden einmal im Jahr nach einem Festgottesdienst auf dem Platz und wählt den Landamman und die Mitglieder der Standeskommission und des Kantonsgerichts. Frauen dürfen mitstimmen. Stimmberechtigt sind BesitzerInnen mit Stimmkarte. Und immer noch Männer mit Seitengewehr.
  7. Appenzell hat ca. 5700 EinwohnerInnen. In der Innenstadt scheint fast jedes zweite Haus ein Gasthaus, Café oder Hotel zu sein. Aus Neugier schaue ich bei einem Restaurant auf die Speisekarte: Die Hauptspeise kostet 48 SFr. Wir kaufen uns in einem Café ein Brötchen.
  8. Neben einem Park ist ein Fahrverbotsschild. Auf einer Zusatztafel steht „ Anstösser gestattet“. Ich weiß im ersten Moment gar nicht genau, was das ist. In der Schweiz finden sich viele Beispiele von in der Schriftsprache verwendeten Ausdrücken, die sich sehr von österreichischen oder deutschen unterscheiden. Und die mir seltsam vorkommen.
  9. Aber „Anrainer“ ist auch ein Begriff der mir seltsam erscheinen müsste, würde er nicht so häufig gebraucht.
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  11. Wir gehen in die Kirche – Sankt Mauritius. Das ist ein Heiliger, der angeblich aus Theben stammte, der sich weigerte, im dritten Jahrhundert in der Armee von Kaiser Maximian gegen Christen zu kämpfen.
  12. Am Turm ist der Hl Mauritius in römischer Uniform dargestellt. An anderen Orten, an denen er verehrt wird, ist er mit dunkler Hautfarbe dargestellt.
  13. Vor dem Altar der Kirche fließt ein moosbewachsenes Bächlein. Es sieht aber so aus, als wurde es temporär von den Erstkommunionskindern gebaut.
  14. Die Kirche hat sehr schöne Fenster, auf denen die Leidensgeschichte Christi dargestellt ist. Auf der Orgel sitzt eine Maria auf einer blauen Kugel. An der Decke sind Heilige dargestellt. Unter ihnen ein Panthleon.
  15. Hinter der Kirche befindet sich der Friedhof. Eine Reihe ist ausschließlich mit Gräbern von 2014 belegt. Kreuze mit schwarzem Trauerflor stehen dort. Die Gräber sind nur etwa ein Meter lang. Ich wundere mich, ob man hier die Särge stehend begräbt.
  16. Viele Häuser der Stadt sind bemalt. Die schönsten Malereien befinden sich auf Paneelen unter den Fenstern. Bei der Drogerie ist auf jedes Paneel eine Heilpflanze gemalt.
  17. Ein anderes Haus zeigt die Monate des Jahres und was dort gemacht wird: Jenner mit den drei Königen, Horner mit einem verkleideten Soldaten auf einem Steckenpferd, Meez mit einem Lagerfeuer, Abröll mir einem abstimmenden Paar (eine Frau ist dabei, also muss das Bild später als 1990 gemacht worden sein), Maie mit französischen Soldaten, Broched mit Tanz, Heumoned mit einer Taufe, Auguste mit Kuhglocken, Hebstmoned mit einer Hausmusik, Wymoned mit stickenden Frauen, Chrestmoned mit Lebkuchen, Christbaum und Fonduegeschirr.
  18. Es gibt aber auch sehr kitschige Bilder wie auf der Spielwaren/Gartenzwerghandlung.
  19. Auf dem Rathaus sind Bilder aus der Appenzeller Geschichte dargestellt, mit Männern in Strumpfhosen, deren Beine verschiedene Muster haben, mit Rittern, mit nagelgespickten Keulen, mit einer Schweizer Fahne, die nur rechts oben ein weißes Kreuz hat und ansonsten rot ist.
  20. In vielen Geschäften werden Gürtel und Schnallen mit Kuhmotiven verkauft. Bei einem davon kann man Ohrschuefle kaufen, das sind die traditionellen Männerohrringe im Appenzell. Der Verschluss ist eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Daran hängt ein vergoldeter Löffel, wie man ihn zum Rahmabschöpfen bei der Käseherstellung benutzt.
  21. Überall im Ort sieht man Trachten auf Plakaten, Häuserwänden, als Puppen in Auslagen. Teilweise um touristische Geschäfte und Einrichtungen zu bewerben. Teilweise aber auch ironisch. So wirbt der Optiker mit einem bebrillten Appenzeller der sagt: „Liebe Nacktwanderer, jetzt sehen wir euch schon von weitem kommen.“
  22. Wenn Appenzell nicht die modernen Museen hätte, wäre es vielleicht zu viel der Klischees. Aber so ist es schön dort.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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