Pensées: Ein Ausflug nach Bregenz

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  1. Ich habe eine Besorgung in Bregenz zu machen und beschließe, den Martinsturm anzusehen. Der hat nur von Mai bis Oktober geöffnet und ich war noch nie dort. Es soll dort eine ganz neue Ausstellung über die Bregenzer Stadtgeschichte geben.
  2. Der Martinsturm ist ein seltsames Wahrzeichen. Es gibt nur wenige Stellen in Bregenz, an denen man ihn tatsächlich sieht. Auf der Website des Martinsturmes steht, er sei 1362 bereits urkundlich erwähnt. Nach einem Großbrand musste er 1581 neu erbaut werden, diesmal als erster Barockbau am Bodensee. Die Wohnung im Turm wurde zur Brandbeschau genutzt.  Leider steht dort nicht, ob der Turm immer schon zur Feuerprävention genutzt wurde.
  3. Auf dem Weg zum Turm komme ich zu dem Tor zur Oberstadt. Auf der Innenseite des Tores hängt ein wütender Fisch, der sein mit spitzen Zähnen bestücktes Maul aufreißt. Auf der Oberstadtseite des Tores hängen ein Hirschgeweih mit rostigem Eisenhirschkopf. Die Hörner rahmen ein Kreuz ein, daneben sind zwei Wappen. Eine seltsame Symbolik.
  4. Um in den Turm zu gelangen,  muss ich eine steile Treppe erklimmen, auf der ein Schild „Achtung steile Treppe“ angebracht ist.
  5. Die Eintrittskarte kostet 3.50 €. Das lässt nicht gerade auf ein Museum im Ausmaß des Louvre schließen. Die Frau an der Kasse macht ein Strichlein in ein Heft, nachdem sie mir die Karte verkauft hat. Etwa 100 Striche sind pro Tag markiert. Die Frau erklärt mir, das Museum erstrecke sich über drei Stockwerke.
  6. Tafeln und einige Bilder und Ausstellungstücke befinden sich im untersten Stock. Ich erfahre, dass Bregenz zuerst von den Rätern, dann von den keltischen Brigantiern besiedelt wurde. Bregenz hieß Brigantion, von „brig“, erhaben.
  7. In der Römerzeit war Bregenz Verkehrsknotenpunkt auf den Straßen Mailand-Chur-Clunia, Niederrhein-Basel-Arbon und Augsburg-Memmingen-Isny.
  8. Der Bodensee hieß damals Lacus Brigantius.
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  10. Nach den Römern besiedelten die Alemannen (das Wort bedeutet „Männer insgesamt“) Bregenz. Vom Mittelalter weiß man so gut wie nichts von Bregenz.
  11. 1250, zur Zeit der Standgründung bestand Bregenz aus 60 Häusern. Der Markt in Bregenz war so dürftig, dass die Menschen nach Lindau fuhren, um einzukaufen.
  12. Das Stadtwappen stammt aus dem Jahr 1529 und war aus Fell: der dunkle Teil aus grauem Eichhörnchenfell, der helle Teil aus Hermelinfell mit drei Hermelinschwänzen. Warum das so war, wird nicht erklärt.
  13. Aufgrund einer Klimaänderung im 18. Jahrhundert musste Getreide importiert werden, In Bregenz etablierte sich der Kornmarkt der Region. Der Hauptplatz von Bregenz heißt bis heute noch Kornmarkt. Der Kornmarkt wurde durch die Eisenbahn obsolet, weil nach dem Bau der Arlbergbahn Weizen aus Ungarn billig importiert werden konnte.
  14. Eine Schießscheibe ist ausgestellt, deren Mittelpunkt Kaiser Josef II ist, ein Bregenzer Bürger huldigt ihm. Geschossen wurde wohl nicht darauf.
  15. Von 1805-1814 gehörte Vorarlberg zu Bayern, in dieser Zeit wurde die größte Barockkirche abgerissen und zum Bau des Hafens in Lindau verwendet.
  16. Über 200 Jahre lang (bis 1921) schickte man 6-15-jährige Buben zum Hütekindermarkt, wo sie an schwäbische Bauern vermietet wurden. Schwabenkinder nannte man diese Kinder.
  17. Ein Bild der Vorarlberger Landesaustellung wird gezeigt, dem Kaiserbesuch wird verhältnismäßig viel Raum eingeräumt, fast gleich viel wie dem ersten Weltkrieg oder der Zwischenkriegszeit. Ein Wehrmannssockel, in den man gegen eine Spende für Kriegswitwen einen Nagel einschlagen konnte, steht in der Mitte des Raumes. Es sind aber abgesehen von der Verzierung an der Vorderseite keine Nägel eingeschlagen.
  18. Nazionalsozialismus und Widerstand bekommen auch je eine Schautafel. Im Krieg starben 737 Soldaten aus Bregenz. Wie viele Menschen aus der Stadt von den Nazis ermordet wurden, wird nicht gesagt. 6000 Menschen wurden von der Gestapo im Bregenzer Gefängnis inhaftiert.
  19. Marokkanische Truppen der französischen Armee befreiten Bregenz am 1. Mai 1845, dessen Bürgermeister nicht „befreit“ werden wollte, er sagte, er werde „auf den Trümmern der Stadt für Deutschland kämpfen.“ Der Sultan von Marokko leitete später die Parade.
  20. Einige Tafeln beschreiben die Festspiele und die moderne Stadtentwicklung. Am Ende der Ausstellung sind zwei Schaufensterpuppen mit Badeanzügen aus 1930 aufgestellt.
  21. Die kleine Ausstellung gibt einen ganz netten Überblick über die Stadtgeschichte, aber nur, wenn man ganz genau liest. Weil es relativ wenige Ausstellungsstücke gibt und viele Tafeln (ich habe mir das Beibuch gekauft).
  22. Ich wundere mich, was in den anderen Stockwerken ausgestellt ist und gehe hinauf. Im ersten Stock ist die die Wohnung. Die steht aber völlig leer, es ist nicht einmal beschrieben, was hier früher in den Räumen war.
  23. Der oberste Stock ist ebenfalls leer. Man soll hier eine schöne Aussicht haben, aber das Wetter ist schlecht und seeseitig sind Bäume vor den Fenstern. Ich bin ein bisschen enttäuscht, dass man hier so schöne Ausstellungsräume ungenutzt lässt.
  24. Zum Museum gehört auch noch die Kapelle. Hier hat man Fresken aus dem 14. Jahrhundert freigelegt. Leider ist die Kapelle sehr schlecht ausgeleuchtet und ich kann die verblassten Fresken sehr schlecht erkennen. Sie wirken aber recht friedlich und ich wundere mich wieder, wann genau Kirchenikonografie sich von freundlich auf furchterregend umgestellt hat.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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