Proust

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Kulturgeschichtliche Kleinigkeiten, die mir in Prousts Im Schatten junger Mädchenblüte aufgefallen sind:

  1. In Paris beschenkte man sich zu Prousts Zeiten offenbar zu Neujahr, über Weihnachtsgeschenke wird nichts gesagt.
  2. 1900 eröffnete die erste Handlung für Elektrogeräte in Paris. Damals gab es in Paris nur 2000 Abnehmer für elektrischen Strom.
  3. Auf Französisch wechselten Chrysanthemen ihr Geschlecht vom weiblichen Chrysanthème zum sächlichen Chrysanthemum.
  4. Automedon war der gängige Begriff für Chauffeur, er war der Wagenlenker des Achilles in der Ilias.
  5. Gängige Medizinen für allgemeine Schwächezustände waren entweder Koffein und Alkohol oder, wenn eine Vergiftung vermutet wurde, Milch.
  6. Haare an den Beinen galten damals auch schon als unchic bei einer Frau. Und falsche Augenbrauen (wie auch immer man sich die vorstellen kann).
  7. „Saute-en-barque“ war ein kurzer Mantel, „Suivez-moi-jeune-homme“ waren Hutbänder, die hinten gebunden wurden und in den Nacken hingen.
  8. Für den Icherzähler gehörten zu eine Zugfahrt hartgekochte Eier, Illustrierte und Karten.
  9. In dem vornehmen Hotel in der Normandie, in dem er abstieg, ab es in jedem Stockwerk nur ein einziges „Water-Closet“.
  10. Dort wurde Zitronensaft aus einer ledernen Kalebasse auf den Fisch geträufelt.
  11. Paris hatte Ende des 19. Jahrhunderts 2.5 Mio Einwohner.
  12. Es galt als unfein, Salat mit Eiern zu essen. Leider wird nicht erklärt warum.
  13. „Croque-monsieur“ ist Schinken-Käse-Toast.
  14. Straßenverkäufer am Strand in der Normandie verkaufen Babas, gerollte Oblaten und Zuckerstangen.
  15. Chester- und Salatsandwiches hält der Erzähler für „unwissende und neumodische Erfindungen“.
  16. „Mit wem wären Sie lieber befreundet, mit Alceste oder Philinte?“ (aus Molières Misanthrope) war 1882 Thema einer Baccalaureatarbeit. Proust erfindet zwei Themen für so eine Arbeit: „Sophokles schreibt aus der Unterwelt an Racine, um ihn über den Mißerfolg von Athalie zu trösten.“ Und: „Madame de Sévigné schreibt nach der ersten Aufführung von Esther an Madame de La Fayette und spricht ihr ihr Bedauern aus, dass sie nicht dabei war.“
  17. Junge Menschen, die gerade das Baccalaureat machen, spielen „Ringlein, Ringlein, du musst wandern.“
  18. Beliebt sind auch Jo-Jo und Diabolo (der Doppelkegel, der mit einem Seil jongliert wird)
  19. Leukothea ist die Göttin der Gischt.
  20. Kodak gab es damals schon, und das Wort Kodak war in Frankreich Synonym für Fotoapparat.
  21. Das Fahrrad war in Mode, es galt aber als umstritten, ob es sich für Frauen schickte (steht in einer Fußnote; der Icherzähler ist ab und zu mit Freundinnen mit dem Fahrrad unterwegs).
  22. Dem Liftboy musste man klingeln.
  23. Bediente bekommen „Dachteln“ vom Oberkellner.
  24. Eine Frau hat einen „Bart wie eine Amerikanerin“, die USA war also nicht immer modedefinierend in Sachen Körperenthaarung.
  25. Es gab Kuriositätenläden.
  26. Der Icherzähler findet, eine Frau hätte schön sein können, wäre sie 20 Jahre jünger und „hätte einen Ochsen durch die Campagna geführt.“ Ein seltsames Bild, leider wird nicht erklärt, was es bedeutet.
  27. Der Icherzähler meint, es gäbe ein Alter, in dem  man „auf die körperliche Befriedigung als Antrieb für die Kraft des Geistes zählt.“
  28. Es gibt in Frankreich eine Stadt, die Clitourps heißt.
  29. Vetiverduft hemmt das Denken des Icherzählers. Vetiver ist ein Süßgras, dessen Öl noch heute zur Parfumerzeugung genutzt wird.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Proust

  1. daria1985 schreibt:

    Was „Dachteln“ bedeutet bzw ist konnte ich nicht herausfinden. Sind damit Prügel gemeint?

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