Primärquellen

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Meine Mutter fuhr neulich mit dem Fahrrad zum Altpapiercontainer. Dort traf sie einige Frauen, mit denen sie selten zusammenkommt.

Die Frauen begrüßten meine Mutter freundlich und fragten: „Du warst doch sicher beim Begräbnis von Herrn X?“

Herr X war der Arbeitgeber meiner Mutter zu der Zeit, als ich geboren wurde. Er war ziemlich bekannt in Österreich, deshalb konnten interessierte Personen wissen, dass er gestorben war.

Meine Mutter bejahte. Obwohl sie schon seit über 35 Jahren nicht mehr für ihn arbeitete, hatte sie bis kurz vor seinem Tod noch Kontakt mit Herrn X. Sie wurde zu Familienfeiern oder offiziellen Anlässen eingeladen und sah ihn etwa einmal pro Jahr.

„Das muss komisch gewesen sein, den Vater von Karin zu beerdigen“, sagte dann eine der Frauen und schaute erwartungsvoll.

Meine Mutter verstand zuerst gar nicht den Zusammenhang. Mein Vater (wenn man ihn überhaupt so nennen kann) hat sie verlassen, als sie mit mir schwanger war. Sie hatten seither keinen Kontakt. Vor einigen Jahren war er gestorben und wir haben erst vor kurzem davon erfahren.

„Na ja, Herr X ist doch der Vater von Karin“, sagte die Frau.

Meine Mutter hatte, als ich klein war, so ein Gerücht im Dorf umlaufen hören, aber seitdem nicht mehr.

„Wie kommst du denn da drauf?“, fragte sie deshalb.

„Die O. hat das gesagt“, war die Antwort.

„Herr X ist nicht Karins Vater“, sagte meine Mutter, „ich kann euch das versichern.“

„Die O. hat es aber gesagt, da wird es schon stimmen“, war die Antwort.

Was sollte meine Mutter darauf sagen? Sie würde die Frauen nicht überzeugen können. Sie stopfte ihr Altpapier in die Tonne und fuhr nach Hause. Sie war eher belustigt von dem Vorfall als erschüttert. Nach 44 Jahren ist es wohl egal, was „die Leute“ denken.

Mein erster Gedanke, nachdem sie mir die Geschichte erzählt hatte, war: Dummes Geschwätz.

Aber dann fiel mir die Episode von Philip Roth ein, wie er in einem Wikipediaeintrag über sein Buch The Human Stain ein falsches Statement, bezüglich der Motivationen des Autors und Vorbilder für den Roman sah. Er machte sich sofort daran, den Eintrag zu korrigieren. Seine Änderungen wurden von Wikipedia nicht zugelassen, weil er keine sekundäre Quellenangabe liefern konnte. Roth musste sich damit behelfen, eine Zeitschrift – den New Yorker – dazu zu bringen, sein Statement abzudrucken. Das galt dann als akzeptable Sekundärquelle.

Eine Aussage oder der Inhalt eines Briefes konnte also nur nach Abdruck in einem Medium „wahr“ werden. Das hat sicher auch eine gewisse Berechtigung, um Gerüchte, Hörensagen, Unwahrheiten, etc. zu vermeiden. Andererseits suggeriert dieses Vorgehen, dass die akzeptierten Quellen immer „wahr“ sind. Es gibt ihnen Autorität über die Personen, über die sie berichten.

Wie bei der O. und meiner Mutter.

Und weil das im Wissenschaftlichen genauso ist wie beim Dorfklatsch, und weil meine Mutter nicht das Dorfäquivalent des New Yorker zu ihrer Verfügung hat, werde ich wohl regional die Tochter das Herrn X. bleiben.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Primärquellen

  1. Jörg schreibt:

    Hallo Karin,
    mit dem Eintrag in deinem Blog ist doch schon die sekundäre Quellangabe geschehen. Aber es ist wohl kaum anzunehmen, das der „Altpapier-Damen-Klub“ davon Kenntnis nimmt. Ist es so wichtig, wessen Vater Kind man ist? Früher sicherlich, heute (hoffentlich) nicht mehr.
    Konventionen sind ja auch dazu da, gebrochen zu werden!
    Gruß
    Jörg

    • Karin Koller schreibt:

      Nein, es ist nicht wichtig, wessen Vater Kind man ist. Für mich war es schwer zu begreifen, warum sich ein Vater nicht um sein Kind kümmern will. Ich hätte mir einen Vater gewünscht.
      Herr X ist einfach nicht mein Vater. Wichtig an der Geschichte für mich ist: Man kann eh tun und sagen, was man will, wenn andere eine Meinung dazu haben, ist das irrelevant. Das kann man natürlich auch im Positiven nutzen und nicht immer auf „die anderen“ hören.

      • Jörg schreibt:

        Als Kind ist es sicherlich schwer und schmerzlich zu verstehen, warum man keinen Vater hat und die anderen haben einen.
        Wichtig ist aus meiner Sicht, sich davon nicht beirren zu lassen und sich seine eigene Meinung zu bilden. Aber als Kind wird man eben eher von seinem Umfeld (Freunde, Mutter, Vater, Eltern, Kirche, usw.) geprägt.
        Bezogen auf die Konventionen wird heute nicht nur die klassische Familie (Vater, Mutter und Kind) anerkannt, sondern vermehrt auch Lebensgemeinschaften (gleichgeschlechtliche Eltern, Patchworkfamilien). Und das sollte/kann man seinen Kindern auch vermitteln, das „diese“ Familien und deren Kinder keinen Makel haben.
        By the Way: ich bin nicht in einem katholischen Umfeld groß geworden und musste mich daher nicht mit Konventionen und Moralvorstellungen „herumschlagen“.
        Kleinbürgerliche Moralvorstellungen (z.B. Nachbarn) verfolgen mich heute noch, vor denen man schlecht weglaufen kann 🙂
        Gruß
        Jörg

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