Kulturbeutel

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Kulturbeutel ist ein seltsames Wort. Necessaire klingt mondäner, aber die Notwendigkeit, die mitschwingt, gefällt mir auch nicht. Ich sage Waschbeutel. Wenn überhaupt.

Das Wort „Kulturbeutel“ ist mir neulich in den Sinn gekommen, als ich meine Zahnbürste für eine Reise einpackte. „Kultur“ bedeutet in diesem Zusammenhang, sich zu pflegen. Oder wenigstens sich zu waschen.

Eine „kultivierte Frau“ (oder ein „kultivierter Mann“) ist das, sagte man früher bei uns zu Hause. Das bedeutete, die Person pflegte sich, frisierte sich ansprechend (also den Konventionen entsprechend), kleidete sich auch so. Es bedeutete nicht nur das, sondern auch, dass die Person gebildet war und sich für die schönen Künste interessierte, also gerne las, Theater besuchte und Gemälde kannte. Naturwissenschaften und Mathematik fielen eher nicht unter „Kultur“.

Kulturgeschichte beschreibt nicht nur Mode und Pflege und Künste, sondern auch das Alltagsleben der jeweiligen Gesellschaft, die Summe ihrer Gedanken, Regeln, religiösen Vorstellungen. Überhaupt alles, das das Zusammenleben ausmacht. Also eine Fülle verschiedener Dinge.

Jetzt  wird wieder viel von Kultur geredet, besonders wenn PolitikerInnen und JournalistInnen von Flüchtlingen sprechen. „Kultur“ ist hier etwas Diffuses. Etwas, das eine Gesellschaft ausmacht. Von „Werten“ – oft noch nationalstaatlich qualifiziert – wird gesprochen. Trotz Globalisierung, Fernsehen, Internet.

Von „Inkompatibilität“ wird gesprochen. „Die haben eben eine andere Kultur“ sagt man über Flüchtlinge, die zu uns kommen, und impliziert, dass man nicht gemeinsam leben kann aufgrund dieses unüberwindlichen Hindernisses. Oder man sagt ganz offen, „unsere“ Kultur läuft Gefahr, unterwandert und zerstört zu werden.

Nicht nur von Rechtsradikalen hört man das. Dieser als „Kultursorge“ getarnte Rassismus ist salonfähig geworden. „Ich bin ja kein Rassist, aber…“ und dann wird viel von Kultur geredet, die eben nicht zu unserer passt. Als wäre Kultur unabänderlich. Als wäre Kultur homogen. Als würden alle in unserer Gesellschaft lebenden Menschen – gemeint ist absurderweise der Nationalstaat Österreich – die gleiche Kultur haben. Also den gleichen Glauben, die gleiche Mode, die gleichen Werte, die gleichen Freizeitvorlieben. Aber was habe ich mit einem trachtentragenden wurstessenden Bauern zu tun? Oder mit einer Hofratswitwe, für die jeder Schmuck abseits von Perlenketten zwischen Punk und Prostitution steht. Hat eine dieser Personen die österreichische Kultur? Beide? Oder doch ich mit meinen Vorlieben und Vorstellungen?

Der Begriff „Unsere Kultur“ wird verwendet, um Vorurteile elegant abzuladen. Menschen sagen: „das ist eben so, da kann ich nichts dafür, die Kultur ist einfach anders.“

Andere Menschen habe ich von Kulturaneignung oder sogar Kulturraub reden gehört. Wenn eine Mitteleuropäerin Dreadlocks oder gedehnte Ohrlöcher trägt, so die Argumentation, raubt sie Menschen in anderen, weniger privilegierten Ländern die Kultur. Damit habe ich zwei Probleme:

Wenn ich mich schmücken möchte, möchte ich doch etwas dafür verwenden, das meinem Geschmack entspricht. Etwas, mit dem ich mich schön fühle. Ich zeige daher meinen Respekt für diesen kleinen Teil der anderen Kultur.

Mein zweites Problem liegt in der Umkehr der Aussage. Wenn das Ausleihen von Elementen einer anderen Kultur Kulturraub und daher abzulehnen ist, dann dürfte ich nur Trachten anziehen. Diese entsprächen „meiner Kultur“. Das will ich aber nicht. Nichts liegt mir ferner.

Kultur ist nicht starr. Ganz im Gegenteil. Eine Gesellschaft entwickelt sich nur weiter, wenn sie ihre Kultur weiterentwickelt. Dafür haben KünstlerInnen und PolitikerInnen und StudentInnen und viele andere zu allen Zeiten gekämpft.

Auch die weniger politisch aussehenden Dinge sind wichtig: Restaurants mit chinesischer, italienischer, indischer etc. Küche, Netflix, Geschäfte mit Kleidung oder Spielzeug aus verschiedenen Ländern. Sie tragen zu mehr Akzeptanz bei. Hat erst einmal eine breite Öffentlichkeit erkannt, dass diese Dinge keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung sind, werden sie normal oder sogar gern gesehen.

Niemand nimmt uns etwas weg, wenn er/sie uns etwas bringt.

In meinen Kulturbeutel habe ich in den letzten Jahren immer wieder verschiedene Dinge eingepackt, je nach Bedarf und Vorliebe. Ich gedenke das auch mit dem Beutel zu tun, in dem ich meine Kultur aufbewahre, denn es ist meine Kultur, nicht eine nationalstaatliche. Auch nicht eine Kultur, die per se mit jener einen Person aus einem anderen Land inkompatibel ist. Sondern eine Kultur, die wachsen soll, die Dinge und Wissen aufsammeln soll, weil diese interessant sind, nicht weil man sie immer schon hatte in einer Gegend mit willkürlicher Definition.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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