Bildungskugelbahnen

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Es gibt Kugelbahnen, die man selbst zusammenbauen kann, mit verschiedenen Eingängen und Ausgängen, Kurven und Steigungen. Je nachdem, wie man eine Kugel einwirft, rollt sie die eine oder andere Strecke entlang.

Alle drei Kinder müssen in diesem Jahr eine schulische Entscheidung treffen, die sie in eine der Bildungskugelbahnen schleudert. Die Entscheidungen sind nicht leicht, vieles muss überlegt sein. Weil ja die Kinder in der jeweiligen Schule glücklich werden sollen.

Entscheidungen fallen deshalb so schwer, weil selbst das ganz normale, unspezifizierte Schulsystem in Österreich viele inkompatible Elemente hat.

Bei der Volksschule ist es noch leicht, da gehen wohl die meisten Kinder in die lokale Schule. Die ist im Wesentlichen für alle gleich. Alle Kinder, die diese Schule absolvieren, haben die gleichen Vorausetzungen für die nächste Schule (innerhalb ihrer Möglichkeiten und abhängig von den Fähigkeiten der Lehrpersonen).

So finde ich das gut. Aber ab dann beginnen die Probleme.

Katharina ist in der vierten Volksschulklasse und muss sich nun für die nächsten vier Jahre für eine Schule entscheiden. Ihr erster Impuls: Bei den Freundinnen bleiben.

Aber die wollen in unterschiedliche Schulen. Und ein gutes Entscheidungskriterium ist, das zu wählen, was die Freundinnen wollen, ja nicht. Sie ist nicht außergewöhnlich sportlich oder musikalisch, deshalb kommen Sport- und Musik-Mittelschulen nicht in Frage, sondern nur die Mittelschule im Dorf oder eines der beiden Gymnasien.

Lukas und Anna gegen aufs Gymnasium. Anna hat sich die Schule ausgesucht. Für sie war nach der Besichtigung von Mittelschule und dem nahegelegenen Gymnasium klar, welche Schule ihr besser gefällt. Obwohl sie die Einzige aus ihrer Klasse war, die nicht in die Mittelschule ging.

Mit Lukas entschieden sich zwei KlassenkameradInnen für das Gymnasium. In diesem Jahr, er geht in die zweite Klasse, muss er sich für eine Sprache entscheiden: Spanisch, Französisch oder Latein. Die Kinder haben in der dritten und vierten Klasse gemeinsam Unterricht und teilen sich nur in den jeweiligen Sprachen auf.

Grundsätzlich ist die Sprachwahl wünschenswert (obwohl zu hinterfragen ist, weshalb Spanisch und nicht Italienisch, das in zwei Nachbarländern gesprochen wird, unterrichtet wird). Aber: Latein/Spanisch ist mit dem sprachlichen Zweig des Gymnasiums verbunden, Französisch mit dem mathematischen. Ab der fünften Klasse teilen sich die Zweige.

Es gibt keine sinnvolle Erklärung dafür, dass Französisch mit Mathematik verknüpft sein muss. Es gibt keinen logischen Grund, weshalb die Schule zwei Jahre lang die Klassengemeinschaft bis auf den Sprachunterricht aufrechterhält und danach nicht mehr.

Diese Trennung führt aber dazu, dass Kinder, die sich mit 12 Jahren für Französisch entschieden haben und mit 14 Jahren draufkommen, dass die Mathematik ihnen nicht so leicht fällt wie vor zwei Jahren, die Schule verlassen müssen. Oder sich in Mathematik plagen. Umgekehrt können Kinder, die zwischen 12 und 14 Jahren eine Vorliebe für Mathematik entwickeln, auch nicht den mathematischen Zweig an dieser Schule wählen.

Wegen nichts und wieder nichts.

Aber bei jeder Schulveranstaltung wird beklagt, dass die Oberstufe an dieser Schule auf knappe drei Klassen von guten fünf Klassen in der Unterstufe schrumpft.

Jede Schule kann ihre Schwerpunkte wählen (und da rede ich nicht von berufsbildenden Schulen, sondern von den ganz herkömmlichen). Wenn ein Kind von einem Dorf ins nächste zieht, kann es sein, dass es die lokale Schule gar nicht besuchen kann, weil die falsche Sprache gelernt oder ein wissenschaftlicher Schwerpunkt nicht absolviert wurde. Das Gleiche gilt für ein Kind, das Probleme mit einer Lehrperson hat und nicht ohne weiteres die Klasse oder die Schule wechseln kann.

Kinder müssen mit 10, mit 12 und mit 14 fundamentale Lebensentscheidungen treffen. Ohne Grund und ohne Not, weil es kein Baukastensystem gibt, das für alle Schulen kompatibel ist. Weil es keine Gesamtschule gibt. Weil die spezifische Förderung für jedes Kind die Kinder unter Umständen in Kugelbahnen wirft, in die sie vielleicht mit 10, aber nicht mehr mit 12 oder 14 hineingehören, dann aber nicht mehr herauskönnen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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