Pensées: Ein Ausflug ins Landesmuseum Württemberg

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  1. Am zweiten Tag des Kurzurlaubs gehen wir durch die Straßen von Stuttgart und kommen am alten Schloss vorbei. Im Innenhof hält ein Mann eine Predigt, die gar nicht so schlecht ist. Viele Menschen sitzen im schattigen Hof und hören zu.
  2. Hier ist auch der Eingang zum Landesmuseum Württemberg. Wir gehen hinein. Wegen des Kirchentags ist der Eintritt auch für uns Ungläubige frei.
  3. In den ersten Räumen des Museums werden Fundstücke, die mehrere tausend Jahre alt sind, gezeigt, Scherben und Speerspitzen, aber auch ein Mammut, ein Bison und ein Bär, schön aus Stein geformt, die 40.000 Jahre alt sind. Und ein ebenso altes Mischwesen aus Löwe und Mensch. Ich würde gerne die Geschichten und Mythen aus dieser Zeit kennen. In Blaubeuren wurden die Statuetten gefunden.
  4. Schmuckcolliers aus der Bronzezeit, fast so groß wie Pferdegeschirre, 3000 Jahre alt. Anhänger in Form von Pferdchen, Hirschen oder Hunden, 2500 Jahre alt (was damals laut Beschreibung Trendsetting war, weil andere Schmuckstücke keine figürlichen Darstellungen aufwiesen). 2200 Jahre alte Glasarmringe, von denen man nicht weiß, wie sie hergestellt wurden, da sie keine sichtbare Nahtstelle haben.
  5. Ein 1700 Jahre altes Figürchen mit überdimensioniertem Phallus, auf den man eine Kerze stellte (die hat sein Gesicht verbrannt). Es wird nicht erklärt wofür das Figürchen verwendet wurde.
  6. Ein Salbendöschen in Form eines Frauenkopfes mit Hochsteckfrisur, 1700 Jahre alt. Skalpelle und Spielsteine aus dieser Zeit. Noch ein Figürchen mit Riesenpimmel, das angelblich Unheil abwehren sollte. Ein Phallusförmiger Anhänger, der als Glückbringer an römische Pferdegeschirre gehängt wurde.
  7. Ein Bilderzyklus aus 1477, der die Legende der heiligen Regiswildis darstellt: Ihr Vater verprügelte einen Knecht, worauf ihre Amme sie ermordete und in den Neckar warf. Warum das Kind als Heilige gilt, weiß ich nicht.
  8. Ein Bild mit den Heiligen Cosmas und Damian, die einem Kranken ein gesundes Bein mit dunkler Hautfarbe einsetzen. Das kranke Bein liegt vor dem Bett. Wo sie das gesunde Bein herhaben, wird nicht beschrieben.
  9. Ein Altar aus 1489, der in Comicform den Weg einer Reliquie von Jerusalem nach Weingarten erzählt. Mit Echtheitsdokumentation.
  1. Ein Leuchter, der darstellt, wie ein Ritter gerade von einem Drachen verschlungen wird. Der soll Rittern zum Vorbild gedient haben. Dass sie sich in Würde auffressen lassen sollten, oder so.
  2. Ein Idealbild der Bündnispolitik (1575), in dem viele Männer im Kreis herumsitzen und in der Mitte drei Hündchen spielen.
  3. Eine Ansicht von Stuttgart aus 1589 mit Reitern und Jägern im Vordergrund. Auf dem Platz rechts stehen Gestelle, die aussehen wie Handymasten.
  4. Eine Jagdszene von 1580, bei der die Jagd gerade beendet wird. Schießen durfte nur der Herzog. Im Hintergrund sieht man einen Teich, in den die Tiere hineingetrieben wurden. Wieder ein Hirschfischermotiv. Die Jagd selbst ist vorbei, die geschossenen Hirsche liegen auf dem Boden und werden ausgenommen. Hunde fressen die Reste, ein Wirt trägt eine Keule und einen Kopf fort.
  5. Ein Nebenraum widmet sich der Hose. Alte Bilder sind gezeigt, in denen Frauen Hosen an sich reißen wollen, um die Macht zu erhalten, und als vom Teufel besessen gelten. Ein Werbeplakat für Jeans aus 1993 wirbt mit einer Frau, die sagt: „Natürlich habe ich die Hosen an.“ Die Urangst vor Frauenhosen währte ziemlich lange.
  6. Spottmedaillen aus 1738, die an die Hinrichtung von Finanzminister Joseph Süß Oppenheimer erinnert, der damals „Jud Süß“ genannt wurde. Er wurde für einen Nazipropagandafilm missbraucht.
  7. Ein Schandmantel, der wir ein bemaltes Bierfass aussieht. Dort musste sich der Verurteile (die Verurteilte?) einschließen und verhöhnen lassen.
  8. Das Gemälde vom jüngsten Gericht aus dem 16. Jahrhundert, das nicht in einer Kirche, sondern in der Gerichtsstube der Reichsstadt Ulm hing. Auf der einen Seite sind die Erlösten – nackt, von eher grauem Teint und nicht sehr glücklich aussehend – auf der anderen Seite die Verdammten. Sie sind ebenfalls nackt, werden aber von Teufeln geritten und von Monstern verschlungen. Teufel, die Feuer scheißen, und Monster, die Sünder vergewaltigen. Ein Engel sticht einen Teufel mit einem Kreuz nieder. Sünder kriechen aus den Gräbern und flehen um Gnade. Das Bild erinnert an Hieronymus Bosch. Ich versuche mir vorzustellen, was die Beteiligten einer Gerichtsverhandlung dachten, als sie dieses Gemälde sahen.
  9. In einem Raum sind Dinge aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert ausgestellt, wild durcheinander, von der Knorr Brühwürfelflasche bis zu den Kronjuwelen.
  10. Dann ist das Museum plötzlich fertig. Ganz abrupt und unerwartet. Das Museum ist ein Kuriositätenkabinett, vielleicht nicht ganz so sehr wie die Stücke, die ich für diese Beschreibung ausgewählt habe (auch etwas weniger phallisch als ich es dargestellt habe), aber dennoch. Ich finde das sehr unterhaltsam. Wer aber eine konzise Geschichte Württembergs sucht, wird eher enttäuscht sein.
  11. Beim Hinausgehen sehe ich noch die Schilder zur Gruft und zur Uhrensammlung. Die Gruft ist eher seltsam und nach all den Ausstellungsstücken im Museum wenig spektakulär.
  12. Die Uhrensammlung sie aber noch ein letztes Juwel des Museums. Nicht nur Renaissanceuhren sind dort ausgestellt, sondern auch Messgeräte aus dem 16.-19. Jahrhundert: Schrittzähler, Kippregel, Astrolabium, Inklinatorium, Deklinatorium, Vertikalsonnenuhr, Azimutsonnenuhr, Tellurium, Lunarium, Dipleidoskop, Sonnenquadrant, Rechentrommel, Rechenmaschine.
  13. Und ein astronomisch-astrologisches Kompendium aus dem 15. Jahrhundert in Form eines Flügelaltars. Ich wüsste gerne, was es bedeutet. Es zeigt auch, wie nahe Astronomie und Astrologie damals beisammen waren und dass beide Disziplinen wissenschaftlich betrieben wurden.
  14. Ganz benommen von den Wunderdingen stolpere ich wieder auf die Straßen des modernen Stuttgart.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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