Pensées: Bob Dylan Konzert

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  1. Auf dem Vorplatz vor dem Festspielhaus hat sich eine Schlange gebildet. Es ist zwei Tage nach den Anschlägen in Paris und die Eingangskontrollen sind etwas strenger als sonst.
  2. Neben dem Eingang spielt ein Mann Songs von Bob Dylan. Er möchte sich eine Eintrittskarte verdienen. Er singt genau wie der junge Bob Dylan.
  3. Viele werfen ein paar Münzen oder einen Schein in seinen Gitarrenkoffer. Wer viel Geld für den echten Bob ausgibt, gibt auch ein bisschen für den an die Jugend erinnernden Vorbob.
  4. Ich muss zeigen, was ich in den Taschen habe, die Kontrolle geht aber sehr schnell. Eine Angestellte des Festspielhauses macht mich darauf aufmerksam, dass ich die Jacke entweder anlassen oder abgeben muss. Ob das mit Sicherheit oder nur mit seltsamer Ordnung zu tun hat, weiß ich nicht.
  5. Über Lautsprecher wird angesagt, dass Fotografieren und Filmen während des Konzerts strengstens verboten ist. In zwei Sprachen.
  6. Unsere Plätze sind genau hinter den Mischpulten. Die halbe Sitzreihe wurde entfernt, um die Pulte unterzubringen.
  7. Drei Männer bearbeiten die Pulte. Sie sprechen Englisch miteinander, sie dürften mit Bob Dylan mitreisen.
  8. Punkt Acht beginnt das Konzert. Die Bühne ist dunkel, bis Dylan zu singen beginnt.
  9. Things have Changed – „People are crazy and times are strange/I’m locked in tight, I’m out of range/I used to care, but things have changed.”
  10. Ich überlege, ob das passend ist, zwei Tage nach dem Attentat in Paris. Und merke, dass es bescheuert ist, sich solche Fragen zu stellen.
  11. Die Band ist gut. Dylan auch. Er singt, bewegt sich nicht viel. Bei einem Solo geht er auf und ab. Langsam. Das ist die größte Showeinlage.
  12. Die Songs klingen seltsam ähnlich, ich habe Mühe, sie zu erkennen.
  13. Der Tontechniker hat viel zu tun. Dort schiebt er einen Hebel, da dreht er einen Knopf, manchmal setzt er sich einen Kopfhörer auf und adjustiert noch mehr. Wenn Dylan die Mundharmonika spielt, müssen viele Hebel betätigt werden. Manchmal geht der Tontechniker in eine Ecke des Zuseherraums und adjustiert dann wieder.
  14. Das Konzert scheint dem Tontechniker zu gefallen. Bei Pay in Blood wippt er mit. Bei anderen Songs dirigiert er ein bisschen. 36 Shows hat er schon gemacht, erzählt er vor dem Konzert dem Kollegen, der zum ersten Mal dabei ist. Was der tut, verstehe ich nicht. Er hat einen Laptop und einen Bildschirm, auf dem nur Streifen zu sehen sind. Ganz selten schaltet er ein rotes Licht auf grün. Noch seltener wischt er mit einem Stift über den Bildschirm seines Laptops.
  15. Der Lichttechniker langweilt sich, nuckelt an seiner Cola und lässt Bob Dylan nach jedem Song wieder im Dunkel verschwinden.
  16. Nach exakt 45 Minuten macht Dylan eine Pause. Die dauert eine Viertelstunde. Dann beginnt die zweite Halbzeit.
  17. Wieder toll gespielt. Wieder mit einigen Sinatra-Songs. Wieder perfekt.
  18. Aber genau das gefällt mir nicht so gut. Bei Konzerten finde ich die Imperfektionen gut. Die wurden früher zum Erinnernswerten: Wie Townes van Zandt einen Witz erzählte und dann vergaß, den Capodaster von der Gitarre zu nehmen und es lange nicht merkte. Wie dem Bassisten von Souled American die Zigarette einen Song lang im Mund steckte, ohne dass die Asche abfiel. Wie Sven Regener lachte, als er mit der falschen Gitarre zu spielen begann.
  19. Das gibt es bei Dylan nicht. Keine Imperfektion, keinen Charme. Es gibt eine professionelle Show. Nicht ein einziges Wort sagt Dylan zwischen den Songs.
  20. Nach Ende der zweiten Halbzeit spielt Dylan zwei Zugaben. Dann fährt der Tontechniker seinen Computer herunter.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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