Woher kommt die österreichische Kultur?

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Was ist „unsere Kultur“, also die viel zitierte österreichische Kultur, von der in letzter Zeit so inflationär die Rede ist, eigentlich? Trachten fallen mir ein, und viele Essensdinge, Volksmusik und Volkstanz. „Volk“ scheint eine Rolle zu spielen.

Ich habe mich umgehört (ich wollte nur jene Kulturdinge wissen, auf die man stolz zu sein glaubt). Ein Bekannter sagte „das Gewesene“.

Unsere Kultur scheint sich tatsächlich zu einem hohen Grad aus dem Vergangenen, den Traditionellen zusammenzusetzen. Dinge, die lange gewachsen sind. Dinge, die offenbar anfällig gegenüber äußeren Einflüssen sein müssen, glaubt man der Berichterstattung.

Aber wo kommen die her? Waren diese Dinge immer schon Österreichisch? Wurde nie von außen Einfluss darauf genommen? Ich habe versucht, der Herkunft einiger österreichischen Kulturdinge und –personen nachzugehen.

Lederhosen:  Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Schnitt der Lederhose von den französischen Culottes – die im 16. Jahrhundert in Frankreich in Mode kamen, abgeschaut. Etwa zur gleichen Zeit, in der die französische Stadtbevölkerung lange Hosen zu tragen begann (Sansculottes). Bauern in Österreich trugen davon Pumphosen, die der spanischen Mode entlehnt waren.

Dirndl: Das Dirndl setzte sich erst Ende des 19. Jahrhunderts als allgemein getragenes Sommerkleid durch. Trachten gibt es schon seit Jahrhunderten und waren ursprünglich dazu da, Angehörige verschiedener Regionen, Stände, Berufe erkennbar zu machen.

Wiener Schnitzel: Der Legende nach soll Radetzky in einem Bericht über die Lage in der Lombardei ein paniertes Kalbskotetlett erwähnt haben. In Fett Herausgebratenes, wie Backhendl, soll es in Wien schon über hundert Jahre zuvor gegeben haben. Bereits im 12. Jahrhundert wird eine Speise „lumbolos cum panitio“ in Mailand erwähnt, von der sich das Cotoletta alla Milanese ableiten soll.

Leberkäse: Soll 1776 von einem Mannheimer Metzger des Kurfürsten von Bayern erfunden worden sein.

Regionale Küche Österreichs: Gulasch ist aus Ungarn. Die Steiermark ist für ihre Kürbisgerichte berühmt – Kürbisse stammen aus Mexiko. Die Kartoffeln, die die Basis vieler oberösterreichischer Knödel sind, stammen aus Peru. Knödel wurden schon 3600 v Chr. in der Schweiz gefunden, die erste Darstellung eines Knödels gibt es in Südtirol, das Wort Knödel leitet sich von lat. Nodus, Knoten ab. Süße Knödel kommen aus Böhmen. Der Kärntner Reindling kommt aus Slowenien. Vorarlberger Kässpätzle kommen aus Schwaben.

Kaffeehauskultur: die Kaffeepflanze stammt aus Madagaskar, Sudan und Äthiopien, der erste nachweisbare Gebrauch als Getränk ist im 15. Jahrhundert im Jemen dokumentiert. Kaffeehäuser gab es im 16. Jahrhundert in Mecca, Damaskus und Kairo. Das erste Kaffeehaus Europas eröffnete 1645 in Venedig. 1652 gab es schon ein Kaffeehaus in London, erst 1683 eröffnete das erste Kaffeehaus in Wien. Der in der Ukraine geborene Dolmetscher von Sobieski, Georg Franz Kolschitzki, gründete es. Er sei der erste gewesen, der Milch in den Kaffee goss.

Riesenrad: Das Riesenrad wurde von dem in Temeswar geborenen Gabor Steiner in Auftrag gegeben. Chefkonstrukteur war der Brite Hubert Cecil Booth. Das Riesenrad gehörte Eduard Steiner, der in Auschwitz ermordet wurde.

Mozartkugel: Die Mozartkugel wurde in Salzburg erfunden. Sie besteht aus Marzipan, das in Persien, Andalusien oder Sizilien erfunden wurde, und Nougat, der aus Turin stammt.

Wein: Schon vor 6000 wurde Wein in Armenien fermentiert.

Bier: Bier hat man schon von 10.000 Jahren in der Türkei erzeugt. Der Ackerbau entstand im Gebiet des östlichen Mittelmeeres.

KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen: Es gibt eine Wikipediaseite für österreichische Kultur. Auf dieser sind viele VertreterInnen dieser Kultur im Bereich der Wissenschaften und Künste angeführt. Viele von ihnen kann man in zwei Gruppen einteilen:

                1: Menschen, die nicht auf dem heutigen Staatsgebiet geboren wurden: Joseph Loschmidt, Physiker, geboren in Putschirn, Böhmen. Fritz Pregl, Chemiker, geboren in Laibach. Hans Kelsen, Rechtswissenschaftler, geboren in Prag. Gregor Mendel, Biologe, geboren in Odrau, Schlesien. Kurt Gödel, Mathematiker, geboren in Brünn. Ignaz Semmelweis, Mediziner, geboren in Buda. Josef Ressl, Erfinder, geboren in Chrudim, Böhmen. Ferdinand Porsche, Autokonstrukteur, geboren in Maffersdorf, Böhmen. Carl Ritter von Ghega, Erbauer der Semmeringbahn, geboren in Venedig. Adolf Loos, Architekt, geboren in Brünn. Adalbert Stifter, Schriftsteller, geboren in Oberplan, Böhmen. Marie Ebner von Eschenbach, Schriftstellerin, geboren in Kremsier, Mähren. Karl Kraus, Schriftsteller, geboren in Jičin, Böhmen. Theodor Herzl, Schriftsteller, geboren in Pest. Bertha von Suttner, Schriftstellerin, geboren in Prag. Franz von Suppé, Komponist, geboren in Split. Franz Lehár, Komponist, geboren in Komárno, Slowakei. Ludwig van Beethoven, Komponist, geboren in Bonn. Johannes Brahms, Komponist, geboren in Hamburg. Gustav Mahler, Komponist, geboren in Kalischt, Böhmen. Ernst Waldbrunn, Kabarettist, geboren in Krumau, Böhmen. Max Böhm, Schauspieler, geboren in Teplitz-Schönau, Böhmen.

                2: Menschen, die von den Nationalsozialisten vertrieben wurden: Max Perutz, Chemiker. Karl Popper, Philosoph. Erwin Schrödinger, Physiker. Sigmund Freud, Psychologe. Oskar Kokoschka, Maler. Raoul Hausmann, Maler. Stefan Zweig, Schriftsteller. Alfred Polgar, Schriftsteller. Joseph Roth, Schriftsteller, geboren in Brody, Ostgalizien. Ödön von Horváth, Schriftsteller, geboren bei Rijeka. Milo Dor, Schriftsteller, geboren in Budapest. Arnold Schönberg, Komponist. Karl Farkas, Kabarettist. Jura Soyfer, Schriftsteller, geboren in Charkow, ermordet im KZ Buchenwald.

Das Gewesene: Die Vergangenheit, die als österreichische Kultur wahrgenommen wird, ist sehr selektiv. Die Zeit, in der Österreich noch „etwas war“. Obwohl man sich ja nicht die Monarchie herbeisehnt. Ein verklärtes Bild der Salons der Jahrhundertwende. Der Nationalsozialismus nicht, der auf keinen Fall. Auch nicht, dass Österreich zwei Weltkriege zu verantworten hat. Lieber Sissi, alles Zuckersüße, der Wiener Charme.

Vieles, das als österreichische Kultur empfunden wird, ist lange her, wurde aus anderen Regionen übernommen und leicht verändert, wurde von MigrantInnen initiiert, oder von Menschen, die man in Österreich nicht mehr wollte.

Das macht diese kulturellen Dinge nicht schlechter. Es zeigt, dass Kultur sich immer weiterentwickelt. Dass die Entwicklung von Kultur von Einflüssen von außen abhängig ist. Auf Menschen, die über ihren Tellerrand schauen. Auf Menschen, die außerhalb der unmittelbaren Kultur etwas gut finden und etwas Neues daraus machen.

Jetzt haben manche Menschen Angst, unsere Kultur könne uns abhandenkommen. Nachdem Kultur nichts Starres ist, kann das gar nicht sein.

Und: Der katholische Glaube entstand im Nahen Osten. Die Habsburger stammen aus der Schweiz.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Woher kommt die österreichische Kultur?

  1. Friese schreibt:

    Für viele von uns Piefkes gilt es als die größte Leistung Österreichs, die Welt davon überzeugt zu haben, dass Mozart Österreicher und Hitler Deutscher gewesen sei.

    Aus der Sicht eines Nordlichts ist es immer wieder erstaunlich, wie viel aus den früheren Gebieten der Monarchie übernommen, integriert und verfeinert wurde. Wenn diese pragmatische Übernahme von Fremdem der kulturelle Kern wäre, dann wären die Bewahrer dieser Kultur gleichzeitig ihre Zerstörer.

    • Karin Koller schreibt:

      Ja, das wollte ich damit andeuten. Aber Mozart war wirklich aus Salzburg und Staatsbürgerschaften gab es damals nicht. Aber in Bergriffen von Österreichischkeit zu denken ist ohnehin bescheuert.

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