Pensées: Ein Ausflug in die Weissenhofsiedlung

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  1. Als wir das Württembergische Landesmuseum verlassen, hören weniger Christen dem Vortragenden zu. Der Hof liegt nun in der prallen Sonne und es ist ein heißer Tag.
  2. Als Kontrast zu dem Wunderkabinett des Württembergischen Landesmuseums wollen wir uns die Weissenhofsiedlung ansehen. Genauer gesagt das Weissenhofmuseum im Le Corbusier-Haus.
  3. Vor der U-Bahnstation gibt es keine Schilder, die auf das Museum hinweisen. Es ist heiß, 36°C, und der Weg liegt in beiden Richtungen in der prallen Sonne. Ich habe eine Karte, kann diese aber nicht lesen. Irgendwann finde ich eine Straße, die auch auf meiner Karte verzeichnet ist, und dann finden wir, halb verglüht, die Siedlung.
  4. In einigen Häusern sind Ausstellungen oder Vereine, die mit Architektur zu tun haben. Das Corbusier-Haus  sieht aus wie ein ganz normales Wohnhaus in einer ganz normalen Wohngegend. Nur eine Fahne neben dem Eingangstor weist darauf hin, dass hier ein Museum ist.
  5. Die Eingangstür ist eine abweisende graue Tür, die wie eine Brandschutztür aussieht. Auf ihr klebt ein Zettel: Wir haben geöffnet. Oder so ähnlich.
  6. Wir kaufen die Eintrittskarten, 5 Euro kosten die pro Person. Die Frau an der Kasse kann mir auf einen Fünfziger nicht herausgeben, es scheint nicht viel Betrieb zu sein heute. Wir kratzen unsere Münzen zusammen.
  7. Durch den Garten betreten wir das Haus. In einem kleinen Raum steht nur ein Bett. Ein einfaches Stahlgestell mit dünner Matratze und gelber Decke. „Bitte nicht auf das Bett setzten!“ steht auf einem Schild.
  8. Im Nebenraum hängt der Plan des Hauses. In einer Ecke steht ein Kästchen. Mit einem Knopf kann man eine Tonbandaufnahme starten. Alfred Roth, der Bauleiter von Le Corbusier, erzählt von den Schwierigkeiten am Bau, wie sie es fast nicht geschafft hätten, das Haus rechtzeitig fertigzustellen.
  9. Die ganze Siedlung wurde 1927 im Rahmen einer Werkbundausstellung „Die Wohnung“ gebaut. Verschiedene Architekten planten jeweils ein Haus. Ein bisschen wie die Bushäuschen in Krumbach,  nur viel größer.
  10. Eine enge Stiege führt in den ersten Stock. Dort ist ein recht großer Raum mit einem Kasten, aus dem man ein Bett herausziehen kann. Der Kasten ist grau. Der Boden ist grau. Die Wände sind grau.
  11. Lauter verschiedene Grautöne. An das Zimmer schließen eine winzige Küche, ein Bad, in das nur eine Badewanne und ein Waschbecken passen, und eine quadratische Toilette, kaum größer als die Kloschüssel selbst. Alles sehr beengt.
  12. Vom Zimmer aus kommt man auf eine Dachterrasse mit Blumenbeeten und schöner Aussicht. Die Wand dort ist blau gestrichen, sie wirkt kühl und freundlich bei dieser Hitze.
  13. So eine Terrasse hätte ich gerne. Zum ersten Mal seit ich das Haus betreten habe, verstehe ich, dass es 1927 nicht selbstverständlich war, so eine Wohnung als Familie für sich zu haben. Auch wenn es mir sehr beengt vorkommt. Ein eigenes Bad und eine Toilette in der Wohnung waren nicht selbstverständlich. Nicht einmal eine Küche und fließendes Wasser.
  14.  Corbusier wollte eine „Wohnmaschine“ schaffen, ein Haus „wie ein Auto, entworfen und durchkonstruiert wie ein Omnibus oder eine Schiffskabine.“
  15. Die Häuser der Weissenhofsiedlung galten damals als Avantgarde. Mies von der Rohe und Gropius beteiligten sich auch an dem Projekt. Insgesamt wirkten 17 Architekten mit.
  16. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde diese Art von Architektur verfemt, die Siedlung als „Araberdorf“ bezeichnet. Paul Schmitthenner, ein Architekt, der in der Nazizeit geschätzt wurde, sagte über das Corbusier-Haus: „Erstarrte Gedankenlosigkeit eines Ästheten von Geschmack.“
  17. Alte Fotos zeigen die eingerichteten Wohnungen. Sie zeigen wie verschieden die kargen Räume aussehen können.
  18. Als wir das Museum verlassen, steht eine ganze Gruppe von Menschen vor dem Haus und wartet auf eine Führung. Ich kann mir nicht vorstellen, wie die alle in die engen Räume passen sollen und das noch bei dieser Hitze.
  19. Wir gehen jedenfalls ein Eis essen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Pensées: Ein Ausflug in die Weissenhofsiedlung

  1. dongowski schreibt:

    Wie eng das alles ist, habe ich auch als erstes gedacht. Aber ich würde gerne mal ein paar Monate darin wohnen, um zu sehen, was das mit einem macht. Und wie man selbst das Haus verändert.

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