Pensées: Ein Ausflug in die Staatsgalerie Stuttgart

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  1. Es ist immer noch heiß, die Musik der Christen schallt schon vormittags aus Lautsprechern. Ein Ausflug an die Peripherie wird verworfen, weil der Gedanke in mit hunderten buntbebänderten (Kirchentag muss so ähnlich sein, wie ein Kindergartenfest, wo man bei jeder Station ein Bändchen bekommt und das Kind mit den meisten Bändchen gewinnt) und mit bunten Holzperlenketten geschmückten (als Solidaritätszeichen für Lesben und Schwule) Christen in einer unklimatisierten und überfüllten U-Bahn zu fahren nicht sehr verlockend ist.
  2. Wir gehen also zu den Museen. Die Staatsgalerie und das Haus der Geschichte befinden sich im gleichen Gebäudekomplex. Ein hässlich sandfarbenes Gebäude mit grünen Gittern über den Fenstern und rosa und blauen Handläufen an den Außenaufgängen.
  3. Das Haus der Geschichte zeigt eine Ausstellung über Unterwäsche, die Galerie eine über ihre moderne Sammlung. Uns interessiert eigentlich beides.
  4. Wir gehen zuerst in die Staatsgalerie. Ich habe keine Vorstellung davon, wie groß die Galerie ist.
  5. In der Ausstellung Künstlerräume werden noch lebende deutsche KünstlerInnen gezeigt. Und Jeff Koons und Bruce Nauman. Die beiden erscheinen mir eher unmotiviert eingefügt in die Gruppe, aber wahrscheinlich dürfen die beiden bei keiner modernen Ausstellung fehlen. Shaking Hands von Nauman ist auf dem Plakat, eine Installation, in der abwechselnd Hände und Penisse aufblinken.
  6. Bei der Ausstellung wurde offenbar darauf geachtet, dass auch Werke von Frauen gezeigt werden. Von 13 KünstlerInnen sind 5 Frauen.
  7. Wieder einmal stelle ich fest, dass ich keinen Zugang zu moderner Kunst habe. Viele Bilder sind bunt und grell, manche scheinen eine Geschichte zu erzählen. Mich sprechen sie aber nicht an. Das klingt jetzt reaktionärer, als ich es meine. Ich hätte gerne einen Zugang, ein tiefes Gefühl, wenn ich mir ein Kunstwerk ansehe. Es will aber keines kommen und ich weiß auch gar nicht, wie ich eines erzeugen soll.
  8. Mit dem Lift fahren wir in den obersten Stock. Auch hier wird moderne Kunst gezeigt. In großen lichtdurchfluteten Räumen. Ein Bild von Mark Rothko hängt auch dort, das spricht mich an. Ich kann aber nicht erklären warum. Ich habe einmal gelesen, dass Rothko mit seinen Farbflächen die Betrachterin emotionalisiert. Ob das bei mir auch der Fall ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich. Warum weiß ich nicht. Mein Mann fragt mich. Ich antworte etwas von den flimmernden Rändern der Farbflächen und stoße auf Unverständnis. Die Begründung ist auch eher lahm, ich habe keine bessere.
  9. Nachdem wir die moderne Kunst durchwandert haben, kommen wir in den älteren Trakt der Galerie. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt. Saal für Saal werden die Kunstwerke älter. Expressionisten, Impressionisten. Ein Präraffaelit in seiner ganzen gloriosen Scheußlichkeit. Nach der modernen Kunst ist mir mit einem Mal bewusst, dass ich Kunstwerke eher nach Interesse, die sie in mir erwecken, ansehe. Das ist bei älteren, gegenständlichen Bildern einfacher, dort kann ich die Mode, die Landschaft, die Handlungen leicht erfassen, manchmal glaube ich sogar die eine oder andere Symbolik zu erkennen. Bei abstrakter Kunst ist das viel schwieriger.
  10. Von Raum zu Raum gehe ich, versuche die Kunstwerke zu erfassen. Das Museum scheint geordneter, zielgerichteter (natürlich auch kleiner) als das Kunsthistorische Museum in Wien.
  11. Eine Auferstehung von Max Beckmann von 1909 erstaunt mich, weil sie sehr traditionell erscheint. Die Menschen tragen moderne Kleidung, ansonsten könnte das Bild aus der Renaissance stammen. Einige Räume davor habe ich eine Auferstehung des gleichen Künstlers vom Jahr 1917 gesehen, mit nackten Soldaten, die auf dem Feld liegen. Sehr zynisch, ohne Hoffnung. Schade, dass die beiden Bilder so weit auseinander hängen.
  12. Ein Trakt widmet sich der italienischen Malerei vom 14. Bis zu 18. Jahrhundert. Zwei Tafelbilder mit Szenen aus der Apocalypse sind dabei. Wenn ich die ansehe, möchte ich die Apokalypse gerne lesen und die Szenen Schritt für Schritt mitverfolgen.
  13. Ein anderes Bild, eine Magische Szene von Andrea Locatelli aus dem 18. Jahrhundert, zeigt einen alten Magier, der inmitten von Teufeln, Skeletten (auch das eines Hundes) Affen und Eulen neben seinem Süppchen einen magischen Kreis in den Sand zeichnet. Im Hintergrund reitet ein nackter Mensch auf einer Ziege. Vom Dachbalken hängt ein zerlumpter Mann an einem Strick. Eine Ziege lässt rote Flüssigkeit aus ihrem Hintern auf ihn herab. Ich habe keine Ahnung, was das Bild bedeutet.
  14. Mich beschleicht aber eine andere Ahnung: Dass ich tatsächlich Kunst gerne aufgrund ihres Kuriositätsfaktors ansehe. Oder zumindest wegen der Geschichte, die sie erzählt, und die ich fassen kann, oder gerade eben nicht und ich darüber nachzudenken beginne.
  15. Im letzten Raum des Trakts, der den alten deutschen Meistern gewidmet ist, also dem Ende der Zeitreise steht ein Altar mit acht Tafeln. Wir sind schon lange im Museum und ich mache nur ein flüchtiges Foto, nur um mir zu merken, was das für ein Kunstwerk ist.
  16. Im Shop gibt es ein Buch über diesen Altar. Ich kaufe es.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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