Pensées: Eine Halbsaison als Regionalfan

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Ich bin nicht oft zu Fußballspielen gegangen. Einmal im Jahr vielleicht. Oder eher seltener.

San Siro, White Hart Lane, Camp Nou, Europameisterschaft. Zu den Reichen und Schönen des Fußballs. Zu Events. In schöne Stadien.

Auch nach Frankfurt und Augsburg. Weil wir dann einen Ausflug mit Übernachtung machen konnten, der der ganzen Familie gefiel.

Wir wohnen ganz in der Nähe von Altach und der SCR Altach ist heuer das zweite Jahr in der Bundesliga. Im Sommer gab es die schwache Hoffnung auf die Europa League.

Wir haben Saisontickets gekauft. Vier Stück. Weil Anna sich nicht für Fußball interessiert und gerne alle zwei Wochen einen Abend alleine verbringt.

Katharina interessiert sich auch nicht für Fußball, sie wollte aber trotzdem gerne mit.

Ich dachte, es ist vielleicht lustig, eine ganze Saison dabei zu sein.

Vor zwei Jahren habe ich das Buch Bienvenue en Banlieue Rouge von Christoph Heshmatpour gelesen und mir gedacht, ähnliche Erlebnisse kann man auch in Altach haben. Nur mit Kindern. Nur ohne Paris.

Die Sommerheimspiele haben wir versäumt, weil wir in Kärnten waren, aber gleich nach den Ferien ging es los.

Gegen Rapid.

Schnabelholz heißt das Stadion. Nicht gerade wie ein Ort von Welt.

Der Hauptsponsor wirbt mit „We clean the World“. Ein Vorarlberger Gazprom, ist meine erste Assoziation.

Es ist ein warmer Tag, das Stadion ausverkauft, der Fansektor voll. Altach gewinnt. Fanhoffnungen auf eine große Saison (nach den Niederlagen, die wir versäumt haben) keimen auf.

Es ist nett, in der Sonne zu sitzen und zuzuschauen.

Das nächste Spiel ist gegen Grödig. Nicht mehr so viele Zuschauer. Alle Kinderklubs Vorarlbergs sind aber eingeladen und Lukas trifft viele Bekannte. Im Fansektor schwingen vier Menschen eine Fahne. Sonst ist der Sektor leer. Alle Auswärtsfans sind wohl mit dem Fan-PKS angereist.

Altach gewinnt wieder.

Beim nächsten Spiel – gegen Austria Wien – kann mein Mann nicht mitkommen. Ich gehe mit Katharina, Lukas und einem Freund von Lukas. Ich war nicht ganz sicher, ob ich mich das trauen würde, so alleine mit drei Kindern. Aber es geht gut.

Wir essen Würste. Ein Ball geht direkt von der Ecke ins Tor. In der Pause spielen die Buben mit anderen Kindern auf dem Trainingsplatz. Altach verliert das Spiel noch, aber für das tolle Tor hat es sich ausgezahlt

Ich wundere mich, wie unterschiedlich wir die Spiele wahrnehmen: Lukas schaut konzentriert zu, er kann jeden Spielzug nachvollziehen, möchte nicht gestört werden.

Katharina denkt ständig an das Catering, ihr ist egal, wie die Mannschaften spielen, sie überlegt, ob sie Saft, einen Smoothie (oder im Herbst dann Maroni), ein Lebkuchenherz oder doch eine Wurst kaufen soll. Über weite Strecken des Spiels läuft sie auf dem Stadiongelände herum und schaut sich die Stände an.

Und ich, ich komme im Laufe der Zeit drauf, dass ich eigentlich auch nicht wegen des Spiels gerne da bin. Eher wegen der Atmosphäre. Wegen des Lärms, den zwei Spieler verursachen, wenn sie zusammenkrachen. Wegen der kleinen Buben, die sich im Dezember bei einem Altach-Tor die Oberkörper frei machen und jubeln, bis ein Papa kommt und ihnen sagt, sie müssen sich wieder anziehen. Wegen des Balljungenchefs unserer Tribünenseite, der bei jedem Ball, den er holen muss,  die Augen rollt, als wäre das eine persönliche Beleidigung. Wegen der beiden Kabelschlepper, die hinter dem Kameramann herrennen. Wegen der Sonnenuntergänge während des Spiels und später wegen der Beleuchtung in der Dunkelheit. Wegen der Tore, die ich fast versäume, weil Tore der Auswärtsmannschaft nur ganz leise angesagt werden.

Auch wegen der nicht so schönen Dinge: Des Torjubels der Fans, die alle gleichzeitig ihre Getränke ausschütten. Der Schiedsrichterbeschimpfung, der sich selbst kleine Mädchen mit deftigen Kraftausdrücken anschließen. Des Mannes hinter uns beim Spiel gegen Red Bull, der eineinhalb Stunden lang von seiner Arbeitswoche erzählt hat, so laut, dass es sein Freund zwei Reihen hinter uns noch hören konnte.

Ich habe noch nie einen geschwätzigeren Menschen gesehen.

Beim Spiel gegen WAC war ich mit Lukas und Katharina alleine. Es war so kalt, dass wir ständig Kinderpunsch holten. Einen Punsch hätte ich vor Zittern fast verschüttet.

Das Ausgleichstor des WAC habe ich versäumt, weil ich mit den Kindern in der Pause ins beheizte Lokal ging und Lukas versprochen habe, ihm danach eine Wurst zu holen.

Aus Kärnten kam kein einziger Fan angereist, zum ersten Mal blieb der Fanblock leer.

Zum letzten Heimspiel – gegen Ried – wollte ich nicht gehen. Mein Mann ging mit den Kindern. Das Spiel wurde wegen Nebels 40 Minuten unterbrochen. Sie haben nicht auf die Fortsetzung gewartet. Wie viele Fans.

Die Halbsaison scheint für viele lange geworden zu sein.

Aber die Freude und Frustration, das kleine Ereignis alle zwei Wochen, an dem wir gemeinsam mit den Kindern und gemeinsam mit ungefähr 4000 Fans teilnehmen, finde ich gut.

Ungefähr so, wie es Christoph Heshmatpour so schön beschreibt. Nur halt mit Kindern. Und ohne Alkohol.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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