Pensées: Herrenberger Altar

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  1. Der Altar, den ich im hintersten Raum der Staatsgalerie Stuttgart sehe, ist der Herrenberger Altar von Jerg Ratgeb aus dem Jahr 1519.
  2. Die acht Tafeln zeigen: Verlobung Mariens, Beschneidung Jesu, Abendmahl, Geißelung, Kreuzigung, Auferstehung und zwei Tafeln zeigen den Apostelabschied.
  3. Zuerst fällt mir auf, wie bunt die Apostel sind und wie seltsam arrangiert. Und dass Jesus mit Peacezeichen aufersteht, in einer Lichtwolke, ähnlich wie beim Isenheimer Altar in Colmar.
  4. Auf der Rückseite fällt mir auf, dass der Beschneider eine Brille trägt. Brillen gibt es zum Zeitpunkt des Entstehens des Altars schon 200 Jahre lang, das schaue ich zu Hause nach.
  5. Das Baby, Jesus, hat kleine goldene Strahlen am Kopf, ansonsten schaut es aus wie ein verzweifelt schreiendes Baby. Auch der Mann, der es hält, scheint Mitleid zu haben.
  6. Im Museumsshop sehe ich, es gibt ein Buch nur über diesen Altar. Ich werde noch neugieriger und kaufe es.
  7. Zu Hause habe ich Gelegenheit, mir die Altartafeln genauer anzusehen.
  8. Jede Tafel stellt nicht nur eine Szene dar, sondern erzählt eine ganze Geschichte. Die Hauptpersonen sind auf jedem Bild mehrmals zu sehen. Nebenszenen im Hintergrund beschreiben das Vorher und Danach der Hauptszene im Vordergrund.
  9. Auffallend viele Vögel sind zu sehen, 56 steht im Buch (ohne Vogelschwärme im Hintergrund), 27 verschiedene Arten. Ich überlege mir, ob ich 27 verschiedene heimische Vogelarten überhaupt aufzählen könnte. Wenn, dann eher knapp.
  10. Die Vögel sind Symbole für Unsterblichkeit (Paradiesvogel) oder Keuschheit (Taube), für Verkünden (Häher), für Reinigung (Stieglitz), für Wiederauferstehung (Goldfasan), Sieg der Schwachen (Zaunkönig), Verderben (Elster).
  11. Würfel und Spielkarten sind dargestellt, um Lasterhaftigkeit zu symbolisieren (ein Kartenspiel davon ähnelt dem Vorarlberger Jassen). Aber nicht nur das, auch Alkohol ist den Lasterhaften beigegeben. Und – eher überraschend für mich – Erektionen.
  12. Die Bösen haben deutliche Ausbeulungen im Schritt. Ich hätte das gar nicht gemerkt, wenn ich nicht Judas bei der Abendmahlszene genauer angesehen hätte. Seine Erektion ist die deutlichste.
  13. Judas empfängt gerade das Brot von Jesus. Gierig will er es schnappen, da fliegt ihm eine Fliege in den Mund. Dabei stößt er eine Karaffe mit Wein unter dem Tisch um.
  14. Ein Jünger schläft beim Abendmahl, ein anderer schnäuzt sich auf den Boden. Das sei ein Symbol der Reinigung, steht im Buch.
  15. Auf der Geißelungstafel spuckt Einer der Peiniger Jesus ins Gesicht, das sieht aus, wie eine Bubblegum-Blase. Im Hintergrund trägt Pilatus einen Turban, an dem an einer Falkenschnur ein Wanderfalke festgebunden ist. Eine gelb-schwarze Doppeladlerfahne weht vom Turm. Es ist nicht gesichert, ob diese die Habsburger als unterdrückende Obrigkeit symbolisiert, oder ob sie das römische Reich repräsentiert.
  16. In der Kreuzigungsszene hat Maria Magdalena mehr Schmuck als die anderen Frauen. Der zur Verdammnis verurteilte Mitgekreuzigte hat auch wieder eine deutliche Ausbeulung unter dem Lendenschurz. Ein angezogener Jesus stürzt unter dem Kreuz, ein nackter wird ins Grab gelegt.
  17. Bei der Auferstehung schwebt Jesus, er trägt einen goldenen Reichsapfel, besoffene Wächter liegen herum (mit Erektionen), abstrakte Wesen stürzen aus dem Himmel, die vier Grabsiegel sind nicht erbrochen, im Hintergrund entsteigen Tote ihren Gräbern. Diese sehen fast expressionistisch aus. Wie von Munch vielleicht.
  18. Die sich verabschiedenden Apostel sehen entspannter aus als in den anderen Szenen. Jeder der Apostel hat ein Symboltier bei sich, vom Eisvogel bis zum Rebhuhn. Auf diesen beiden Bildern werden nicht verschiedene Geschichten gleichzeitig erzählt. Die Landschaft im Hintergrund erinnert mich an Niederländische Malerei. In dem Buch steht auch, dass Ratgeb zumindest den Isenheimer Altar und Bilder von Holbein gekannt haben, also durchaus weit herumgekommen sein muss.
  19. Ich stelle mir vor, wie das damals auf die KirchgängerInnen gewirkt haben muss, diese Symbolik, die alle gleich erkannt haben werden, diese teilweise sehr expliziten Darstellungen von Sünde und Verwerflichkeit.
  20. Da lese ich, die Inschriften um die Tafeln stammen hauptsächlich aus dem Alten Testament und das sei ein Indiz dafür, dass dies kein Altar für allgemeine KirchgängerInnen war, sondern eine Meditationsquelle für die ansässigen Mönche. Wobei ziemlich viele Erektionen vorkommen für dieses kontemplative Unterfangen.
  21. Die Zitate des Alten Testaments passen zu den Szenen des Neuen Testaments und bringen diese in Kontext. Das sei eine Tradition, die seit dem Mittelalter bestand, steht im Buch. Leider wird nicht erklärt, welche Textstellen wie zu den Bildern passen.
  22. Nachdem ich das Buch gelesen habe, schaue ich die Bilder immer wieder an, finde immer wieder ein Detail, das mir bisher entgangen ist, und zu dem es keine Erklärung in dem Buch gibt. Ich habe das Gefühl, ich habe etwas besser hinzuschauen gelernt. Ich weiß jetzt auch, was mir alles entgehen kann, wenn ich durch ein Museum mit hunderten und tausenden Bildern gehe. Und was alles ich nicht erfassen kann.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Pensées: Herrenberger Altar

  1. simon schreibt:

    Hallo Karin, das erinnert mich an den Creglingberger Altar. Ein Kasten, wie er würde hier auch hinpassen. Servus! Simon

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