Heimat

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„Heimatlos und viel zu Hause“, singt Sven Regener im Song Rette mich (vor mir selber). „Heimat“ war bei uns in der Familie auch oft ein Thema. Meine Mutter fühlte sich heimatlos. Sie zog von zu Hause fort, als sie 17 Jahre alt war. Weil sie etwas von der Welt sehen wollte, nicht von der großen Welt, aber wenigstens aus dem Dorf herauskommen. Im Dorf hatte sie mit ihrer Mutter, ihrem Onkel und einer alten Großtante in ihrem Elternhaus gewohnt. Der Onkel war der Chef. Ihre Mutter hatte nichts zu bestimmen. Sie schon gar nicht.

Als der Onkel heiratete, blieb seine Frau bei ihren Eltern, bis das zweite Kind auf die Welt kam. Ihre Mutter wollte sich, als sie von der Heirat erfuhr, ein Häuschen herrichten, das sie geerbt hatte. Doch der Onkel brauchte eine Arbeitskraft und verbot das.

An dem Tag, als die Frau des Onkels doch zu ihm zog, warf er seine Schwester mit Kind hinaus. Meine Mutter und meine Oma mussten bei Verwandten unterkommen, bis das Häuschen einzugsfertig war.

Einige Monate nach dem Einzug wurde das Haus bei einem Hochwasser zerstört. Sie mussten wieder bei den Verwandten unterkommen. Drei Jahre lang, bis ein neues Haus gebaut war. Im Sommer schliefen sie auf dem Dachboden, im Winter in der Küche. Immer zusammen in einem Einzelbett.

Der Tag, an dem sie ins eigene Haus zog, war einer der schönsten, die meine Mutter bis dahin hatte.

Zwei Jahre später ging sie weg von zu Hause. Nach Oberösterreich, nach Tirol, nach Niederösterreich, nach Wien und nach Salzburg. Als Hausangestellte. Sie wohnte bei den Menschen, für die sie arbeitete. Sie hatte kein eigenes Zuhause. Sie fühlte sich heimatlos.

Mir ging es ähnlich. Ich wohnte mit ihr in schönen Villen, manchmal hatte ich ein eigenes Zimmer, meistens aber eines zusammen mit meiner Mutter. Garten und Pool durfte ich mitbenutzen, wenn ich mich ruhig verhielt. Ziemlich nobel. Aber ich wusste, dass das nicht mein Zuhause war.

Mein erstes richtiges Zuhause war meine Studentenwohnung in Wien. Die gehörte mir. Also gemietet war sie und ich wohnte mit meinem Freund dort. Aber ich konnte bestimmen (er natürlich auch).

Nach dem Studium zog ich nach Vorarlberg. Zuerst in eine Mietswohnung. Als Anna zur Welt kam, suchten wir ein Haus. Hier wohnen wir jetzt noch. Hier ist mein Zuhause. Meine Heimat.

„Heimat“ ist ein Begriff, der sehr belastet ist, deshalb verwende ich ihn nicht gerne. Blut und Boden fällt mir ein dazu. Heimat wird auch anders verwendet als Zuhause. Größer, mehr als das unmittelbare Umfeld. Als wäre da etwas Genetisches, etwas im Blut, das an den Boden bindet. Eine hässliche Vorstellung. Eine Vorstellung, die immer impliziert, dass jede, die nicht hier geboren ist, nur geduldeter Gast ist. Bei Menschen, die Vorfahren aus anderen Ländern haben, reicht es n der allgemeinen Wahrnehmung oft nicht einmal, hier geboren zu sein und/oder die Staatsbürgerschaft zu besitzen. Das ist so hässlich.

Ich bin in Vorarlberg zu Hause. Hier habe ich am längsten gelebt in meinem Leben. Hier ist meine Familie. Hier sind meine Freunde. Hier gefällt es mir. Ich weiß, ich bin in einer sehr privilegierten Position, das einfach behaupten zu können, ohne einen Eklat auszulösen (mild mitleidiges Lächeln ist aber eine Reaktion auf diese Aussage).

Anderen wird nicht einmal die Chance gegeben, sich zu Hause zu fühlen. Obwohl viele von ihnen ihre Heimat verlassen haben oder aus ihr vertrieben wurden, oder „ihre Heimat“ gar nicht einmal kennen, weil sie hier geboren wurden.

Heimat ist für mich der Ort, an dem ich meinen Lebensmittelpunkt habe und an dem ich bleiben möchte, an dem ich meine eigenen Belange selbst bestimmen kann. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Heimat

  1. joe83 schreibt:

    ich bevorzuge das wort zuhause. aber ansonsten sehe ich das wie du

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