Pensées: Auf nackter Haut

  1. CIMG0591Die Sonderausstellung im Haus der Geschichte in Stuttgart heißt „Auf nackter Haut“ und zeigt: Unterwäsche.
  2. Die Ausstellungsräume befinden sich im Keller des Museums. Eine Wirkmaschine von ca. 1900 steht dort, automatisch verfertigte sie Netzschläuche, aus denen dann Unterwäsche genäht wurde. Ich fotografiere die Maschine. Ein distinguierter Herr, so einer, wie ich mir vorstellen würde, dass er auf Unterwäsche aufpasst, streckt einen Finger in die Höhe und schüttelt ihn. Fotografieren ist hier verboten.
  3. In den Vitrinen hängen Wäschestücke von etwa 1900 bis 2000. Viele von ihnen sehen nicht gerade spektakulär aus. Ich denke schon, dass ich mich hier langweilen werde, da beginne ich die Texte zu lesen.
  4. Unterwäsche für den Mann war vor 1900 meist ein Hemd, dessen Zipfel an den Beinen zusammengebunden wurden. So hatte man auch eine Unterhose. Nicht selten wurden die Zipfel abends aufgebunden und der Mann hatte gleich auch ein Nachthemd an. Unterhosen trug man damals nicht.
  5. Als man Hygiene zu verstehen begann, bildeten sich Vereine, die gesunde Leibwäsche propagierten. Zwei Schulen bildeten sich heraus – jene, die Wollwäsche („wetterfest, affektfest, seuchenfest“ war ein Werbespruch der Firma Jäger), und jene, die Baumwollwäsche für die beste Wahl hielt („Abhärtungswäsche“ der Firma Schiesser).
  6. Frauen versuchten, andere Frauen dazu zu bringen, sich aus dem Korsett zu befreien.
  7. Frauenhemden hatten taschenartige Einnäher, in denen die Brüste Platz hatten. Mit Umstickung in Rosa.
  8. Durch den ersten Weltkrieg verloren deutsche Wäschehersteller Baumwolllieferanten. Sie experimentierten mit Fasern aus Papier und Brennnesseln.
  9. In den Zwanzigerjahren wurden Badeanstalten beliebt und die Bademode knapper und bunter. 1932 wurde eine Badeanzugsverordnung erlassen: „nach wie vor verboten sind Büstenhalter und Höschen, ferner Anzüge, die einen Teil des Leibes freilassen, sowie die Benutzung der Männerbadehose in Familienbädern.“
  10. Kurze Unterhosen (wie sie in meiner Jugend der Inbegriff von Uncoolness waren, dennoch aber von vielen noch getragen wurden) kamen Mitter der Dreißigerjahre in Deutschland auf. „Piccolo-Höschen“ nannte Schiesser diese.
  11. Uniformhemden für nationalsozialistische Parteiorganisationen unterlagen strengen Bestimmungen. Die Herstellerbetriebe wurden genau überwacht. Nach 1939 war es nicht mehr erlaubt, die Hemden nach zertifizierten Schnittmustern selbst zu nähen. Trikots trugen am Etikett die Aufschrift: „Vorschriftsmäßige SA Sportbekleidung“.
  12. Ab 1939 wurde die Reichskleiderkarte eingeführt. Nur mit ihr konnte man Textilien kaufen. Textilbetriebe mussten jedoch ohnehin vorwiegend für Wehrmacht und Rüstungsindustrie produzieren. Die Firma Schiesser erhielt den Titel „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“.
  13. In den Fünfzigerjahren wurden Nylonstrümpfe zu Alltagsware. Trotzdem wurden noch viele Perlonstrümpfe verkauft. Die Farbpalette  von Benger hatte die Namen: Brandy, Bast, Whisky, Flirt, Export, Havanna und – für graue Beine – Anthrazit.
  14. Das Baby Doll hat seinen Namen von einem Film von Elia Kazan aus 1956. Schiesser bezeichnete es aber nicht so, sondern: „Jugendliches Nachthemd, Hängerform“, was deutlich weniger sexistisch war.
  15. In den Sechzigerjahren war körperformende Unterwäsche sehr populär. „S-line … macht mehr aus Ihrer Figur“ lautete der Slogan von Schiesser.
  16. Feinripp setzte sich für Herrenunterwäsche durch. Der kurze Slip mit „einseitigem Eingriff“ wurde unter vielen Modellnamen verkauft – neben „Sven“ und „Erwin“ gab es auch ein Modell „Eros“, dem mein untrainiertes Auge jedoch keine höhere Erotik beimessen kann, als den konservativer benannten Slips.
  17. „Frei – aber nicht haltlos. Das ist der Busen 1974. Das sind die Luftleichten“ warb Schiesser 1974 für einen leichten BH, der die enge Miederwäsche ersetzen sollte.
  18. In dieser Zeit setzt sich ein Verfahren durch, das BH-Körbchen thermisch formt und so Nähte über der Brust unnötig macht.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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