Sexuelle Belästigung

Sexuelle Belästigung war etwas, mit dem eine Frau leben musste, als ich jung war, vor 25 Jahren. Mir ist vergleichsweise wenig passiert: Jemand, der sich in der U-Bahn an mich drückte. Jemand, der mir die Hand auf die Brust legte, als ich auf einer Parkbank schlief. Jemand, der sich hinter einer Hecke versteckte und sich einen runterholte, als ich mit einer Freundin im Park saß.

Einmal wäre fast mehr passiert. Ich war ungefähr 17 Jahre alt und um in die Stadt zu meinen Freundinnen zu kommen, musste ich durch einen Park. Ich fuhr mit dem Fahrrad. Am Rückweg kam eine kleine Steigung, gerade so steil, dass ich vom Fahrrad absaß und mit dem Fahrrad zwischen den Beinen drei oder vier Schritte ging, bis ich wieder aufsteigen konnte. Das tat ich auch an jenem Sommerabend, als ich von meinen Freundinnen in der Stadt nach Hause fuhr. Plötzlich kam jemand von hinten und griff mir unter den Rock. Er sagte kein Wort, ich hörte ihn atmen. Ich erschrak und in einem Reflex drosch ich ihm, so fest ich konnte, meine Faust auf den Kopf. Er rannte davon.

Ich weiß nicht, ob mich dieser Schlag an diesem Abend rettete, oder ein Stück Watte. Ich hatte meine Tage und aus irgendeinem Grund, den ich mir bis heute nicht erklären kann, trug ich keinen Tampon, sondern eine von diesen dicken wattierten Binden, die man auch damals schon nicht mehr trug. Der Angreifer muss sie gespürt haben. Vielleicht hatte er Angst davor.

Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl, das ich damals hatte. Das Herz raste mir, ich versuchte, so schnell ich nur konnte, nach Hause zu radeln. Zum ersten Mal spürte ich, dass ich nicht unverwundbar war (vorher hatte ich irgendwie das Gefühl, Gefahr wäre etwas für alte Menschen), dass ich nicht einfach so gefahrlos hingehen konnte, wohin ich wollte.

Das alles war ein Schock für mich, ich verdrängte instinktiv das Erlebnis so sehr, dass ich, noch bevor ich nach Hause kam, gar nicht mehr genau wusste, ob es überhaupt passiert war, oder ob ich mir das nur ausgedacht hatte. Es schien keine zehn Minuten später so surreal, dass ich es nicht in Worte fassen konnte.

Angezeigt hätte ich den Typen nie, ich wusste ja nicht, wer er war, und passiert war mir auch nichts. Und ich redete mir ein, es wäre eben eine einmalige Zufallssache gewesen. Durch den Park bin ich nie wieder bei Nacht gefahren. Nur noch auf dem längeren Weg über die hell erleuchtete Straße.

Erzählt habe ich niemanden etwas davon. Da war eine Scham, dass mir so etwas passieren konnte. Eine Scham, dass ich nicht ausreichend auf mich aufgepasst hatte. Ich kann mir diese Scham heute nicht mehr erklären. Damals war sie mir selbstverständlich. Ich hatte versagt.

Scham und Versagen hat überhaupt mein Verständnis von Sex geprägt. Verstörender als das Erlebnis im Park waren für mich andere Erlebnisse, die man nicht einmal direkt als sexuelle Belästigung definieren würde. Ich habe es zumindest nicht getan, obwohl es mehrmals passierte mit verschiedenen jungen Männern. Ich flirtete mit dem Mann, wir verstanden uns gut und hatten Spaß. Als ich dann aber nicht mit ihm nach Hause gehen und Sex haben wollte, sagte er: „Du bist sicher eh total schlecht im Bett.“

Damals schon wusste ich, das war nur gekränkte Eitelkeit und nichts steckte dahinter. Aber es nagte an mir. Ich hatte das Gefühl, guter Sex wäre eine Bringschuld der Frau. Und könnte sie den nicht liefern, dann hätte sie als Frau versagt. Ich habe keine Ahnung, warum ich so dachte, aber die Ängste und Unsicherheiten konnte ich jahrelang nicht ablegen. Ich weiß nicht, ob andere Frauen ähnlich dachten wie ich. Über Sex sprachen wir damals nicht. Und schon gar nicht über Ängste bezüglich Sex. Es war eine Atmosphäre, in der viel verdrängt wurde, in der Frauen klein gemacht wurden, in der man zu funktionieren hatte, oder man war eine Versagerin.

Aber wie gesagt, mir ist nicht viel passiert. Im Laufe der Zeit, als wir doch auch über solche Dinge sprachen, erfuhr ich von verschiedenen Freundinnen, dass sie vergewaltigt wurden, als sie jung waren. Nicht von Fremden, die ihnen auflauerten, sondern von ihren Exfreunden oder von Männern, mit denen sie freiwillig mitgingen. Angezeigt hat das keine einzige von ihnen. Damals, als das passierte, diskutierte man darüber, ob Date-Rape überhaupt eine Vergewaltigung sein kann. Weil der Mann doch irgendwie ein Recht darauf hatte, wenn er sich schon einen Abend lang mit einer Frau abgegeben hatte (oder so ähnlich). Weil sie ihn „heiß gemacht“ hatte und jetzt nicht einfach einen Rückzieher machen konnte.

Damals war das so. Wenn etwas passierte, war das die Schuld der Frau. Ihr Versagen. Ihre Traumatisierung kümmerte niemanden.

Ich hoffe, dass sich unsere Gesellschaft in den letzten 25 Jahren diesbezüglich weiterentwickelt hat. Wenn ich heute Diskussionen und Berichte zu diesem Thema lese, befürchte ich, dass sich noch viel zu wenig geändert hat.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Tag für Tag abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s