Pensées: Ein Ausflug nach Rom, Teil 1

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  1. Am nächsten Tag fahren wir nach Rom. Schon um halb Sieben stehen wir auf und fahren mit dem Auto zum Bahnhof in der Nachbarstadt. An der Bar essen wir Brioches, kaufen eine Fahrkarte (der Automat nimmt kein Bargeld, nur Kreditkarten) und gehen zum Bahnsteig. Der ist voller Pendler, die ähnlich verschlafen wie ich aussehen.
  2. Ich freue mich auf Rom. Zweimal habe ich dort schon eine Woche verbracht. Zu ersten Mal, als ich sieben Jahre alt war. Das war auch meine erste Flugreise. Das zweite Mal, als ich vierzehn Jahre alt war. Zum ersten Mal fuhr ich alleine mit dem Zug in ein anderes Land. Meinen ersten Kuss hätte ich dort beinahe bekommen .
  3. Danach war ich nur einmal noch für einen Tag in Rom.
  4. Ich erinnere mich an die schnarrige Stimme: „Roma Termini, Roma Ternini.“
  5. Als wir ankommen, ruft das eine Frauenstimme. Es ist nicht das Gleiche.
  6. Es wird ein heißer Tag. Weil ich so etwas schon befürchtet habe, bestellte ich schon zu Hause Tickets für die Vatikanischen Museen. Dort ist es sicher klimatisiert, dachte ich, sonst gehen ja die Kunstschätze kaputt. Die Tickets müssen nicht nur für einen bestimmten Tag bestellt werden, sondern auch für eine bestimmte Stunde. Man habe den Ausdruck des Tickets vorzuweisen und einen Ausweis, steht auf den Tickets. Ein Aufsatz darüber, warum man das Museum ansehen möchte, wird nicht verlangt.
  7. Es ist halb neun Uhr morgens und die Tickets sind für halb elf ausgestellt.
  8. Wir gehen zur U-Bahn, die zum Vatikan fährt.
  9. Weit vor der Station sammeln sich Menschentrauben. So viele Menschen, die auf eine U-Bahn warten, habe ich bisher nur bei Fußballspielen gesehen. Hier ist ein ganz normaler Dienstagmorgen.
  10. Wir müssen fünf oder sechs U-Bahnen abwarten, bevor wir in einen Waggon einsteigen können. Die Züge kommen im 3-Minutentakt. Es kommt fast bei jedem Einsteigen zu Streit und Schubsereien.
  11. Ich bin sehr froh, ohne die Kinder hier zu sein. Ich hätte Panikattacken bekommen. So quetsche ich mich zwischen einen korpulenten Mann und eine kleine Frau mit großer Lockenfrisur. Die Locken kitzeln mich in der Nase. Sie sind frisch gewaschen, also ist es nicht so schlimm.
  12. Kaum kommen wir von der U-Bahn an die Oberfläche der Stadt, werden wir von Keilern angesprochen: „Haben Sie Tickets für das Museum? Sie können die hier kaufen.“
  13. Hundert Mal sage ich „Ja, wir haben Tickets.“
  14. Hundert Mal werde ich wieder angesprochen. Ich überlege ernsthaft, ob ich mir das Ticket um den Hals hängen soll, um meine Ruhe zu haben.
  15. Der Petersplatz wirkt auf den ersten Blick, wie ich ihn in Erinnerung habe.
  16. Touristen stehen schon um den halben Platz herum, um in den Petersdom zu kommen.
  17. Dort muss man angeblich keinen Eintritt zahlen, aber so wie sich die Schlange bewegt, ist die Wartezeit mindestens eine Stunde.
  18. Ich sehe mich auf dem Platz um. Im Boden um den zentralen Springbrunnen sind Plaketten eingelassen, die Himmelsrichtungen die die zugehörigen Winde anzeigen.
  19. Weiter außen sind die Sternzeichen angegeben. Ein bisschen esoterisch kommt mir das vor im Herzen der katholischen Kirche.
  20. Auf den Dächern und in den Nischen stehen Statuen. Von Heiligen vermutlich. Einige Frauen sind dargestellt. Aber nicht sehr viele.
  21. In einer Nische steht eine Frau mit einem Spiegel und einer Schlange. Wie eine Heilige sieht sie nicht aus. Aber ich finde auch zu Hause nicht heraus, wen sie darstellen soll.
  22. Auf dem Brunnen in der Mitte des Platzes ist ein Drache dargestellt.
  23. Langsam wird es heiß. Die Warteschlange reicht um den gesamten Platz herum. Viele Menschen schützen sich mit Schirmen gegen die Sonne.
  24. Wir gehen zum Museum, vorbei an Souvenirständen mit dem Osservatrore Romano in verschiedenen Sprachen. Und werden weiter ständig von Museumskeilern angesprochen.
  25. Die Schlange vor dem Museum ist sicher 500 Meter lang. Menschen sitzen in der prallen Sonne auf der Straße. Nichts scheint sich vorwärts zu bewegen.
  26. Wir gehen an der Schlange vorbei. Vor dem Eingang müssen wir die Tickets vorzeigen. Im Museum hat sich eine Warteschlange vor den Schaltern gebildet. Dort müssen wir anstehen, um mit dem Ticketausdruck zu einem Ticket zu kommen. Die Frau vor mir möchte ein Ticket mit Geld kaufen. Alle sehen sie mitleidig an. Der Museumsangestellte schickt sie weg. Sie tut mir leid. Eine einzige Frau, die es durch diese Hochsicherheitsonlineticketschleuse geschafft hat könnte man doch mit einem Ticket belohnen.
  27. Aber Vorschrift ist Vorschrift. Und wir sind endlich drin.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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