Pensées: Ein Ausflug nach Rom – Vatikanische Museen

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  1. Als ich endlich das Ticket in der Hand halte, denke ich, nun kann ein entspannter und kühl klimatisierter Museumsbesuch beginnen.
  2. Aber weit gefehlt.
  3. Ein dicker aus Menschen bestehender Wurm schiebt sich durch die Gänge. Schilder weisen nach der Sixtinischen Kapelle und den Stanzen von Raphael, zu einem längeren Rundweg und einem kürzeren. Wir wählen den längeren und werden vom menschlichen Wurm in peristaltischen Bewegungen durch die Gänge verdaut.
  4. Heiß ist es auch.
  5. Und stickig.
  6. Nur manchmal steht ein Klimagerät ein einer Ecke. Das danebenstehende Kunstwerk wird von vielen abkühlungsbedürftigen Menschen aufmerksam und lange betrachtet.
  7. Von uns auch. Denn es ist wirklich stickig und heiß.
  8. Ägyptische Kunstwerke sind in den ersten Räumen ausgestellt.
  9. Hapi, der Gott des Nils, mit Kinnbart und Hängebrüsten fällt mir auf. Ich wundere mich, inwieweit diese nicht eindeutige Geschlechtszuordnung im alten Ägypten nur einem Gott vorbehalten war.
  10. Assyrische und römische Kunstwerke sind auch ausgestellt.
  11. Einen Sarkophag mit einem Hafen, einer Aphrodite (selbstverständlich mit entblößter Brust), einem Helden und mehreren Häusern finde ich sehr interessant. Ich würde gerne die Ikonographie dieses Werks ergründen, erfahren, was die Häuser darstellen und wen die Menschen.
  12. Kurz danach hat sich eine Traube aus Menschen gebildet. Zwischen mehreren Köpfen sehe ich die Laokoon-Gruppe. Dieses Werk berührt mich nicht. Ich sehe es auch nicht in seiner Gesamtheit und werde abgedrängt.
  13. In einem Raum sind nur Statuen von Tieren ausgestellt. Auf der einen Seite ein Schaf und eine Muttersau und andere Haustiere. Auf der anderen Seite Löwen. Eine Statue stellt einen Hirschen dar, auf dessen Rücken ein Tier, das von hinten wie ein Nilpferd aussieht, sitzt. Vor vorne kann ich es nicht sehen, der Raum ist mit einem Seil abgesperrt.
  14. Vorbei an Kunstwerken und Deckengemälden, teils interessant, teils seltsam, werden wir in einen langen Gang gespült. Hier sind an die Wände die verschiedenen Regionen Italiens gemalt. Oberflächlich betrachtet, sind es nur Landkarten. Aber schaut man genauer, sind auf jede Karte historische Szenen aus der jeweiligen Region. Auf einer Karte entdecke ich die Worte „Iacta est alea“, quer über den Rubikon geschrieben. Auf einer anderen Hannibal und seine Elefanten.
  15. Ich würde gerne Szenen und Wörter auf allen Karten herausfinden, aber dafür wollen zu viele Menschen die Karten ansehen und die Zeit reicht nicht aus. Stattdessen kaufe ich mir das Buch, das die Karten beschreibt.
  16. Es ist immer noch stickig und heiß. Schilder, die die Sixtinische Kapelle ausweisen, wirken auf mich wie Durchhalteparolen.
  17. Ein Wandteppich im nächsten Raum zeigt ein letztes Abendmahl, bei dem Jesus ein Spanferkel auf dem Teller hat. Eine seltsame Ikonographie, die ich in dieser Form noch nie gesehen habe.
  18. Die Stanzen des Raphael folgen. Die sind auch schon seit geraumer Zeit angeschrieben.
  19. Historische und allegorische Szenen schmücken die Räume. Krieg und Gemetzel kommen viel vor, aber auch Segnungen. Auch hier wüsste ich gerne, was sie bedeuten. Auch hier komme ich nicht dazu genauer nachzusehen. Der Menschenstrom treibt mich weiter.
  20. In einem Raum sind schöne Landkarten und Globen ausgestellt. Die Wände sind mit historischen Szenen bemalt –  die Aufstellung des Obelisken auf dem Petersplatz in 1585, ein Treffen von Joseph II mit dem Papst in Wien – und mit Stadtplänen.
  21. Relativ unmotiviert wird alter Schmuck ausgestellt. Und danach alte sakrale Kunst, die sehr interessant ist. Einige Bilder von Raphael, da Vinci und Caravaggio. Und ein sehr lustiger Garten Eden von Wenzel Peter mit allen nur erdenklichen exotischen Tieren.
  22. Moderne Kunst wird auch gezeigt, die irgendetwas mit dem Vatikan zu tun hat und zum Teil eher scheußlich auf mich wirkt. Die ist über Treppen zu erreichen, die zur Sixtinischen Kapelle führen.
  23. Die Kapelle wirkt sehr überfüllt. Als ich sie mit meinem eleganten, aber ärmellosen Kleid betrete, stürzt sich ein Museumsaufseher mit einem Tuch auf mich, als hätte ich gerade versucht, als Flitzerin nackt die Kapelle zu durchqueren. Folgsam wickele ich mir das Tuch um die Schultern. Denke aber, in so einem kommerziell-touristisch genutzten Museum ist dieses Getue eher bescheuert.
  24. Die Kapelle fasziniert mich sehr, aber eher die Wandgemälde als das Deckengemälde mit Gott und Adam, das aufgrund der Häufigkeit der Darstellung in allen möglichen Werbebildern eher inflationär scheint.
  25. Als ich gerade herauszufinden versuche, welche Szenen auf den Wänden dargestellt sind, brüllt ein Wärter neben mir in ein Mikrofon: „Silenzio“, dass ich fast einen Hörsturz bekomme.
  26. Die Vatikanischen Museen sind ein seltsames, verstörendes und wunderbares Erlebnis. Ich würde gerne einmal im Monat ein bisschen davon ganz genau ansehen, am besten, wenn wenige Besucher im Museum sind.
  27. Aber das ist leider ist das nicht möglich.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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