Cultural Appropriation

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Über Cultural Appropriation wird viel und erhitzt diskutiert. Mal geht es um schlechtes Kantinenessen, mal um Bauchtanz oder Joga, dann wieder um Schmuck in Musikvideos. Schmuck ist immer wieder ein Thema. Darf man überhaupt gedehnte Ohrlöcher haben?, wird gefragt.

Was mir auffällt, ist, dass der Diskurs sehr oft von Unwissen geprägt ist. Bei Studentenprotesten gegen Cultural Appropriation durch den Koch einer Kantine in Ohio wurde bemängelt, dass General Tso’s chicken nicht ordnungsgemäß zubereitet wurde, wie das traditionell in China üblich sei. Dieses Gericht stammt aber gar nicht aus China und wurde für den US-Amerikanischen Geschmack speziell adaptiert. Eine Netflix-Dokumentation zeigt sehr schön die Entwicklung des Gerichts und wie es auch dazu beigetragen hat, die Vorurteile gegenüber Menschen chinesischer Abstammung in den USA zu verringern.

Auch bei gedehnten Ohrlöchern wird gesagt, man nehme „anderen Kulturen“ etwas weg. Oft wird nicht einmal spezifiziert, welche Kulturen das sind. Aus Afrika eben. Oder so. Bestenfalls könne man die Ohrlöcher gedehnt tragen, wenn man sich intensiv mit dieser – eher diffusen – Kultur und allen ihren Facetten beschäftigt hat.

Gedehnte Ohrringe gab es bei KönigInnen im alten Ägypten, bei Perserkönigen, bei Herrschern der Azteken und Mayas, Sillaherrschen in Korea, Massaikriegern in Kenia, Fulani in Niger, Inuit, Cherokees, bei Buddha, bei Stauen auf den Osterinseln. Gedehnte Ohrlöcher gab es sogar in Europa: Ötzi hatte sie, auf etruskischen Statuen sind sie zu finden. Es gibt noch viele Beispiele aus allen Zeiten und Kontinenten. Gedehnte Ohrlöcher bedeuteten Macht, Reichtum, Status, Initiation, Anerkennung oder einfach nur Schmuck.

Es gibt nicht „die eine“ Kultur, die man sich mit gedehnten Ohrlöchern aneignet. Ich meine auch, man braucht sich nicht für eine Kultur, die man damit nachmacht, zu entscheiden. Man muss nicht einmal viel über verschiedene Kulturen, die gedehnte Ohrlöcher haben, wissen. Es gibt auch nicht mehr wirklich einen Zusammenhang.

Aber natürlich ist es schön, sich mit anderen Kulturen – vergangenen und aktuellen – zu beschäftigen, sich für sie zu interessieren. Mir gefällt es, darüber nachzudenken, wer schon ähnlichen Schmuck getragen hat. Und davon zu träumen, wie das denn wohl war.

Was mir beim Diskurs über Cultural Appropriation noch mehr zu denken gibt als die offensichtliche Unwissenheit, ist die Bevormundung. Und nicht nur die Bevormundung der Kulturen, die als schützenswert auserkoren werden (ich habe in diesem Zusammenhang von „brown culture“ gelesen, als wären Kulturen aus Indien, Mexiko, Brasilien, Indonesien, etc. unter einem Begriff zusammenfassbar) sondern auch die implizierte Bevormundung jener, die sich für Elemente einer anderen Kultur interessieren und ein kleines Stück daraus für sich selbst adaptieren wollen.

Der Diskurs beschäftigt sich immer damit, was man zu unterlassen hat, nie damit, was man zu tun hat. Und was ist das? Streng genommen bedeutet völlige Ablehnung von Cultural Appropriation eine große kulturelle Einschränkung. Anstatt sich zu interessieren, mitzumachen, Vorurteile abzubauen, hat man in der eigenen Kultur zu verbleiben.

Die Grenzen dieser Kultur sind auch seltsam definiert. Eigentlich dürfte mein Schmuck nur aus Granaten und Hirschzähnen bestehen, das entspräche meiner alpenländischen Kultur. Aber mir wird durchaus zugestanden, mich innerhalb einer gesamteuropäischen Kultur zu schmücken und mir nordamerikanische Kulturelemente anzueignen. Weil das „weiße Kultur“ ist.

Die Einteilung in „weiße“ und „braune“ Kultur ist willkürlich, rassistisch und falsch. Sie zeugt von Bevormundung und Desinteresse. Sie schränkt ein, anstatt zu interagieren. Sie schafft Grenzen, wo sie diese abbauen sollte.

Niemanden wird etwas weggenommen, wenn etwas Neues geschaffen wird.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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9 Antworten zu Cultural Appropriation

  1. Isabelle schreibt:

    Hallo, ich habe deinen Text schon vor längerer Zeit gewesen und war mir in der Bewertung etwas unschlüssig.

    Für mich waren/sind Piercings oder Tattoos ein feministischer Akt. Ich war 17, als ich mein Septum piercte und begann, meine Ohren zu dehnen. Damit übernahm ich die Kontrolle und eroberte die Macht über meinen eigenen Körper, legte die Schönheitsnormen selbst fest und definierte meine Weiblichkeit selbst. Es war für mich persönlich – aus privilegierter Position selbstverständlich – ein kleiner revolutionärer Punk-Akt, weil 1995 sowas noch nicht allgegenwärtig war. Zwei Jahrzehnte später sind Piercings omnipräsent und kaum jemand zückt mehr die Augenbraue, wenn er mich sieht, anders als damals.

    Das liegt wohl auch an der Modeindustrie, die sich ja sich immer an alternativen Subkulturen bedient hat und Zeichen dieser Subkulturen in den Mainstream eingebracht hat, diese kommerzialisiert, ausgebeutet hat. Das war und ist mir durchaus bewusst, sodass ich, als ich erstmals mitbekommen habe, dass das, was ich getan habe und trage, als unzulässige Cultural Appropriation gewertet werden kann – von manchen gewertet wird – nicht von vornherein und unhinterfragt als Quatsch abgetan habe, obwohl ich instinktiv wusste – oder glaubte zu wissen – , dass ich nichts falsch machte, als ich damit begann.

    Ich ging also in mich, versuchte meine Motivlage zu hinterfragen und mich zu informieren und kam dabei zu folgendem Ergebnis: Als Teenager wusste ich zwar, dass Ohrendehnungen in diversen außereuropäischen Kulturen verbreitet waren, aber es kam mir nie in den Sinn, dass ich mir dadurch, dass ich mir die Ohrlöcher dehnte, eine „andere“ Kultur aneignen konnte. Auch Septumschmuck kannte ich aus irgendwelchen Dokumentationen über „fremde Völker“, machte aber nie eine Verbindung, zwischen dem, was ich in der Nase trug und diesen „Völkern“. Bei anderen Piercings, die dann dazukamen, hatte ich nicht einmal eine Assoziation zu „anderen Kulturen“.

    Nach einiger Lektüre zum Thema „Cultural Appropriation“ kam ich zum Ergebnis: die kann ein reales Problem sein. Nämlich dann, und nur dann, wenn Traditionen/Symbole usw. anderer Gemeinschaften und Gruppen herabwürdigen, indem sie sie zu ihrem Profit oder zum Spott ausbeuten. Wenn Menschen die Kultur einer unterdrückten Gruppen ohne Rücksicht auf die Geschichte, die unausgewogene Machtdynamik und den sozialen und politischen Kontext ausbeuten, dann ist das tatsächlich problematisch. (Man denke nur an „Indianerkostüme“ und ähnliches Zeug). Aber in Bezug auf meine gedehnten Ohrrlöcher und mein Septum (und alle anderen Piercings, die ich habe) fehlt es an allen Kriterien, um eine unzulässige Cultural Appropriation anzunehmen.

    – Sie sind keine Symbole/Traditionen einer bestimmten unterdrückten Gruppe:
    Historisch gesehen waren Septumpiercings unter den Azteken, Maya und Inkas beliebt. Die Praxis wurde auch in Indien, Nepal und Tibet beobachtet. Native Americans wurden von den französischen Pelzhändlern als „Nez Percs“ bezeichnet („Nase durchbohrt“). In vielen asiatischen Stämmen wird das Septumpiercing als Ritual gesehen, um Jungenzu „Männern“ zu machen.
    In Indien werden Septumringe und andere Nasenringe von muslimischen und hinduistischen Frauen getragen. Gedehnte Ohrlöcher gibt es, wie du sagst, seit Jahrtausenden auf allen Kontinenten und in den verschiedensten kulturellen Kontexten, von Ötzi bis Buddha, von den Massai bis zu den Guarani.

    – Und, noch wichtiger: es fehlt hier an jedem Motiv, eine kulturelle Tradition einer Gruppe herabzuwürdigen, zu verspotten, auszubeuten.Ganz im Gegenteil geht es ja mir – und wohl den Allermeisten, die ähnliches tragen – um Akte der Selbstbestimmung, Selbstverschönerung, quasi eines Lobs des Andersseins, der Individualität, der Universalität.

    Und dann war ich trotz dieser für mich ganz logischen Schlussfolgerungen verunsichert, bis ich vor kurzem im Zug einer Frau mit offensichtlich subsaharischen Wurzeln gegenübersaß, die auch gedehnte Ohrlöcher hatte und mich auf meine Ohrtunnel ansprach. Wir kamen ins Sprechen, und irgendwann fragte ich sie, ob sie es unpassend finde, dass ich gedehnte Ohren habe. Und sie verneinte das ganz energisch und sagte, sie freue sich über die Akzeptanz und Verbreitung, die solcher Ohrschmuck habe und befürworte sehr, dass das nicht auf mehr oder weniger willkürlich bestimmte Gruppen von Menschen beschränkt sei und deshalb auch nicht mehr möglich sei, Leute, die das – wie sie – hätten, als fremdländische Freaks zu betrachten.

    Und das hat mich dann endgültig überzeugt, dass ich der gleichen Meinung wie du bin und ich keinen Grund habe, mich meiner Piercings zu schämen. (Wir tauschten dann sogar unseren Schmuck aus, und jetzt muss ich, um ihren tragen zu können, meine Ohren auf 18mm dehnen und werde das auch ohne schlechtes Gewissen tun 🙂 )

    • Karin Koller schreibt:

      Danke für diesen ausführlichen Kommentar. Ich finde auch eine Vermischung der Kulturen ist etwas Gutes. Etwas, das Ausgrenzung verhindert, im Gegensatz zur Ausgrenzung, die jene, die ständig von Cultural Appropriation wegen jeder Kleinigkeit sprechen, fördern. Oft basiert das aus einer bevormundenden Stellung heraus und dennoch mit einer erschreckenden Unwissenheit über die verteidigte Kultur. Das ist dann die schlechteste Mischung.
      Ich verstehe aber auch, dass es Situationen gibt, in denen wirkliche jemand erniedrigt oder ausgebeutet wird. Wegen allem böswillige Cultural Appropriation zu vermuten und anzuprangern, verwässert aber die wirklichen Anliegen, für die es sich zu kämpfen lohnt.
      Und: So eine Begebenheit, wie du sie im Zug erlebt hast, finde ich klasse.

      • Isabelle schreibt:

        Danke. Ja, solche Begegnungen sind schön. Ich bereue auch nicht, dass ich mich aufgrund der Cultural Appropriation Debatte gezwungen habe, mich intensiver mit dem zu beschäftigen, was ich zuvor nur instinktiv tat (und vielleicht ahnte). Insoweit machen solche Einwände auch wenn sie sich als überzogen erweisen ja auch klüger. Ich hatte deshalb jetzt einige schöne Diskussionen mit meinen Töchtern. Und wieder Lust bekommen, mich nach 7 Jahren wieder mal piercen zu lassen. Was ich heute tun werde, mit den Töchtern.

  2. queerkate schreibt:

    danke isabelle, karin, für eure kommentare. ich überlege schon länger, meine Ohren zu dehnen, weiß aber nicht viel über die geschichte oder kulturelle bedeutungen von – gedehnten – piercings. ich habe mich versucht schlau zu machen, und, so wie es aussieht, haben solche körpermodifikationen wohl überwiegend einen außereuropäischen ursprung, was, wenn man das für sich stehen lässt, in anbetracht meines rein europäischen backgrounds eine appropriation schon möglich erscheinen lassen würde. aber wie ihr anmerkt, ist das einerseits schon aufgrund des alters dieser praktiken (war vor 3000 jahren das zentrum aller kultur, ja der ganzen menschheit, nicht außerhalb europas?) und andereseits ihrer fehlenden zuordnung zu einer bestimmten kultur wieder zweifelhaft. außerdem ist es wohl so, dass solche bodymods seit jahrzehnten im westen in bestimmten durchaus auch unterdrückten subkulturen auftreten (punks, hippies, lgtb), die mir kulturell nahestehen. ich denke, das ist auch zu berücksichtigen, weil es keinen mir zwingend erscheinenden grund gibt, für die zulässigkeit der aneignung einen cutoff irgendwann vor 1000 oder 2000 jahren zu machen und den so willkürlich festgestellten status quo als versteinert zu erhaltende praxis zu werten.

    ich assoziiere einen bestimmten stil der bodmod mit der weniger konservativen, radikaleren und politischeren lgbt-community. teil dieser zu sein, ist ein teil meiner identität, einer, den ich auch gerne visuell vertrete. ich bin ein ziemliches femme girl, und mir ist oft unangenehm, wie femme ich aussehe. ich steuere dem mit einem aggressiveren und androgyneren look. und überlege gerade deshalb, meine ohren zu dehnen, weil ein dünnes mädchen im einem blumenkleid mit kurzen haaren, stiefeln und substantiellen ohrtunneln doch ganz anderes ausstrahlt, ein fuck you gegenüber dem unterwürfigen, unpolitischen weiblichen narrativ, das die popkultur verbreitet. zudem käme noch die selbstbestimmung über mich und meinen körper, die das auch zumindest für mich 8wie war das bei euch?) ausstrahlt.

    also zusammengefasst. ich würde irgendwie gerne, bin aber irgendwie in anbetracht der prävalenz dieses ca-diskurses immer noch unsicher. entschuldigt mein gebrabbel, ich wäre für input dankbar.

  3. Musonius schreibt:

    Der hier vertretene Denkansatz ist vollkommen falsch. Es geht doch nicht darum, ob die Gefühle eines Eingeborenenhaufens irgendwo verletzt werden könnten, sondern darum, dass solche Verstümmelung in der Kultur des christlichen Abendlandes nichts verloren hatte und hat. Was ein heidnischer Steinzeitmensch in Tirol weit vor Christi Geburt praktiziert hat, ist dafür bedeutungslos. 1 Korinther 6, 19, gilt seit 1961 Jahren und beantwortet alle Fragen dazu abschließend.

    • daria1985 schreibt:

      Wie bitte? Warum sollte es nicht von Bedeutung sein, wenn Gefühle von Menschen egal woher sie kommen, verletzt werden? Ich finde Ihren Abendlanddünkel nicht nur uninformiert, sondern auch unappetitlich

  4. annazurich schreibt:

    Danke für diesen Beitrag und die nachdenkenswerten Kommentare von Isabelle und queerkate. Ich finde die Anti-PC-Brigade so grausam, dass ich dazu neige, jede Äußerung, die politisch korrektes Verhalten einfordert, instinktiv unterstützen zu wollen. Bei der Cultural-Appropriation-Debatte tue ich mir aber sehr schwer, weil mir viele Argumente nicht nur faktisch nicht gut begründet, sondern auch geradezu reaktionär erscheinen. Ich habe seit Kindheit grosse Sympathien für das ein bisschen andere, gegen den Mainstream bürstende und fand es immer schon ziemlich subversiv, die Mainstreamkultur durch Integrierung und Normalisierung ihr fremder oder gar entgegenlaufender Elemente zu öffnen. Dass so etwas, das ja den Horizont erweitert, respektlos sein soll, will mir nicht so in den Kopf. Wenn ich etwa gedehnte Ohrlöcher habe oder grosse Ohrringe trage, dann setze ich mich ja gerade den abschätzigen Blicken der Abendlandretter und Bünzlibürger aus. Wenn die und die linken Cultural-Appeopriation-Bekämpfer auf der gleichen Wellenlänge operieren, dann sollte das doch zu denken geben.

  5. ari schreibt:

    Danke für den Beitrag. Bist du denn in der Praxis Anfeindungen ausgesetzt?

    • Karin Koller schreibt:

      Nein nie.
      Ich sehe oft, dass junge Frauen für viel weniger, als in meinem Blog steht, angefeindet werden. Ich weiß nicht, warum das so ist. Junge Frauen scheinen für die Anfeinder eine viel stärkere Bedrohung darzustellen, als Frauen in meinem Alter. Ich werde sowohl bei meinen Schmuckkolumnen als auch bei Artikeln wie diesem in Ruhe gelassen. Im Gegenteil, ich bekomme Komplimente und interessante Kommentare von Menschen, die wirklich etwas sagen wollen.

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