Brüste

Vor einigen Monaten stolperte ich über das Projekt Bare Reality. 100 Frauen erzählten über ihre Brüste. 100 verschiedene Geschichten sind das (nur vier oder fünf wurden in dem Artikel, den ich sah, gezeigt). Jede Frau ließ ihre Brüste fotografieren, nur die Brüste, die Schultern, den Halsansatz. Die Gesichter sieht man nicht. Die Brüste sind alle verschieden – groß, klein, rund, länglich, hängend, schief, vernarbt, amputiert, mit großen oder kleinen Brustwarzen, in vielen verschiedenen Hauttönen, jung, alt, gepierct, tätowiert.

Einige sind dabei, die ähnlich aussehen wie meine. Nur ganz wenige sehen so aus, wie sie in der Werbung, auf Magazinen und Plakaten ständig gezeigt werden.

Als ich die Geschichten der Frauen, oder eben ihrer Brüste las, begann ich zu überlegen, was ich über meine Brüste sagen würde, ob ich überhaupt schon wirklich über sie nachgedacht habe. Mir fielen einige Dinge ein, es fiel mir aber schwer, diese in eine zusammenhängende Geschichte zu pressen. Ich wollte es aber trotzdem versuchen:

Als ich jung war, mochte ich meine Brüste (es gab nicht viele Körperteile, die ich mochte, meine Hände auch). Sie waren fest und nicht zu klein. BHs trug ich sehr selten, nur wenn es offizieller Anlass unausweichlich machte. Aber dann, als ich nach dem Studium meinen ersten richtigen Job bekam, trug ich täglich einen BH. Ich weiß nicht warum, an meinen Brüsten hatte sich nicht viel verändert, vielleicht war da ein Gefühl, BH-los nicht für voll genommen zu werden. Oder die Zeiten haben sich geändert und ich bin spießiger geworden.

Als ich schwanger wurde, spürte ich das zuerst an meinen Brüsten, sie schwollen an, spannten, fühlten sich unangenehm an, waren überempfindlich. Auch der Gynäkologe sagte vor dem ersten Ultraschall: „Ja, die Brüste sind schwanger.“

Dann wurde Anna geboren und Stillen war ganz selbstverständlich für mich. Anstrengend, ja, aber auch schön, eine Innigkeit war da, die mir gefiel. Trotzdem war ich nach acht Monaten froh, dass ich wieder aufhören konnte mit dem Stillen, dass meine Brüste mir gehörten.

Während der Stillzeit musste ich immer mit einem BH schlafen, weil sonst in der Nacht Milch auslief. Das mochte ich überhaupt nicht. Ich fühle mich eingesperrt, wenn ich nachts einen BH trage.

Lukas und Katharina habe ich auch gestillt. Nach jedem Abstillen konnte ich mir gar nicht mehr vorstellen, das Kind saugen zu lassen, obwohl die Übergangszeit von Vollstillen zu Abstillen bei uns ziemlich lang war. Es müssen Hormone sein, die das Stillen zuerst schön und danach eben nicht mehr vorstellbar oder wünschenswert machen.

Nach den Schwangerschaften blieben meine Brüste größer als vorher. Vieles hat sich verändert, besonders mein Körpergefühl. Manches ist besser geworden, es stört mich weniger, manches weiß ich jetzt besser einzusetzen, auch mir zur Freude. Meine alten Brüste hätte ich schon gerne zurück.

Was mich jetzt stört, ist, dass ich  Rückenschmerzen bekomme, wenn ich tagsüber keinen BH trage. Ich habe mich zu sehr an dieses Kleidungsstück gewöhnt. „Boob-jail“ sagte eine junge Frau in einer Serie.

Die Assoziationen, die ich zu meinen Brüsten habe, sind ziemlich BH-lastig. Vielleicht weil ich die schönen Dinge, die ich mit nackten Brüsten erlebt habe, nicht unbedingt hier erzählen möchte. Vielleicht passen diese Dinge gar nicht in das Große und Ganze meiner Brustgeschichte.

Meistens ist es so, als wären die Brüste gar nicht da, als wären sie keiner Überlegung wert. Aber, wenn ich nachdenke, dann gibt es die schönen und unbeschwerten Phasen, die schwierigen und schmerzhaften Phasen, die Phasen der Gleichgültigkeit. Kleine Geschichten. Ein Leben.

Dann denke ich, wie die Geschichten bei anderen Körperteilen aussehen würden. Vielleicht versuche ich mir über meine Hände, Füße, Bauch, Augen, etc. auch Gedanken zu machen und zu schauen, ob die Körperteilgeschichten dann ein Ganzes ergeben.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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